Staunen ist der Anfang: Professor Ulrich Lüke über Schöpfung, Evolution und Glaube (Teil 1)

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WÜRZBURG, 24. Oktober 2007 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Die Frage des Verhältnisses von Schöpfung und Evolution treibt Papst Benedikt XVI. offenbar um. Zum zweiten Mal befasste er sich bei einer Tagung in Castel Gandolfo im Sommer mit diesem Thema. Ein Grund für das Interesse sieht der Aachener Professor für Systematische Theologie Ulrich Lüke im Anspruch bestimmter Evolutionstheoretiker, alle Phänomene bis hin zur Religion allein aus den von Darwin entdeckten Grundprinzipien von Mutation und Selektion erklären zu können: Die Evolution als neue Ideologie.



Der 1951 in Münster geborene Lüke nahm in diesem Jahr als Referent an der Tagung des Papstes teil. Er studierte Theologe, Philosophie und Biologie und hat zahlreiche Werke und Aufsätze zum Verhältnis von Naturwissenschaft und Theologie verfasst, darunter jüngst das Werk „Das Säugetier von Gottes Gnaden. Evolution, Bewusstsein, Freiheit“. Mit Professor Lüke sprach Christoph Scholz.

Herr Professor Lüke, weshalb misst der Papst dem Thema „Schöpfung und Evolution“ solche Bedeutung zu?

Der Papst ist wie die Kirche stets am Fortschritt der Wissenschaft interessiert. Und dazu gehören auch die beeindruckenden Erkenntnisse zur Evolution. Allerdings scheint die Evolutionstheorie nach dem Ende der großen Ideologien für nicht wenige Zeitgenossen als allumfassende Erklärung der Wirklichkeit übriggeblieben zu sein. Sie erheben den Anspruch, alle Lebens- und Wissensbereiche allein evolutionistisch zu erklären. So versuchen zum Beispiel Soziobiologen alles, auch die Religion evolutionistisch zu erklären und damit eine allumfassende Deutungshoheit zu gewinnen.

Wie begründen sie dies?

Sie zerlegen die Religion in die Bereiche Ritus, Mythos, Ethik und Mystik und behaupten, jeder Bereich sei im Rahmen der Evolution von selektivem Vorteil. Demnach stärkt etwa eine gemeinsame Ethik das Vertrauen einer Gruppe oder Gesellschaft. Dies sei dann ein Vorteil gegenüber anderen Gruppen. Oder sie sagen, die Religion fördere ein brutpflegefreundliches Verhalten. Damit ist die Religion für die Biologen lediglich eine populationsdynamische Umwegfinanzierung, sie ist nur insofern wahr, als sie der Evolution dient.

Der englische Biologe Richard Dawkins sieht in seinem soeben erschienenen Werk „God Delusion“, „Der Gotteswahn“ in der Religion hingegen eine evolutionäre Fehlentwicklung, die man bekämpfen müsse.

Wenn er schon einem derartigen Gedanken folgt, müsste er erklären, wie der Homo sapiens in seiner über einhunderttausendjährigen Geschichte ein solch „schädliches“ Verhalten entwickeln und mitschleppen konnte. Das alles ist schlecht durchdacht und dient weniger der Wissenschaft als vielmehr der medialen Selbstdarstellung.

Wo sehen Sie die Gefahren einer Absolutsetzung der Evolutionstheorie?

Die Evolutionstheorie ist eine naturwissenschaftliche Theorie und hat als solche einen empirisch bestimmten Aussagerahmen. Wenn man sie zu einer neuen Metaphysik aufbläst, verliert sie ihre naturwissenschaftliche Dignität. Eine naturwissenschaftliche Theorie, die sich selbst als Ganze oder auch eines ihrer Elemente, zum Beispiel den Zufall „metaphysiziert“ „metafüsiliert“ sich als Naturwissenschaft selber.

In welchem Sinne?

Sie verstrickt sich schon auf der Ebene der Erkenntnis in unaufhebbare Widersprüche. Den Zufall zur alles entscheidenden Größe in diesem Welttheater zu erheben ist keine Naturwissenschaft, sondern ein philosophisch unzureichend durchdachtes Glaubensbekenntnis. Wenn alles bis hin zur naturwissenschaftlichen Erkenntnis und zur Religion nur eine Finte der Evolution ist, um die biologische Fitness zu maximieren, dann wird auch die naturwissenschaftliche Erkenntnis selber zu einer Finte der Evolution, und der Zirkelschluss ist perfekt. Hier wird versucht, eine metaphysisch überhöhte Evolutionstheorie zur alles umfassenden Megatheorie zu kreieren.

