Sterben, um zu neuem Leben zu erstehen

Das Fest Allerheiligen und der Gedenktag Allerseelen erinnern den Christen an seine Berufung

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Von Pietro Barbini

ROM, Mittwoch, den 31. Oktober 2012 (ZENIT.org). ‑ Seit dem 4. Jahrhundert feiert die Kirche das Hochfest Allerheiligen. Bekanntlich wird der Ursprung dieses gebotenen Feiertags dem alten heidnischen Fest keltischen Ursprungs, genannt „Samhain“, das im antiken Irland den Monat November einläutete und das „Ende des Sommers“ symbolisierte, zugeschrieben.

Für die Kelten waren die Mond- und Sternenzyklen, die den Lauf der Zeit bestimmten, wichtig, da für sie der Ackerbau und dessen markierter Rhythmus mit diesen Zyklen untrennbar verbunden war. Man teilte das Jahr für gewöhnlich in zwei Teile: Sommer und Winter; der „Samhain“, stellte den Übergang vom Sommer zum Winter, das heißt vom alten zum neuen Jahr dar, und gerade in diesem Augenblick des Übergangs, der zwischen den 31. Oktober und den 1. November fiel, vermischte sich nach Auffassung der Kelten die Welt der Verstorbenen mit der der Lebenden. In dieser Nacht verrichtete man orgiastische Kultrituale, Sühne- und Fruchtbarkeitsriten und brachte dem Gott „Cromm Cruaich“ eine große Menge Opfer dar (diese Gepflogenheit wurde vom heiligen Patrick abgeschafft).

Viele würden gerne den Ursprung des Hochfests Allerheiligen und des Gedenktags Allerseelen in diesem Fest sehen, wenn möglich sie sogar miteinander identifizieren. Doch wenn die Feierlichkeiten vom 1. und 2. November auch auf den ersten Blick Ähnlichkeiten mit dem alten Fest aufweisen, so sind sie doch vom Wesen und Inhalt her grundverschieden. Die ängstliche Frage nach dem Tod, nach dem, was das Jenseits bringen wird, sowie die Frage, ob ein Jenseits überhaupt existiert, sind so alt wie die Menschheit.

Auch wenn man – verglichen mit der heutigen Zeit, vor allem in atheistischen Gesellschaftskreisen – in der Antike den Tod in gewissem Sinne bewusster lebte, stellte er doch ein negatives Ereignis dar, weil der Tod unerklärlich war (weswegen Platon im dritten Buch der Republik empfahl, nicht über den Tod zu sprechen, eben gerade um die Bürger nicht zu verstören). Damals wie heute hat man stets versucht, das Thema einer Zensur zu unterziehen und es auf die verschiedensten Weisen seines unseligen Charakters zu entledigen (was ist eigentlich Halloween anderes, als der Versuch, unter der Begleitung von Spielen, Süßigkeiten und Ironie über die Furcht vor dem Tode einen Exorzismus zu sprechen?).

Außerdem ist bekannt, dass man in der antiken Welt, in der der Glaube, dass die Toten zurück ins Leben kommen, um die Lebenden zu quälen, relativ verbreitet war, eine Art respektvolle Angst gegenüber den Verstorbenen hegte. Viele Völker im Norden Europas pflegten gerade aufgrund dieses Aberglaubens, Leichname zu verbrennen oder über dem Grab dornenreiche Büsche zu pflanzen. Insbesondere pflegten die Franken die Leichname von Kleinkindern auf in der Erde eingelassenen Pflöcken aufzuspießen, insofern man glaubte, dass totgeborene Kinder zum Himmel aufsteigen würden, um den Erwachsenen Vorhaltungen zu machen, weil sie um ihr Leben betrogen worden waren.

Das Christentum bringt demgegenüber einen völligen Wandel, denn für den Christen folgt nach dem Tod das Paradies. In der Tat versteht das Christentum den Tod als Durchgangsphase zum Leben, als den Augenblick, der das Ende des irdischen Lebens und den Anfang des ewigen Lebens kennzeichnet, worauf jeder Christ wartet und worauf er zu warten berufen ist. Gregor der Große pflegte zu sagen, dass „das Leben des Menschen beginnt, wenn der fleischliche Tod in dieser sichtbaren Welt vorüber ist.“

Das Fest Allerheiligen, an dem jeder den eigenen Namenstag begehen kann, sowie der Gedenktag Allerseelen, den wir am darauf folgenden Tag feiern, erinnern uns an den Kern der Frohen Botschaft, indem sie allen Gläubigen vor Augen führen, dass Heiligkeit kein Privileg der Heiligen ist, sondern, dass jeder Christ dazu berufen ist, nach Heiligkeit zu streben, indem er das gegenwärtige Leben mit einem auf das Himmelreich gerichteten Sinn lebt. Der heilige Paulus ermahnt uns im Brief an die Kolosser: „Ihr seid mit Christus auferweckt; darum strebt nach dem, was im Himmel ist, wo Christus zur Rechten Gottes sitzt. Richtet euren Sinn auf das Himmlische und nicht auf das Irdische!“ Irdisches ist nämlich alles zum Zerfall bestimmt. Wir selbst werden eines Tages diesen Leib verlassen; dem heiligen Basilius zufolge ist es aber das Dauerhafte, worauf wir unseren Sinn richten.  

[Übersetzung des italienischen Originals von P. Thomas Fox LC]