"Südkorea ist voller Erwartung und Vorfreude"

Interview zum Papstbesuch mit Johannes Klausa, Leiter des südkoreanischen Büros von "Kirche in Not"

München, (KIN) Redaktion | 445 klicks

Papst Franziskus besucht vom 14. bis 18. August Südkorea. Über die Hintergründe dieser Reise und die Erwartungen im Land berichtet der Leiter des südkoreanischen Büros des weltweiten Hilfswerks "Kirche in Not", Johannes Klausa.

Das Gespräch führte André Stiefenhofer.

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Herr Klausa, warum hat sich Papst Franziskus entschlossen, Südkorea zu besuchen?

Dass der Papst die Jugend der Welt als Fackelträger des Glaubens ganz besonders im Herzen trägt, davon zeugte bereits die Wahl des Ziels seiner ersten Auslandsreise, des Weltjugendtags in Rio. In den Tagen des Papstbesuchs versammelt sich die Katholische Jugend Asiens in Korea auch zum "Asia Youth Day". Franziskus nutzt hier geschickt die Chance, sich von Korea aus gezielt an die Jugend des gesamten Kontinents zu wenden. 

Wie kaum ein anderes asiatisches Land steht Korea für die beiden Themen Christenverfolgung und Wachstum, die dem Heiligen Vater besonders wichtig sind. 1953, nach dem Ende des Koreakrieges, lebten in Korea etwa 190 000 Katholiken. Heute, nur 60 Jahre später, sind es bereits über 5,4 Millionen! Besonders beeindruckend die Entwicklung der letzten 25 Jahre, denn vor dem letzten Besuch eines Pontifex in Seoul, im Jahre 1989, gab es gerade einmal 1,5 Millionen. 

Die koreanische Kirche ist aber auch gebaut auf dem Blut und Zeugnis von knapp 10 000 Märtyrern. Katholiken standen im 18. und 19. Jahrhundert im krassen Gegensatz zu den konfuzianistischen Riten der Sogeon-Dynastie, wie etwa der Ahnenverehrung oder Huldigung des Königs. Wenn Christen ihrem Gott nicht öffentlich widersagten, kostete sie das in der Regel den Kopf. Papst Johannes Paul II. hat 1984 bereits 103 dieser Märtyrer heiliggesprochen. Im Mittelpunkt der diesjährigen Reise steht die Seligsprechung weiterer 124 koreanischer Märtyrer um Paul Yunji Chung, unter denen lediglich ein einziger Priester ist. Koreas Kirche ist eine Laienkirche. Als der erste Priester Ende des 18. Jahrhunderts koreanischen Boden betrat, gab es dort bereits 4000 Katholiken. Gelehrte hatten den Katholizismus am Hof von Peking studiert, sich taufen lassen und ihren Glauben nach Korea getragen. Laien spielen in der Koreanischen Kirche also in der Regel eine herausragende Rolle. Auch Papst Franziskus wird nicht müde zu betonen, dass jeder einzelne Gläubige das Evangelium verkündigen soll.  

Schließlich steht Korea wie kaum ein anderes asiatisches Land im Scheinwerferlicht der Weltöffentlichkeit. Neben dem Heiligen Land ist die koreanische Halbinsel ein weiterer Konfliktherd der Weltpolitik, der in erschreckender Regelmäßigkeit auflodert und die ganze Welt in Sorge versetzt. Korea steht als Symbol dafür, dass die Welt Frieden und Versöhnung dringend nötig hat. Nach seinen bedeutenden Gesten in Israel und Palästina könnte der Papst nun auch hier ein Zeichen setzen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass sein Besuch neue Impulse für das eingefrorene innerkoreanische Verhältnis mit sich bringen kann. Der Erzbischof von Seoul, Andrew Kardinal Yeom Soo-jung sprach jüngst in einem Interview davon, dass er hoffe, dass der Papst "Kim Jong-Un und die südkoreanische Präsidentin Park segne und beiden eine Zukunft in Frieden wünsche". Das größte Wunder, das dieser Besuch mit sich bringen könnte, wäre eine Rückkehr zum Dialog zwischen Süd- und Nordkorea. 

Wenn der Papst in Korea für Frieden und Versöhnung betet, denkt er jedoch nicht nur an Versöhnung zwischen den beiden Koreas. Am 15. August – also während des Besuches des Heiligen Vaters – jährt sich die Kapitulation Japans im Pazifikkrieg und somit die Befreiung Koreas (und der ganzen Region) von einer grausamen Kolonialzeit.

