Symposion der Gemeinsamen Konferenz von Deutscher Bischofskonferenz und Zentralkomitee der deutschen Katholiken

Die Präsenz der Kirche in Gesellschaft und Staat

Bonn, (ZENIT.orgDBK PM) | 463 klicks

Unter dem Titel „Die Präsenz der Kirche in Gesellschaft und Staat“ hat die Gemeinsame Konferenz von Deutscher Bischofskonferenz und Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) am 18. und 19. April 2013 ein Symposion in der Katholischen Akademie in Berlin durchgeführt.

An zwei Halbtagen wurde das Verhältnis von Kirche und Staat in den Blick genommen. Gesucht wurden Antworten auf die Fragen, welche Veränderungen sich im öffentlichen Bewusstsein für die Bedeutung von Religion und kirchlichen Aktivitäten in der modernen Gesellschaft beobachten lassen, welche Veränderungen in der gesellschaftlichen Akzeptanz für die verschiedenen Kooperationsformen zwischen Kirche und Staat feststellbar sind und welche Auswirkungen diese Veränderungen im politischen Bereich haben oder haben können.

Ziel der Beratungen war es, neben einer Analyse der Situation auch nachzudenken, wie Bischöfe und Laien gemeinsam in angemessener Weise auf die sich neu stellenden Herausforderungen reagieren können. Die Gemeinsame Konferenz als Ort des Austausches und der Beratung zwischen Deutscher Bischofskonferenz und ZdK hatte sich darauf verständigt, dieses Thema im Rahmen des Dialogprozesses der katholischen Kirche zu beraten.

Erzbischof Dr. Robert Zollitsch, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, unterstrich, dass die Frage der Präsenz der Kirche in Gesellschaft und Staat einen ganz bedeutenden Schnittpunkt zwischen der Arbeit des ZdK und der deutschen Bischöfe bildet: „Gerade bei diesem fundamentalen Thema müssen sich Bischöfe und Laien immer wieder eng verständigen.“ Deutschland befinde sich in einer Situation des dramatischen Rückgangs der Akzeptanz der bisherigen Regelungen zwischen Staat und Kirche. Deshalb, so Erzbischof Zollitsch, sei es notwendig, Zukunftsperspektiven zu entwickeln. „Derzeit wird die öffentliche Wahrnehmung immer mehr von einem flachen Verständnis von Religionsfreiheit geprägt, die versucht, die Gläubigkeit des Menschen in die Privatsphäre zu drängen. Gemeinsam sind wir jedoch überzeugt, dass Religion nur richtig verstanden wird, wenn man ihre öffentliche Wirkung zulässt, ja sie dankbar annimmt als einen wichtigen Beitrag zur Gesellschaft. Dabei ist es wichtig, immer wieder zu unterstreichen, dass es uns nicht um kirchliche Privilegien geht. Im Zentrum des gesellschaftlichen Wirkens steht der Mensch. Deshalb ist das öffentliche Wirken der Kirche kein Selbstzweck, sondern ein Beitrag zum Gemeinwohl“, so Erzbischof Zollitsch.

Alois Glück, Präsident des ZdK, forderte dazu auf, das Thema offensiv aufzugreifen. „Wer sich in eine reine Verteidigungsposition zurückzieht, wird die Möglichkeit verlieren, die Debatte und die politischen Entscheidungen mitzugestalten“, warnte Glück. „Wir müssen die zu beobachtende neue Aufmerksamkeit und Sensibilität für Fragen des Glaubens nutzen, um bei den Menschen Verständnis für die Rolle der Kirche in unserer Gesellschaft und unserem Staat zu gewinnen.“ Zugleich müsse man realisieren, dass auch im Zuge des demografischen Wandels binnen einer Generation der Bevölkerungsanteil der Christen markant sinken werde. „Wir müssen uns aktiv auf diese Veränderungen einstellen, um weiterhin kulturprägend sein zu können“, so Glück.

Der Münchner Soziologe Armin Nassehi wies in seinem Vortrag über „Die katholische Kirche und die religiös-weltanschauliche Pluralität in Deutschland“ darauf hin, dass die Kirchen traditionell Organisationen mit dem Anspruch der Totalinklusion seien, die also für alle Menschen offen stehen. Deshalb müssten in der Kirche aber auch Inkonsistenzen ausgehalten werden. Nassehi forderte die Kirche auf, ein positives Verhältnis zur Unbestimmtheit zu gewinnen und ein zeitangemessenes Verhältnis zur Asymmetrie von Menschen und Positionen zu finden. Asymmetrie sei konstitutiv und identitätsstiftend. Aber es müssten Formen gefunden werden, wie die Menschen für die Asymmetrie gewonnen werden können. Traditionelle Formen, in denen Menschen „unverdächtig“ mit Religion und Kirche in Kontakt kommen können, würden an Bedeutung verlieren. Deshalb müsse die Kirche neue Räume suchen, um den Kontakt zu Religion zu eröffnen. In einer Abenddiskussion über Entwicklungen in der Wahrnehmung und Akzeptanz von Religion und Kirche im politischen Raum stimmten die Parlamentarier Annette Schavan und Wolfgang Thierse darin überein, dass auch unter veränderten Verhältnissen viele Möglichkeiten der positiven Kontaktaufnahme zwischen Kirche und Politik beständen. Dazu müsste die Kirche selbstbewusst und selbstkritisch auftreten. Häufig ergebe sich ein ethisch formulierter Anspruch und gleichzeitig sei ein politischer Kompromiss notwendig. Die Politiker ermutigten zu politischem Engagement aus christlicher Motivation.

In seinem Referat „Europäische Integration und die Präsenz der Kirche in Gesellschaft und Staat“ forderte Kardinal Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising, eine verstärkte Bemühung, als Kirche in Europa präsent zu sein. „Damit die Verdienste der Christen in Europa nicht nur eine historische Reminiszenz werden, die wir wie eine Monstranz vor uns hertragen, ohne selbst noch substantiell etwas einzubringen, ist die Kirche auch heute gefordert, weiterhin zu einem vereinten Europa beizutragen“, so Kardinal Marx. Dieser Beitrag werde von vielen politischen und gesellschaftlichen Akteuren ausdrücklich gewünscht. „Insgesamt muss die Kirche als Dialogpartner für die Institutionen der Europäischen Union, für politische Parteien, Ländervertretungen, Think-Tanks und zivilgesellschaftliche Organisationen und mit einer breiteren Themenpalette und Initiativen zu gesellschaftspolitischen Themen auf dem Brüsseler Parkett auftreten. Wir haben derzeit die Chance, um unsere Anliegen zu Gehör zu bringen, denn viele führende Politiker in der EU sind offen für den Beitrag der Kirche. Diese günstige Situation sollten wir nicht verspielen“, sagte Kardinal Marx. Die Kirche könne hier noch stärker pro-aktiv arbeiten. „Als Christen haben wir unseren Beitrag zu leisten beim Aufbau Europas, sowohl als Bischöfe als auch als Laien.“

Erzbischof Zollitsch und Präsident Glück unterstrichen zum Abschluss des Symposiums, dass gemeinsam über die Zukunft des politischen Katholizismus gesprochen werden müsse und forderten dazu auf, die kirchliche Arbeit auf europäischer Ebene verstärkt in den Blick zu nehmen.