Syrien: Etwas in uns ist zerbrochen

"Kirche-in-Not"-Mitarbeiterin Eva-Maria Kolmann berichtet über das Schicksal syrischer Flüchtlinge im Libanon

Rom, (ZENIT.orgKIN) | 508 klicks

Elia ist ein kleiner, älterer Herr. Nichts deutet darauf hin, dass der ruhige Ingenieur aus dem syrischen Homs eine ebenso abenteuerliche wie gefährliche  Flucht hinter sich hat. Seine Familie war bereits in den Libanon geflohen, als er noch einmal nach seinem Haus in Homs schauen und einige Sachen holen wollte. Von den Habseligkeiten der Familie war jedoch nichts mehr übrig. „Alles war weg: Die Waschmaschine, der Fernseher, die Kleidung – alles!", berichtet er. Aber weg konnte er nun auch nicht mehr, denn überall waren Heckenschützen. Zwei Wochen war er in seinem Haus gefangen. Dann wagte er die Flucht. Er sprang über Mauern, suchte Deckung, wo immer es möglich war, und gelangte schließlich zum Haus eines Freundes, der ein Bestattungsinstitut hatte. In einem Leichenwagen schmuggelte dieser ihn aus der Stadt.

Elia kann die Tränen nicht zurückhalten, während er seine Geschichte erzählt. Seine Frau ist sehr krank, sein Sohn hat erst kürzlich geheiratet. Zwei seiner Neffen wurden durch Granaten getötet. Einer von ihnen war erst 17 Jahre alt und starb vor dem Haus seiner Eltern. Elias Bruder wurde entführt. Acht Tage lang wurde er gefoltert. „Die Entführer spritzten ihm Benzin in die Blutgefäße und schlugen ihn auf den Kopf. Er überlebte, ist aber seitdem schwer krank", erzählt Elia. Auch drei Cousins seiner Frau wurden entführt. Sie waren die Brüder eines Priesters. Einer von ihnen wurde getötet. Er opferte sich, damit seine beiden Brüder überleben.

Elia ist davon überzeugt, dass sich viele Übergriffe gezielt gegen Christen richten. Vier christliche Familien lebten in einem muslimischen Stadtteil. Ihre Geschäfte wurden niedergebrannt, viele wurden getötet, die anderen flohen. „Christen werden nie wieder in Syrien leben können", meint Elia. Er will niemals in seine Heimat zurückkehren. Seine Tochter sieht es anders. Sie würde lieber heute als morgen nach Hause zurückkehren. Sie vermisst alles, was sie vor dem Krieg hatte. Sie will endlich das Leben wiederhaben, das sie früher geführt hat.

Auch die dreißigjährige Rita vermisst ihr bisheriges Leben. „Etwas in uns ist zerbrochen", sagt die gepflegte junge Frau leise. In Damaskus leitete ihr Mann Nicola eine Klinik. Die Klinik ist nicht mehr da, denn sie wurde bombardiert. Die Familie ist vor anderthalb Monaten in die libanesische Hauptstadt Beirut geflohen. Ihre vierjährige Tochter Maria hat noch immer Angst, wenn der Vater weggeht. Sie sagt dann: „Papa, pass auf, dass die bösen Buben nicht kommen, um dich zu töten!" Denn Nicola wäre das ideale Entführungsopfer. Nicht nur wegen des Lösegeldes, sondern auch, weil er als Arzt gezwungen werden könnte, in einem Rebellencamp die Verwundeten zu behandeln. „Mein Cousin wurde bereits entführt. Wir sind alle Christen. Ich weiß nicht, wie er es geschafft hat, seine Entführer davon zu überzeugen, er heiße Achmed und sei Muslim. Da ließen sie ihn frei. Ich glaube, sie wollen die Christen aus dem Land vertreiben", meint Nicola. „Eigentlich wollen wir Christen nicht weggehen, aber wir haben keine Wahl", fügt er traurig hinzu.

Die junge Familie konnte sich in Damaskus zuletzt nur noch in einem Umkreis von einem Kilometer bewegen. „Es gibt in Damaskus kein sicheres Gebiet mehr. Überall können zu jeder Zeit Autobomben explodieren. Mir scheint, dass es in den christlichen Vierteln mehr Anschläge gibt", sagt der junge Arzt. Als eine Rakete nahe des Hauses der Familie einschlug, flohen alle gemeinsam zu Freunden in den Libanon.  Der Lebensunterhalt dort ist jedoch um ein Vielfaches teurer als das Leben in Syrien. Die Familie hat ihre Ersparnisse rasch aufgebraucht. Nicola kann im Libanon nicht als Arzt arbeiten. Um dort eine Approbation zu erhalten, soll er 100.000 Dollar zahlen. "Wenn ich so viel Geld hätte, bräuchte ich nicht zu arbeiten", sagt er. „Ich würde inzwischen jede Arbeit annehmen, um meine Familie zu ernähren". Sie wollten ihre Heimat nie verlassen, aber jetzt überlegen sie, ob sie für immer ins Ausland auswandern – nach Amerika vielleicht.

Wie fast alle syrischen Flüchtlinge haben auch sie panische Angst davor, dass ihre Namen oder Fotos mit ihren Gesichtern veröffentlicht werden könnten. Viele haben Angst, sich bei der UNO registrieren zu lassen, weil sie befürchten, dass ihre Daten weitergegeben werden könnten. Sie sagen: „Wir sind für keine Partei. Wir wollen nur unser Leben in Ruhe und Sicherheit führen. Dafür rächen sich beide Seiten an uns."

Die genaue Zahl der syrischen Flüchtlinge, die bereits in den Libanon gekommen sind, ist unklar. Registriert sind etwas mehr als 200.000, aber die wirkliche Zahl ist nach Angaben von Kirchenvertretern um ein vielfaches höher und könnte die Million bereits weit übersteigen.