Studienerlebnis Weltkirche

Trotz aller Hürden im Alltagsleben: Ein Plädoyer für den Hochschulstandort Rom

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Von Martin Schlag



WÜRZBURG, 16. Juli 2009 (Die Tagespost.de/ZENIT.org).- Die Zahlen sprechen Bände. Insgesamt etwa 20.000 nicht italienische Studentinnen und Studenten der Theologie verteilen sich auf die neun Päpstlichen Universitäten und „Athenäen“ sowie die vierzehn selbstständigen theologischen Fakultäten und Institute in Rom. 120 Kollegs stehen den Priestern und Priesteramtskandidaten als Wohnstätten zur Verfügung. Was bewegt sie, nach Rom zu kommen? Was bewegt die Träger der Einrichtungen, den großen finanziellen und personellen Aufwand zu erbringen, diese akademischen Institutionen zu gründen und zu erhalten? Was motiviert einen Universitätslehrer, in Rom zu forschen und zu unterrichten?

Gleich vorweg: Es soll niemand hier studieren oder lehren, der meint, dass er oder sie an einer deutschsprachigen Universität nicht ebenso gut, oder vielleicht sogar fachlich besser, Theologie studieren kann. Gerade der Pontifikat des deutschen Theologen und Papstes Benedikt XVI. macht deutlich, dass Deutschland große Theologen hervorzubringen imstande ist.

Dennoch gibt es in Rom ein einzigartig facettenreiches Angebot an theologischen Veranstaltungen wie in keiner anderen Stadt der Welt. Ein Blick auf die Homepage www.pilgerzentrum.de mit weiteren Links kann das bestätigen. Die römischen Fakultäten bieten akademisch sehr viel: Wo kann man in der Breite Philosophie studieren wie an den römischen Fakultäten? Oder orientalische Sprachen (Pontificio Istituto Orientale), biblische Theologie (Pontificio Istituto Biblico), Christliche Archäologie (Pontificio Istituto di Archeologia Cristiana), Spiritualität (Theresianum, Santa Croce), Missionstheologie (Urbaniana), Liturgie (SantAnselmo, Santa Croce)? Wo bemühen sich die Dozenten persönlich um die Alumnen in der Intensität wie hier? Wo gibt es so viele Tagungen und Vorträge zu allen Gebieten der Theologie?

Hier – im Herzen der Kirche – strömt alles zusammen. Rom bietet eine Mischung aus Kunst, Kultur und Kirche wie keine andere Stadt weltweit. Ein Studium in der Ewigen Stadt birgt große Chancen.

Freilich sollen die Schwierigkeiten oder Argumente gegen ein Studium in Rom nicht kleingeredet werden. Bei aller künstlerischer Pracht ist Rom keine einfache Stadt, was das Alltagsleben betrifft. Besonders die Bürokratie und der öffentliche Transport scheinen miteinander in puncto Langsamkeit und Ineffizienz zu wetteifern. Auch kommt ein Theologiestudent an einer römischen Universität vielleicht in das Schräglicht des „Karrierismusvorwurfs“ oder spürt nach seiner Rückkehr in die Heimat am eigenen Leib den „anti-römischen Affekt“. Trotzdem lohnt es sich, hier wenigstens eine Zeit lang zu studieren.

Das Einzigartige Roms liegt wohl darin, dass es wie kein anderer Ort der Welt die tägliche unmittelbare Erfahrung von Weltkirche und Universalität vermittelt. Das Zusammenleben und gemeinsam Studieren, das Diskutieren und Vergleichen von Traditionen aus fünf Kontinenten, sogar in verschiedenen Sprachen, führt unweigerlich dazu, die eigenen engen Grenzen zu erweitern. In das eigene Leben und Denken kann sich so das „munus petrinum“ einprägen, das Papst Benedikt XVI. einmal so umschrieben hat: Es sei Aufgabe des Papstes sicherzustellen, dass die christliche Kirche nie mit nur einer Nation, einer Sprache, einer Kultur, identifiziert wird, sondern weltweit, katholisch bleibt. In Rom zu studieren bedeutet auch, unweit der Gräber der Apostel zu studieren, in erster Linie jener von Petrus und Paulus. Doch zehn der zwölf Apostel haben – auf verschiedenen Umwegen – in Italien ihre letzte Ruhestätte gefunden. Die Apostel sind das bleibende Fundament der Kirche, deren Glauben wir als „apostolisch“ bekennen. Als die Apostel im Abendmahlssaal den Heiligen Geist empfingen, war die ganze Kirche, die Universalkirche, in ihnen gegenwärtig. Sie trugen sie hinaus in die ganze Welt und gründeten die Teilkirchen, in denen und aus denen die Universalkirche besteht. So ergibt sich ein Verhältnis gegenseitiger Immanenz von Teil- und Universalkirche, der man in Rom ständig begegnet. Mehr noch als im Studium bei der Mitfeier der päpstlichen Liturgie in einer der römischen Basiliken. In welcher Stadt sonst kann man jeden Sonntag den Angelus gemeinsam mit dem Nachfolger Petri beten?

All das hat Papst Johannes Paul II. einmal als „imparare Roma“ bezeichnet, „Rom lernen“ – nicht bloß kennenlernen, wie es die Touristen tun, sondern Rom selbst, den Geist der Kirche einatmen und in sich aufnehmen. Ich selbst lehre an der Päpstlichen Universität vom Heiligen Kreuz, die sich der Liebe des heiligen Josefmaria zur Kirche verdankt. Er pflegte die Worte des heiligen Paulus aus dem Galaterbrief zu wiederholen: „videre Petrum“ (Gal 1, 18). Er, Paulus, sei nach Jerusalem gegangen, um Petrus zu sehen. Der heilige Josefmaria wandte das auf den Papst an und verband damit die Hoffnung, dass ein Studienaufenthalt in Rom eine weltoffene, universale Sicht begründet.

In Rom zu forschen und zu unterrichten bringt eine große Nähe zu den Kongregationen und Kommissionen des Heiligen Stuhls mit sich. Das hat Vor- und Nachteile. Einerseits Nachteile: Es bedeutet Zeitaufwand, der für die Erstellung von Gutachten und sonstigen Diensten erforderlich ist; die Nähe erschwert vielleicht auch die Entwicklung wirklich innovativer Zugänge. Andererseits aber auch große Vorteile: In erster Linie die Kenntnis der Probleme aus aller Welt, man ist sozusagen immer in vorderster Front dabei; hier in Rom wird der Theologe, wenn auch ohne namentlich aufzuscheinen, an der Erstellung lehramtlicher Dokumente beteiligt und kann so selbst mit Hand anlegen an den Entwicklungen und Entscheidungen des päpstlichen Lehramts.

Auch für die Studierenden ist das wichtig. Die Studenten des Kirchenrechts etwa haben die Gelegenheit, hier die „Praxis der Kurie“ aus der Nähe mitzuerleben und von ihren Professoren, die oft auch in einem der Gerichtshöfe oder Ämter mitarbeiten, kennenzulernen. Und last but not least: Rom ist einfach wunderschön!

[© Die Tagespost vom 16. Juli 2009]