„Steht fest in der Gemeinschaft mit dem Herrn!“

Fastenhirtenbrief von Bischof Wiesemann

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SPEYER, 10. März 2009 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen den Hirtenbrief zum Thema „Steht fest in der Gemeinschaft mit dem Herrn!“ (Phil 4,1), den der Speyerer Diözesanbischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann zum zweiten Fastensonntag geschrieben hat.

Der Bischof, der auf die aktuelle Lage der Kirche eingeht und die Intention des Zweiten Vatikanischen Konzils erläutert, ermutigt die Gläubigen, sich intensiv mit den Quellen des Glaubens zu beschäftigen - „damit wir nicht wie Kinder dieser Weltzeit hin- und hergeworfen werden im emotionalen Strudel der Meinungen und Interessen“. Die Fastenzeit sei eine „einzigartige Chance“, um sich durch Verzicht wieder neu auf den inneren Raum des Geistes auszurichten.

„Wir dürfen uns nicht der Illusion hingeben, Zeugniskraft durch Anpassung gewinnen zu können. Der Verzicht muss zuerst uns selbst fordern, damit wir auch andere herausfordern und für den Glauben gewinnen können. Es gibt keinen Aufbruch des Geistes ohne das Kreuz, kein Öffnen von Fenstern und Türen ohne innere Standfestigkeit, mit der man sich auch dem Gegenwind stellen kann.“

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Liebe Schwestern und Brüder!

Unter den Briefen des heiligen Paulus nimmt der Philipperbrief eine besondere Stellung ein. Die Gemeinde im mazedonischen Philippi, die erste auf europäischem Boden, war dem umtriebigen Apostel besonders ans Herz gewachsen. Keiner anderen gibt er so stark Anteil an seinen inneren Leiden und Freuden, an den Kämpfen, Bedrängnissen und Hoffnungen. Das gilt besonders angesichts seiner eigenen schwierigen Lage: Paulus sitzt für sein Glaubenszeugnis „um Christi willen“ im Gefängnis, und die „Last der Ketten“ (Phil 1,13.17) drückt schwer angesichts dessen, was in der Welt und auch in seiner Gemeinde, in der Kirche Gottes, geschieht. Umso erstaunlicher ist, wie sehr sich die Freude als heiter gelassener Grundton durch den ganzen Brief zieht. Der mit dem scharfen Schwert des Wortes kämpfende Apostel zeigt sich hier in einem geradezu verklärten Licht voll Wärme und Herzlichkeit, voll liebender Sorge für seine Gemeinde, demütig, der Zukunft mit Gleichmut entgegen sehend und mit innerem Frieden erfüllt. Es ist der Grundton einer tief gereiften Zuversicht, die sich nicht mehr von Äußerlichkeiten einschüchtern lässt, sondern einen unvergänglichen Anker im Herzen geschlagen hat: „Unsere Heimat aber ist im Himmel.“ (3,20) „Darum“, so schreibt er, „steht fest in der Gemeinschaft mit dem Herrn.“ (4,1) Und an anderer Stelle: „Vor allem freut euch im Herrn. Euch immer das gleiche zu schreiben, wird mir nicht lästig, euch aber macht es sicher.“ (3,1)