Welche gesellschaftlichen Folgen sehen Sie bei einer ausschließlich biologischen Sicht auf den Menschen?

Der Mensch wird ein biologischer Gegenstand, über den man dann je nach Interessenlage verfügen kann. Das gilt für den Anfang des Lebens, bei der Embryonenforschung, wie für das Ende bei der Euthanasie. Mit einem Geschöpf von unantastbarer Würde gehe ich anders um, als mit einem x-beliebigen Bio-Produkt der Evolution. Wenn angeblich biologische Behauptungen, ein Mann sei von seiner Natur her für mehrere Frauen geschaffen, zur Legitimation eines entsprechenden Verhaltens werden, dann produziert man einen naturalistischen Fehlschluss: Dann wird von einem (angeblich) empirisch erhobenen Sein auf ein moralisches Sollen oder Dürfen geschlossen. Dann bin ich letztlich nicht für mein Verhalten verantwortlich, da ich nur dem biologisch vorgegebenen Trieb folge. Das Ergebnis ist eine Selbstentmündigung und Entwürdigung des Menschen: Er spricht sich selbst die Freiheit ab. Eine Ethik, die sich allein aus Zufall und Selektion begründet, nicht aus Liebe und Vernunft, ist keine Ethik, und das auf grausame Weise.

Angesichts dieser Perspektiven suchen vor allem in den USA immer mehr Menschen ihre Zuflucht im Kreationismus. Inzwischen wurde sogar ein Museum eröffnet. Die Kreationisten setzen auf ein wortwörtliches Verständnis der Bibel, wonach die Welt vor knapp 6.000 Jahren von Gott erschaffen wurde.

Der menschliche Wunsch nach einem geistigen Halt in einer hochkomplexen Welt ist nachvollziehbar. Doch darf dies nicht auf Kosten der Vernunft geschehen. Bei den beiden Schöpfungsgeschichten handelt es sich um Erzählungen, die tiefer liegende, überzeitliche Wahrheiten mitteilen. Sie sind also keine minderwertige Naturkunde darüber, wie es zum Menschen kam, sondern eine hochrangige „Ur-Kunde“ darüber, was es mit dem Menschen auf sich hat. Sieht man in ihnen hingegen naturwissenschaftliche Reportagen, dann tauchen schon auf den ersten Seiten der Bibel Widersprüche auf, da es zwei völlig divergente Schöpfungsgeschichten gibt. Wer in den zweieinhalb- bis dreitausend Jahre alten Erzählungen eine Alternative zu den Naturwissenschaften sieht, hat weder das Eine noch das Andere verstanden.

Dennoch sprechen die Bibel und die Kirche davon, dass sich der einzelne Mensch wie die Milliarden Lichtjahre entfernte Galaxie dem einen Schöpfer verdankt. Lebt der Gläubige damit in Parallelwelten: Als geliebtes Geschöpf Gottes einerseits und als Zufallsergebnis der Evolution andererseits? Lassen sich Glaube und Naturwissenschaft noch vereinbaren?

Davon bin ich als Biologe und als Theologe fest überzeugt. Solange die Naturwissenschaft tut, was ihr Handwerk ist, sehe ich keinerlei Widerspruch. Glaube verdankt sich ja nicht der Ignoranz: Es ist nicht so, dass die, die viel wissen, wenig glauben müssten und die, die viel glauben, wenig wissen dürften. Jeder – auch der Atheist – glaubt etwas, und er muss mit seiner Ratio über das, was er glaubt, Rechenschaft ablegen. Manchmal stellt man aber fest: Der Theologe weiß, dass er glaubt. Und der Naturwissenschaftler glaubt, dass er weiß.

Welche Haltung hat also die Kirche gegenüber der Naturwissenschaft?

Es ist kein Zufall, dass die naturwissenschaftliche Forschung und ihre technische Anwendung vor allem auf dem Boden der christlich-jüdischen Tradition entstanden sind. Denn Voraussetzung allen Forschens ist ein Grundvertrauen in die Erkennbarkeit der Welt. Wie der heilige Thomas sagt: „omne ens qua ens est intellegibile“, alles Seiende, insofern es ist, ist erkennbar. Alle Naturwissenschaftler, auch jene die nicht an Gott glauben, gehen zwangsläufig von dieser Grundhypothese aus. Wenn ich nun an einen Schöpfer glaube, der Logos ist, der mit seiner Schöpfung das Vertrauen in die Erkennbarkeit seiner Welt mitliefert und uns nicht dem blanken Chaos aussetzt, dann ist dies die beste Voraussetzung für die Forschung.

[Teil 2 erscheint morgen, Donnerstag; © Die Tagespost vom 20. Oktober 2007]