Wie bereiten sich die Menschen im Land auf den Besuch vor?

Als mich vor wenigen Wochen Kardinal Yeom Soo-jung zu einem Gespräch in seinem Büro empfing, sprang mir gleich ein Kissen mit einem Comic-Papst ins Auge. Autorität und Darstellung als Comic stehen in Korea ganz und gar nicht im Widerspruch. Auf Sympathiepunkte durch diese Form der Darstellung setzen auch Politiker im Wahlkampf und sogar die Polizei. Ähnliche Darstellungen des Papstes sehe ich mittlerweile überall im Lande. Die Palette reicht von Papst-Franziskus-Schlüsselanhängern über Plastikfiguren, Halstüchern und natürlich Papst-T-Shirts. Besonders interessant finde ich, dass die T-Shirts, die die Tausenden freiwilligen Helfer bei den Veranstaltungen mit Papst Franziskus tragen werden, von nordkoreanischen Arbeitern in der Sonderwirtschaftszone Kaesong gefertigt wurden. Dort beschäftigen südkoreanische Unternehmen knapp 50 000 nordkoreanische Arbeiter. Ob diese Arbeiter wohl wissen, dass sie einen Papstbesuch mit vorbereitet haben?   

38 Koreanische Prominente haben für den Papstbesuch außerdem eine offizielle Hymne aufgenommen, die bei den verschiedenen Veranstaltungen gespielt werden soll. Natürlich verzichteten sie auf eine Gage, und der Erlös fließt direkt in ein soziales Projekt. Es ist ein Lied über Freundschaft und Gemeinschaft: "Koinonia – Wir alle werden ein Geschenk sein". Der Komponist und Mit-Organisator, Roh Young-Shim, sieht seinen Song als eine Art Begrüßungs-Blumenstrauß für den Heiligen Vater. 

Auch Sicherheitsfragen stehen auf der Agenda des Vorbereitungskommittees. Der Papst bat offiziell darum, bei seinem Besuch nicht in einer kugelsicheren Limousine, sondern in einem koreanischen Kleinwagen durch die Stadt gefahren zu werden. Wer den Papst aus nächster Nähe erleben will, musste sich bereits vor Monaten in seiner Gemeinde bewerben und bekam, wenn er ein wenig Glück hatte, einen Platz bei einer der großen Veranstaltungen zugelost. Nur 1000 Personen haben die Ehre, der Messe für Frieden und Versöhnung in der Kathedrale beiwohnen zu dürfen. 

Bei all dem geistlichen und weltlichen Wirbel um den Besuch des Pontifex rief Bischof Peter Kang U-iI, der Vorsitzende der Koreanischen Bischofskonferenz, den Gläubigen jüngst eindringlich in Erinnerung, dass es sich beim Papstbesuch nicht um ein weltliches Spektakel handle. Ziel sei die "Heilung der Seelen der Jugend". Man müsse sich auf das Wesentliche konzentrieren. 

Natürlich bereitet sich Korea nicht nur mit Popsongs und Plastikpuppen, sondern auch in Gebetsgruppen, Lektüre und mit einem speziellen Gebet auf den Besuch des Papstes vor. Die Priester fordern ihre Gemeindemitglieder dazu auf, sich inhaltlich intensiv mit der Biografie und der Enzyklika "Evangelii Gaudium" auseinanderzusetzen. Auch in den säkularen Buchhandlungen biegen sich die Tische vor lauter Biografien und anderen Büchern über Papst Franziskus, von Pater Spadaros Interview bis zu "Der Papst twittert" von Schwester Lee Hae-In. Das ganze Land freut sich auf den Besuch des Heiligen Vaters und ist gründlich vorbereitet.

Was werden Ihrer Meinung nach die Schwerpunkte des Papstbesuches sein? Worum wird es Franziskus vor allem gehen, welche Akzente und Aussagen können wir erwarten?

Die Schwerpunkte des diesjährigen Papstbesuches lassen sich recht gut am Programm ablesen: Überschrieben ist sein Besuch mit dem Vers Jesaja 60,1: "Mache dich auf, werde Licht! Denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir." Eine direkte Aufforderung an jeden Gläubigen. 

