Syrien: Das sind keine Zahlen, sondern Menschen

Ein Bericht von Oliver Maksan, Nahost-Korrespondent des weltweiten katholischen Hilfswerks Kirche in Not

München, (ZENIT.orgKIN) | 717 klicks

Nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) von Ende Februar sind über 300 000 syrische Flüchtlinge im Libanon registriert oder bitten um eine Registrierung. Tatsächlich dürfte die Zahl wesentlich höher liegen. Davon geht der maronitische Priester Simon Faddoul aus. Er ist Präsident von Caritas Libanon, die die kirchliche Flüchtlingshilfe koordiniert. Gegenüber dem weltweit tätigen katholischen Hilfswerk „Kirche in Not“ sagte er in Beirut: „Jeden Tag kommen etwa 1000 syrische Flüchtlinge über die Grenze in den Libanon. Es dürften deshalb derzeit über 500 000 Flüchtlinge im Land sein ─ sicher nicht weniger.“ Das seien keine blanken Zahlen, sondern Menschen, hinter denen oft schwere Schicksale liegen. „Etwa 55 000 von ihnen werden von uns betreut, Christen und Muslime. Begonnen haben wir damit unmittelbar nach Beginn der Krise im März 2011.“

Faddoul erläutert, dass die etwa 300 000 syrischen Gastarbeiter zu dieser Zahl noch hinzukämen, die sich bereits vor Ausbruch der Kämpfe in Syrien im Libanon aufhielten. Diese Menschen könnten selbst keine UN-Registrierung als Flüchtlinge erhalten. Vielfach hätten sie ihre Familien aus Syrien nachgeholt. Ein Ende des Konflikts und damit des Flüchtlingsstroms sieht Faddoul auf absehbare Zeit nicht. „Schon jetzt gibt es innerhalb Syriens über vier Millionen Flüchtlinge, die vor den Kämpfen in sichere Gebiete flüchten mussten. Wenn der Kampf um Damaskus beginnt, würde jeder aus der 2,5-Millionen-Metropole zu uns kommen. Der Libanon ist von Syriens Hauptstadt nur eine halbe Stunde Autofahrt entfernt. Bedenken Sie, dass wir nur vier Millionen Einwohner haben.“

Das Ausmaß der Flüchtlingswelle überfordert die Caritas schon jetzt finanziell. „Wir können unsere Programme, die wir für die arme Bevölkerung des Libanon aufgelegt haben, nicht kürzen. Das wäre ungerecht. Wir haben aber darüber hinaus kaum Ressourcen. Unsere Partner aus dem Westen beantworten auch nicht jede unserer Anfragen positiv. In Europa herrscht schließlich eine Krise.“ Der Caritas-Präsident bedankte sich deswegen ausdrücklich bei den Spendern von „Kirche in Not“ für die Unterstützung. „Ganz entscheidend ist die Hilfe, die das christliche Dorf Rable nahe der Grenze erfährt. Die ursprünglich etwa 12 000 Einwohner sind dort seit Juli 2012 eingeschlossen. 'Kirche in Not' hilft uns, die Menschen mit Nahrung und Medizin zu versorgen. Jede Woche geht eine Lastwagenladung nach Rable, das zwischen Regierungs- und Rebellentruppen umkämpft ist.“ „Kirche in Not“ hatte 50.000 Euro Soforthilfe zur Verfügung gestellt.

Caritas-Präsident Faddoul ermutigt die Flüchtlinge wegen der Finanznot der Caritas, sich bei den Vereinten Nationen zu registrieren. „Das würde sie zum kostenlosen Empfang von Gesundheitsversorgung berechtigen und uns entlasten. Bislang haben das aber nur ein Viertel der Menschen getan.“ Hintergrund sei die vor allem unter Christen verbreitete Furcht, eine Registrierung bei der UNHCR könnte bekannt werden und ihnen nach ihrer Rückkehr nach Syrien Schwierigkeiten bereiten – denn viele Fanatiker setzen diese Organisation mit dem verhassten Westen gleich, berichtet Faddoul.

Simon Attalah, maronitischer Erzbischof von Baalbek in der von den Flüchtlingsströmen besonders betroffenen Bekaa-Ebene, fürchtet eine Destabilisierung durch die unkontrollierbaren Massen. Gegenüber „Kirche in Not“ sagte er in seinem Amtssitz in Deir al-Ahmar: „Die meisten Flüchtlinge sind Sunniten. Momentan gibt es keine Spannungen in der nördlichen Bekaa-Ebene, die von der schiitischen Hisbollah dominiert wird. Aber die Menschen denken an die Zukunft.“ Schwierigkeiten sieht der Bischof vor allem auf lokaler Ebene: „Unsere Infrastruktur ist nicht auf so viele Menschen eingerichtet. In Deir al-Ahmar gibt es etwa 20 Strom-Generatoren. Weil die Flüchtlinge schnell an das Stromnetz angeschlossen werden wollen, reicht die Energie nicht und die Maschinen gehen kaputt. Dasselbe gilt für die Wasserversorgung. Manche Flüchtlinge zapfen die Leitungen an. Auch das sorgt für Spannungen. Außerdem: Syrien hat den Libanon dreißig Jahre lang besetzt und kontrolliert. Das haben viele Libanesen nicht vergessen.“

Erzbischof Attalah befürchtet zudem, dass die Flüchtlinge ihre inner-syrischen und politischen Probleme mit in den Libanon importieren. „Davon  abgesehen“, so der Erzbischof, „sind viele Einwohner der Ebene unruhig, weil mit den Flüchtlingen viele Waffen ins Land gekommen sind. Was werden sie damit machen?“