Liebe Schwestern und Brüder, aufwühlende und viele Menschen verunsichernde Wochen liegen hinter uns. Beunruhigt fragen sich zahlreiche Gläubige, darunter nicht wenige mit Herzblut in der Kirche verwurzelte, wohin der Kurs der Kirche steuert. Gleichzeitig erleben wir auch, wie Feinde der Kirche mit in der Nachkriegszeit bisher noch nicht gekannter Hetze und Häme über die Kirche und insbesondere unseren Heiligen Vater herfallen und ihrem aufgestauten Hass freien Lauf lassen. In dieser Situation ist es gut, auf die mit brennender Sorge den Philippern ins Herz gerufene Mahnung des Apostels Paulus zu hören, „dass ihr in dem einen Geist feststeht, einmütig für den Glauben an das Evangelium kämpft und euch in keinem Fall von euren Gegnern einschüchtern lasst.“ (1,27f) Nicht Rückschritt und trotzig verbitterte Nostalgie vergangener Zeiten wie auch nicht Anpassung in säkularer Gleichmacherei sind das Gebot der Stunde, sondern geistlicher Tiefgang und Selbstvergewisserung aus den Quellen, so wie Paulus es den Philippern ins Herz schreibt: „Christus will ich erkennen und die Macht seiner Auferstehung und die Gemeinschaft mit seinen Leiden,… weil auch ich von Christus Jesus ergriffen worden bin.“ (3,10-12)

Das war die innerste Intention des II. Vatikanischen Konzils: Die Kirche soll aus den Quellen, von ihrem Ursprung her erneuert werden. Es war durchdrungen von der lebendigen Gegenwart des Auferstandenen inmitten seiner Kirche und von der bewegenden Kraft seines Geistes. In geradezu prophetischer Intuition hat das Konzil die tiefe Verunsicherung der heutigen Zeit über all das, was uns im Innersten festen Halt gibt, vorweg genommen und Antworten gegeben, die in ihrer geistlichen Fruchtbarkeit noch lange nicht ausgelotet sind: Antworten, die uns in der Kraft des uns als Volk Gottes gemeinsam geschenkten Geistes in unserer inneren Glaubenszuversicht herausfordern. Keine fertigen Antworten im Sinne einer rückwärtsgewandten Abgeschlossenheit, sondern aufbrechende und mutmachende Wegweisungen, die uns helfen, in der Welt von heute aus den alten Quellen mit neuer Frische glauben und leben zu können.

Daher, liebe Schwestern und Brüder, ist es dringend an der Zeit, uns wieder den Quellen unseres Glaubens intensiv zuzuwenden, damit wir nicht wie Kinder dieser Weltzeit hin- und hergeworfen werden im emotionalen Strudel der Meinungen und Interessen. Die österliche Bußzeit eröffnet uns dafür alljährlich eine einzigartige Chance. Durch den körperlichen Verzicht richtet sich unsere Konzentration wieder auf den inneren Raum des Geistes aus. In einer alten Präfation zur Fastenzeit heißt es: „Durch das Fasten des Leibes hältst du die Sünde nieder, erhebst du den Geist, gibst du uns die Kraft und den Sieg durch unseren Herrn Jesus Christus.“ Wir überwinden die Glaubenskrise unserer Zeit nicht mit äußeren Mitteln, sondern mit in solcher Ernsthaftigkeit gewonnener mentaler Präsenz. Wir dürfen uns nicht der Illusion hingeben, Zeugniskraft durch Anpassung gewinnen zu können. Der Verzicht muss zuerst uns selbst fordern, damit wir auch andere herausfordern und für den Glauben gewinnen können. Es gibt keinen Aufbruch des Geistes ohne das Kreuz, kein Öffnen von Fenstern und Türen ohne innere Standfestigkeit, mit der man sich auch dem Gegenwind stellen kann.

Die Chance der Krise, in die die Kirche in den letzten Jahrzehnten nach dem Konzil immer tiefer geraten ist, liegt darin, dass wir die befreiende Kraft des Glaubenswagnisses wieder neu entdecken dürfen, die tiefe Wahrheit und Ehrlichkeit, die den Mut hat, auch vom Kreuz zu sprechen, vom Verzicht, von der Hingabe – und den Glauben nicht zu einem Wahlprogramm verunstaltet, an das keiner mehr glaubt. Wir waren wahrscheinlich vielfach zu naiv und vielleicht auch zu bequem. Wir haben Weltoptimismus schon für Glaubensoptimismus gehalten und haben dabei die innere Freude eingebüßt, von der der Apostel Paulus unermüdlich im Philipperbrief spricht. Er weiß dort auch um die Vielen, die „als Feinde des Kreuzes“ leben: „Ihr Gott ist der Bauch … Irdisches haben sie im Sinn.“ (3, 18f) Und daher spricht er „unter Tränen“ zu seiner geliebten Gemeinde, dem „Siegespreis“ der „himmlischen Berufung“ mit allen Kräften „nachzujagen“. (3,14) Und immer wieder bricht die Glaubenszuversicht und die Freude durch, die sich in solchem geistlichen Prozess freisetzt: „Freut euch im Herrn zu jeder Zeit … Der Herr ist nahe.“ (4,4)

