Syrien ist keine Karte auf Google Earth

Pater Nawras Sammour, Verantwortlicher für den Nahen Osten und Nordafrika des Jesuit Refugee Service, übt scharfe Kritik an einem möglichen Militäreinsatz

Rom, (ZENIT.orgKIN) | 380 klicks

„Eine militärische Intervention ist zwecklos. Jede der beteiligten Parteien muss begreifen, dass die Krise nicht den eigenen Wünschen entsprechend gelöst werden kann. Es gibt nur Verlierer; niemals wird es Gewinner geben.“ Mit diesen Worten urteilt Pater Nawras Sammour, Verantwortlicher für den Nahen Osten und Nordafrika des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes, über eine mögliche Militäraktion in Syrien. Während eines Telefongespräches mit „Kirche in Not“ gibt der in Aleppo geborene Geistliche von Damaskus aus folgendes zu bedenken: „Im Falle eines Angriffs wäre ein Anstieg der Gewalt unvermeidlich. Die Folge wäre eine verheerende Eskalation der Gewalt, die sich zwangsläufig auf die umliegenden Länder und die gesamte Region des Nahen Ostens ausbreiten würde.“ Angesichts der Komplexität der Krise ist dem Jesuiten zufolge ein militärischer Einsatz mit nicht abschätzbaren Langzeitfolgen keine Lösung.

Unterdessen sei in der von häufigen Stromausfällen betroffenen syrischen Hauptstadt eine Erwartungshaltung unter den Menschen spürbar, wenngleich das Leben mehr oder weniger so weitergehe wie vor der Kriegsdrohung. Über die Wahrscheinlichkeit einer Intervention herrsche keine Einigkeit, doch vielfach seien Lebensmittelvorräte angelegt worden und wer die Möglichkeit dazu hätte, habe das Land in den letzten beiden Wochen verlassen. Dazu bemerkt Pater Nawras Sammour: „Wer wie ich in Syrien bleiben möchte, begibt sich aus Angst, aufgrund der Feindseligkeiten festgehalten zu werden, nicht ins Ausland. Aus genau diesem Grund haben ich und einige Mitbrüdern soeben eine Reise nach Libyen storniert.“ Die Jesuiten leisten mehr als 17 Millionen syrischen Familien Beistand. 80 Prozent davon sind muslimisch.

Aus den Worten von Papst Franziskus erwachse den Christen laut Pater Nawras viel Trost. Er äußert sich dazu folgendermaßen: „Der Aufruf des Heiligen Vaters war ein ausgezeichneter.“ Auch in Syrien werde die Beteiligung an dem vom Papst für den 7. September ausgerufenen weltweiter Fast- und gebetstag sehr groß sein. Im Haus der Jesuiten in Damaskus werde das Ereignis mit der für morgen Abend vorgesehenen Vesper beginnen. Der Geistliche lobte die zahlreichen Initiativen der Weltkirche zur Förderung des Friedens und erwähnte dabei insbesondere die von „Kirche in Not“ veranstaltete Gebetswoche. Diese werde auch den am kommenden Samstag begangenen Weltfasttag unterstützen. Er fügte hinzu: „Mehr als je zuvor brauchen wir das Gebet.“ Die Worte des Papstes haben laut Pater Nawras nicht nur innerhalb der christlichen Gemeinde großen Anklang gefunden. So habe auch der syrische Großmufti Ahmad Badreddin Hassou seinen Wunsch bekundet, am kommenden Samstag auf dem Petersplatz zu beten. „Die Sprache von Papst Franziskus wird von all jenen verstanden, die Frieden und Integration als Werte erkennen“, so der Jesuit. Er führte aus: „Glücklicherweise lieben und respektieren viele Syrier ihre Landsleute unabhängig von deren Glauben und deren gesellschaftlicher Position, obwohl die über die Medien verbreiteten Informationen ein völlig anderes Bild vermitteln.“ Der Geistliche kritisierte die Kommunikationsmittel als „stets auf der Jagd nach Extremisten befindlich“ und stellt dem das kostbare Werk der Kirche entgegen, das darauf ausgerichtet ist, dem Wunsch nach Einheit der „stillen Mehrheit“ der Nation eine Stimme zu verleihen.

In Erwartung der Entwicklungen in den kommenden Tagen ersucht Pater Sammour die internationale Gemeinschaft, einen weniger oberflächlichen Blick auf sein Land zu richten. Er formulierte seine Bitte mit den folgenden Worten: „Syrien ist keine Karte auf Google Earth, kein Invasions- oder Befreiungsgebiet. Syrien ist nicht nur ein Ort, sondern ein wunderbares Mosaik und vor allem eine Gemeinschaft von Menschen: der Syrier. Ich hoffe, dass diesem Umstand nun endlich Rechnung getragen wird.“