Suburbikarische Bistümer, Titelkirchen und Diakonien einst und jetzt

Ulrich Nersinger untersucht Ursprung und Geschichte der Titelkirchen Roms

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Von Ulrich Nersinger*

ROM, 22. Februar 2012 (ZENIT.org). - In den kommenden Wochen werden Besucher und Bewohner der Ewigen Stadt Zeugen besonderer Feiern in römischen Kirchen werden. Im Öffentlichen Konsistorium vom 18. Februar 2012 hatte der Heilige Vater zweiundzwanzig Geistliche aus aller Welt in das Kardinalskollegium berufen, ihnen das Rote Birett aufgesetzt, einen kostbaren Ring angesteckt und Gotteshäuser in der Ewigen Stadt zugewiesen. Mit der Übertragung von Titelkirchen und Diakonien an die neuen Purpurträger wurden diese symbolisch dem römischen Klerus zugerechnet. Laut dem kirchlichen Gesetzbuch aus dem Jahre 1983 verfügen die Kardinäle in diesen Gotteshäusern jedoch über keine Leitungsgewalt und sollen „sich in keiner Weise in die Angelegenheiten einmischen, die sich auf deren Vermögensverwaltung, Diziplin oder kirchlichen Dienst beziehen“; es wird ihnen aber eindringlich empfohlen, „das Wohl dieser Kirchen mit Rat und Schirmherrschaft zu fördern“.

Die „presa di possesso“, die Besitzergreifung eines Titels oder einer Diakonie, ist sowohl für den Kardinal wie auch für die römische Gemeinde eine wichtige Zeremonie und ein beeindruckendes Geschehen. Ist der Kardinal ein Mitglied der Kurie finden sich häufig auch die Mitarbeiter seiner Behörde zu der Feier ein; manche auswärtigen Purpurträger reisen mit Pilgerzügen und -flügen aus ihrer Diözese an;  bei den nichtitalienischen Kardinälen nehmen oft die beim Heiligen Stuhl und der Republik Italien akkreditierten Botschafter des Heimatlandes und die Alumnen des jeweiligen Nationalkollegs an der Zeremonie teil.

Nach der Besitzergreifung erfolgt ein Zusammentreffen des Purpurträgers mit dem Klerus und den Gläubigen seines Titels oder seiner Diakonie. Der Kardinal wird sich bei dieser Gelegenheit auch danach erkundigen, wie er „seine“ Kirche unterstützen kann. Purpurträgern aus reichen Ländern werden oft Gotteshäuser anvertraut, die dringend einer Renovierung bedürfen, oder die sich in den ärmeren römischen Stadtvierteln befinden und deren Gemeinden für jede ideelle und materielle Unterstützung dankbar sind. Immer schon haben sich die meisten der Kardinäle verpflichtet gefühlt, ihrem Titel oder ihrer Diakonie die notwendige Unterstützung zukommen zu lassen; viele Gedenktafeln und Inschriften bezeugen diese Verbundenheit eines Kardinals mit „seiner“ Titelkirche oder Diakonie

Kardinalbischöfe wurden erstmals zu Beginn des 9. Jahrhunderts erwähnt. Diese Bischöfe aus der unmittelbaren Umgebung der Stadt Rom waren eingesetzt worden, „als die Entwicklung der Kirche den Papst gezwungen hatte, Gehilfen zu wählen, die sein apostolisches Amt bei den Gläubigen der Nachbarbistümer ausübten sollten“ (Petrus Canisius Jean van Lierde, Das Kardinalskollegium, Aschaffenburg 1965, 11). Der Ursprung der suburbikarischen Bistümer lässt sich bis ins 5. Jahrhundert hinein verfolgen.