Zu solcher Erneuerung aus den Quellen gehört vor allem, dass wir die Heilsmittel, die Christus seiner Kirche geschenkt hat, in ihrer Fülle für unser Leben wieder neu entdecken und lebendig werden lassen. Da sind zunächst einmal die bewusste Tauferneuerung und das Bußsakrament zu nennen. Ich bin immer mehr zu der Überzeugung geführt worden, dass es keine Erneuerung der Kirche ohne Wiederbelebung des Sakramentes der Versöhnung geben kann. Wenn das Gebot der Stunde ist, die Menschen zum persönlichen Glaubenszeugnis zu befähigen, dann müssen wir ihnen auch Mut zur persönlichen Beichte machen, zur wunderbaren Erfahrung der Versöhnung mit Gott und den Menschen in diesem Sakrament. Ich habe gerade junge Menschen erlebt, die durch diesen persönlichen Zuspruch der Gnade die Kraft zum Glaubenszeugnis gewonnen haben. Und wie wollen wir unter den jungen Menschen Priester als leidenschaftliche Seelsorger für die Zukunft gewinnen, wenn wir uns nicht innerlich öffnen und Vertrauen schenken? Sind wir nicht auch selbst mit schuld, wenn Priester immer mehr befürchten, reine Manager zu werden? Daher rufe ich Ihnen mit dem Apostel Paulus zu: „Lasst euch mit Gott versöhnen!“

Liebe Schwestern und Brüder! Leben wir neu aus den uns geschenkten Quellen des Glaubens: aus dem Wort Gottes, auf das wir aufmerksamer hören, aus der innigen Begegnung mit Christus in der heiligen Kommunion, auf die wir uns gewissenhafter vorbereiten, und aus der liebenden Hingabe mit Christus an die Nöte unserer Nächsten, für die wir uns mutiger einsetzen! Bei meiner Rundreise durch die 24 Pfarrverbände unseres Bistums habe ich soviel von diesem Leben aus den Quellen verspürt, dass ich immer bereichert worden bin durch diese Treffen und vor allem durch die gemeinsame Feier der Eucharistie. Teilen wir die Gaben des Geistes miteinander, dann wächst auch die Freude aneinander, die wahre Freude des Glaubens! Und mit ihr wächst der echte Optimismus, die Zuversicht des Gewinnens in Christus, die die Verlustängste unserer Zeit besiegt. Dann brauchen wir auch keine Angst haben, wohin der Kurs der Kirche geht. Eine Gemeinschaft von über einer Milliarde Christen wird nicht durch irgendwelche Gruppen am Rande verändert, sondern durch die Erneuerung, die sich in ihrer Mitte vollzieht. Genau da aber sind wir alle gefordert.

Daher rufe ich uns allen mit dem Apostel Paulus zu: „Sorgt euch um nichts, sondern bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten mit Dank vor Gott! Und der Friede, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken in der Gemeinschaft mit Christus Jesus bewahren.“ (4,6f) Dazu segne Euch, Eure Gemeinden und Familien, der allmächtige und liebende Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen.

Speyer, den 8. März 2009

Ihr Bischof

Karl-Heinz Wiesemann

[Vom Bistum Speyer veröffentlichtes Original]