Beim "Asia Youth Day" in Daejeon wendet sich der Papst gezielt an die katholische Jugend Asiens. Das Treffen steht unter dem Motto "Jugend Asiens erwache! Die Herrlichkeit der Märtyrer scheint auf Euch". Der Papst wird den jungen Menschen seine Sympathie und seinen Dank aussprechen, sie aber auch in die Pflicht nehmen und ihnen sagen, dass sie die Zukunft der Kirche Asiens sind und er fest auf sie baut. Er wird ihnen das Leben und Sterben der Märtyrer vor Augen halten und auftragen, im Glauben zu leben, sich von der modernen Welt und ihren Verführungen nicht in die Irre führen zu lassen, seine Kirche zu verteidigen und durch gelebtes Vorbild weiterzutragen.

Ein Höhepunkt seiner Koreareise ist die Seligsprechung der 124 Märtyrer. Das Thema der Märtyrer und der verfolgten Kirche wird den Papst auf dem gesamten Besuch begleiten. Er wird betonen, dass in manchen Teilen der Welt auch heute noch Christen tagtäglich, benachteiligt, eingesperrt und um ihres Glaubens Willen ermordet werden. Nur etwa 50 Kilometer werden ihn von der innerkoreanischen Grenze trennen. Nördlich der Demarkationslinie kann allein der Besitz einer Bibel zu Arbeitslager oder gar Exekution führen. Ich gehe davon aus, dass Papst Franziskus dies höchstens vorsichtig andeuten wird. Bei der Messe für Frieden, Versöhnung und Wiedervereinigung wird er kein weiteres Öl ins Feuer des innerkoreanischen Konflikts gießen wollen und sich stattdessen möglicherweise direkt an die Führung der beiden Koreas wenden, sie zur Wiederaufnahme des zuletzt versiegten Dialogs auffordern und sie vielleicht sogar zu einem Gipfeltreffen ermutigen. Im Vorfeld des Papstbesuches hat Präsidentin Park Geun-hye – selbst übrigens eine auf den Namen "Juliana" getaufte, aber nicht praktizierende Katholikin – ein neues Präsidentielles Komitee zur Vorbereitung der Wiedervereinigung eingerichtet. Somit hat sie ein Signal für eine neue Initiative gesetzt. Für die heilige Messe in der Kathedrale von Myeongdong in Seoul sind ausdrücklich auch Vertreter des Nordens eingeladen. Vorerst sagte die quasi-staatliche "Vereinigung Nordkoreanischer Katholiken" den Besuch einer Delegation mit dem Verweis darauf ab, dass die katholische Kirche das gemeinsame amerikanisch-südkoreanische Militärmanöver nicht verhindere.

Teile des fünftägigen Programms sind auch ein Treffen mit Führungspersönlichkeiten anderer Religionsgemeinschaften und der Besuch eines großen sozialen Projektes der katholischen Kirche. Gerade im modernen Südkorea, in dem das Streben nach materiellem Reichtum und gesellschaftlichem Ansehen allzu oft überhöht wird, wird dieser Papst mit Sicherheit Partei für die Bedürftigen und Schwachen ergreifen und klare Worte gegen die Anbetung des "schnöden Mammons" finden. 

Beim großen Gottesdienst im World Cup Stadium in Daejeon wird der Papst den Hinterbliebenen des Fährunglücks der Sewol Trost spenden. Kein ranghoher Besucher kann derzeit Korea besuchen, ohne zu diesem schrecklichen Ereignis sein Beileid auszudrücken. Außerdem ist zu erwarten, dass Papst Franziskus auch das Thema des Menschenhandels ansprechen wird: Am Beispiel des grauenhaften Schicksals der "Comfort women", der in den japanischen Besatzungszonen zur Zwangsprostitution gezwungenen und bis in die 90er Jahre in Korea aus Scham totgeschwiegenen "Trostfrauen". Einige der wenigen noch Überlebenden dieser Gräueltaten werden an der Versöhnungsmesse teilnehmen. 

Wie ist die Stimmung gegenüber der Kirche und dem Papst in der öffentlichen Meinung Südkoreas?