Da die Kirche in Rom in den ersten Jahrhunderten ihres Bestehens immer wieder Verfolgungen ausgesetzt war, mussten sich die Christen zu ihren Gottesdiensten in Privathäusern einfinden. Manche dieser Häuser wurden schon im dritten Jahrhundert den Gemeinden von reichen Christen ausschließlich zum Gottesdienst zur Verfügung gestellt. Diesen Häusern gab man die Bezeichnung „tituli – Titel“. Manche der Tituli verwiesen auf den ursprünglichen Besitzer (Titulus Vestinae), andere trugen schon früh den Namen eines Heiligen. In jedem der Titel befand sich ein geräumiger Saal für die Zusammenkünfte, bei denen das eucharistische Opfer gefeiert wurde; daneben gab es aber auch Wohnräume für die Priester und die verschiedenen Kirchendiener, die den Dienst in dem zu dem Titel gehörigen Gebiet, später Pfarrei genannt, zu versehen hatten. Vom 6. Jahrhundert an wurde der geistliche Vorsteher eines Titulus „Kardinalpriester“ genannt.

Schon in den Anfangszeiten der Kirche von Rom gab es Diakone, die dem Papst zur Seite standen. Schon bald erhielten diese Verantwortung für die Verwaltung des kirchlichen Besitzes, u. a. waren sie auch mit der Gewährung von Almosen betraut. Unter Papst Fabian (236-250) wurden ihnen weitreichende Aufgaben in den vierzehn Regionen der Ewigen Stadt zugeteilt. Pietro Amato Frutaz sieht den Ursprung der Kardinaldiakonien jedoch nicht in diesen alten römischen Verwaltungsbezirken sondern in Einrichtungen, die in Ägypten entstanden waren und zwar in den mit Klöstern verbunden Almosenstätten (Enciclopedia Cattolica IV, 1950, 152). Ein im 20. Jahrhundert aufgefundener ägyptischer Papyrus erbrachte den Nachweis, dass es neben diesen monastischen Diakonien entsprechende Diözesandiakonien gab.

Von Ägypten aus kamen die Diakonien über Palästina und Konstantinopel nach Italien. In Rom wurden diese die Zentren der sozialen Fürsorge des Papstes; „zu den leitenden Persönlichkeiten einer römischen Diakonie gehörten der Pater Diaconiae, dessen Befugnisse denen eines römischen Paterfamilias entsprachen, ein Dispensator oder Vorsteher der Verwaltung und mehrere Diener, die Diaconitae genannt wurden – die Letzteren gehörten meist dem Mönchsstand an und hatten die Aufgabe, die Armen aufzunehmen, ihnen behilflich zu sein und sie jeden Donnerstag in einer Prozession unter Psalmengesang zum Bade zu führen“ (Petrus Canisius van Lierde). In der Mitte des 8. Jahrhunderts spricht Papst Zacharias (741-752) von den Kardinaldiakonen der Stadt Rom. Vom 9. Jahrhundert an begann die Arbeit der Diakonien zu erlahmen, so dass man bis zum 11. Jahrhunderts nichts mehr Wesentliches von ihnen erfährt.

Viele suburbikarische Bistümer, Titelkirchen und Diakonien erlebten in den vergangenen Jahrhunderten eine wechselvolle Geschichte. Manche bestanden nur für eine kurze Zeitspanne, andere erloschen, weil sie zerstört wurden oder zerfielen, einige wurden aufgehoben, später jedoch neubegründet oder deren Titel auf andere Kirchen übertragen. In den letzten Jahrzehnten wuchs die Zahl der Titelkirchen und Diakonien in beträchtlichem Maße. Die Erweiterung des Kollegiums der Kardinäle durch Johannes XXIII., Paul VI., Johannes Paul II. und Benedikt XVI. hatte dies bedingt. So erfuhren und erfahren nun auch viele junge Kirchen der Ewigen Stadt diese hohe Auszeichnung.

Das jeweilige aktuelle Verzeichnis der suburbikarischen Bistümer, Titelkirchen und Diakonien kam dem „Annuario Pontificio“, dem Päpstlichen Jahrbuch, entnommen werden.

*Ulrich Nersinger ist Historiker und Spezialist für Geschichte der Päpste und des Vatikanstaates. Er studierte Philosophie und Theologie in Bonn, Wien und Rom und am Päpstlichen Institut für Christliche Archäologie. Er ist Mitglied der „Pontificia Accademia Cultorum Martyrum“. Unter seinen zahlreichen Veröffentlichungen sind ein zweibändiges Werk „Liturgien und Zeremonien am Päpstlichen Hof" und sein neuestes Werk „Tiara und Schwert - Die Päpste als Kriegsherren“.