Der Vatikan ist knapp 9000 km von Seoul entfernt. Die koreanische Öffentlichkeit interessiert sich daher nicht allzu sehr für die Person des Papstes und setzt sich weniger kritisch mit ihm auseinander, als das in Europa der Fall ist. Man darf nicht vergessen: In Korea fehlt die Jahrhunderte alte kulturgeschichtlich verwobene Tradition von Papst- und Kaisertum. Koreas Kultur ist konfuzianistisch, asiatisch und nicht christlich geprägt. Erste Berührungen Koreas mit der christlichen Religion gab es erst vor wenig mehr als 200 Jahren. Entsprechend herrscht auch eine ganz andere Wahrnehmung des Papstes. Er wird hier, insbesondere von Nicht-Katholiken, empfunden wie eine Art UN-Generalsekretär: ein westlicher Führer für Freiheit und Menschlichkeit.

Papst Johannes Paul II. war aufgrund seiner Besuche 1984 und 1989 sehr populär. Hunderttausende ließen sich nicht zuletzt seinetwegen taufen. Die Ereignisse brannten sich ein in das kollektive Gedächtnis, ein wenig wie die Olympischen Spiele von 1988 oder die Fußball-Weltmeisterschaft 2002. Auch Papst Franziskus fasziniert und besticht durch sein bescheidenes Auftreten, seine Toleranz und Liebe zum Menschen. Ich würde sagen, die öffentliche Meinung ist ihm gegenüber sehr aufgeschlossen, voller Erwartungen und Vorfreude. 

KIRCHE IN NOT hat eine lange Geschichte in Südkorea – schon in den 60er Jahren hat der Gründer des Hilfswerks, Pater Werenfried van Straaten, das noch stark vom Krieg gezeichnete Land besucht und eine Welle der Hilfsbereitschaft für Korea in Europa entfacht. Können Sie uns etwas darüber erzählen, wie sich diese Hilfe seitdem entwickelt hat?

Bevor ich im Mai zurück nach Korea gekommen bin, habe ich ausführlich im Königsteiner Archiv gestöbert. In Hunderten von Projektanträgen, Jahresberichten und natürlich dem "Echo der Liebe" finden sich unzählige Zeugnisse des Engagements von Pater Werenfried und "Kirche in Not" in Korea. Auf seine Fußspuren treffe ich auch heute immer wieder. 

Mindestens zwei Reisen des Speckpaters, 1961 und 1962, lassen sich belegen. Von Seoul sprach er als "der Stadt des Elends". In seinen Berichten erwähnt er explizit die Trostlosigkeit in "Süd-Seoul", also dem heutigen Bezirk "Gangnam", der heute wohl der reichste Stadtteil und Ausgehbezirk der koreanischen Schickeria ist, über deren dekadenten Lebensstil sich Sänger Psy in seinem Welthit "Gangnam-Style" jüngst lustig machte. Die Zeiten haben sich drastisch geändert!

Bis tief in die 70er Jahre war Südkorea das ärmere der beiden Koreas. Das Gros an Bodenschätzen und Industrie lag im Norden. Erst in den 80er Jahren legte der Süden ein einzigartiges Wachstum hin, und wurde als erstes OECD-Nehmer-Land 2010 zum Geber-Staat.

Diese Entwicklung spiegeln auch in etwa die Projekte von "Kirche in Not" in Südkorea wider. Wir haben uns mit verhältnismäßig großen Beträgen an einzelnen Bauprojekten, wie beispielsweise dem Bau des Priesterseminars in Suwon oder der Erweiterung des Seminars in Seoul, beteiligt. In den Akten fand ich aber auch zahlreiche Projekte wie Existenzhilfen für Schwestern und Ordensbrüder, Büchergeld, Geld für Transportmittel oder auch regelmäßige Unterstützung von katholischen Instituten und Menschen, die mit dem Geld unserer Wohltäter halfen, die koreanische Kirche von heute aufzubauen. Mittlerweile geht es der katholischen Kirche Koreas finanziell sehr gut. Noch nie zuvor habe ich so viele gut ausgestattete und moderne Kirchen und Gemeindezentren gesehen. Die Saat, zu der auch unser Hilfswerk beigetragen hat, hat reiche Frucht getragen.

In den letzten Jahren werden in Königstein nur noch vereinzelt Hilfsanträge aus Korea bewilligt. Der Grund: Die koreanische Kirche hat genug eigene Ressourcen, und es gehen kaum mehr Anträge aus Korea ein. Längst sind koreanische Helfer in alle Welt entsandt, um nun ihrerseits das Elend ihrer Brüder und Schwestern zu lindern.