Syrien: Priester bestätigen Ultimatum gegen Christen

Kirche geschändet

| 1588 klicks

ROM, 13. Juni 2012 (ZENIT.org). - Zwei katholische Geistliche, die in den vergangenen Tagen aus Qusayr, einer Kleinstadt in der Nähe von Homs, fliehen mussten, bestätigen ein Ultimatum der Gruppe unter Abdel Salam Harba an die Christen, die Stadt zu verlassen, das nach ihren Angaben auch von den Minaretten der Moscheen verkündet wurde. Die beiden sind inzwischen zusammen mit zahlreichen Familien aus der Stadt geflüchtet, wie der Fidesdienst berichtet.

Die christlichen Einwohner von Qusayr werden nach Berichten einheimischer Beobachter schikaniert: Sie müssen zum Beispiel einem Muslim „Platz machen“, wenn sie einem auf der Straße begegnen.

Inzwischen wurde der Christ Maurice Bitar, der sein Haus verlassen hatte, um Brot für die Familie zu kaufen, zusammen mit drei weiteren Männern von einem Heckenschützen ermordet. Von den ursprünglich rund 10.000 christlichen Einwohnern der Stadt sind nur noch rund 1.000 übrig geblieben, nachdem die meisten nach einem Ultimatum der bewaffneten Oppositionsgruppe unter General Abdel Salam Harba geflohen waren. Es handelt sich vorwiegend um ältere Menschen, die ihre Häuser nicht verlassen wollten.

Heute Morgen wurde in Qusayr die griechisch-katholische Elias-Kirche geschändet. Milizionäre drangen in das Gebäude ein und läuteten die Glocken. Sie wollten nach Augenzeugenberichten mit dieser demonstrativen Aktion die christliche Glaubensgemeinschaft lächerlich machen. „Erstmals seit Beginn des Konflikts wurde eine solche Schandtat verübt, bei der absichtlich christliche Symbole in Mitleidenschaft gezogen werden“, so ein Beobachter zum Fidesdienst. Die Schändung der Kirche wurde von Priestern und katholischen Autoritäten verurteilt, die diese Episode als „Besorgnis erregendes Alarmsignal“ bezeichnen. Der Vorfall beweise, dass bewaffnete Banden versuchen, einen Konfessionskonflikt zu provozieren.

Die bewaffnete Opposition steht, wie zahlreiche einheimische und ausländische Beobachter bestätigen, zunehmend unter dem Einfluss einer salafistisch geprägten extremistischen sunnitischen Ideologie. Viele Banden und militärisch organisierte Gruppen agierten unabhängig von der „Syrischen Befreiungsarmee“. Das Ultimatum der Gruppe unter Abdel Salam Harba wurde zum Beispiel von anderen Gruppen nicht ratifiziert: in einer Verlautbarung, die dem Fidesdienst vorliegt, betonen die in Qusayr stationierten Einheiten der Befreiungsarmee, sie seien „schockiert“ und lehnten ein solches Ultimatum ab.

Beobachter berichten, die sei Situation unerträglich und es herrsche völlige Rechtslosigkeit (ZENIT berichtete). Dasselbe Schicksal wie die Christen in Qusayr könnte bald auch die rund 10.000 in anderen Dörfern in der Umgebung lebenden Christen ereilen.

Währenddessen sind in der Altstadt von Homs derzeit rund 800 Zivilisten gefangen und warten auf Rettung, während die Gefechte zwischen der regulären Armee und der Opposition immer heftiger werden. Unter den betroffenen Zivilisten befinden sich rund 400 Christen und 400 Muslime, die in den Stadtteilen Diwan und Hamidye wohnen. Die Zivilisten sind dort der Gefahr von Schusswechseln und Bombenangriffen ausgesetzt und müssen um ihr Leben bangen. Aus diesem Grund versuchen Vertreter der Zivilbevölkerung im Rahmen der gewaltlosen Bürgerinitiative „Versöhnung!“ seit zwei Tagen unermüdlich, einen Waffenstillstand auszuhandeln. Unter den Verhandlungsteilnehmern befinden sich auch zwei christliche Priester, die zusammen mit UN-Vertretern Kontakt zu den militärischen Anführern der Armee und der Opposition aufgenommen haben.

Ziel der schwierigen Verhandlungen ist eine zweifache Waffenruhe: zum einen sollen humanitärer Helfer und Konvois der Vereinten Nationen die Zivilbevölkerung und der Stadt mit Hilfsmitteln versorgen können, zum anderen soll die Evakuierung von Zivilisten aus der Stadt ermöglicht werden. Gegen den humanitären Korridor legt die Befreiungsarmee ein Veto ein; die Evakuierung der Zivilisten wird von der Armee abgelehnt, weil man befürchtet, dass sich unter den Sunniten Rebellen und Terroristen befinden. „Es herrscht ein Verhandlungsstillstand und die Zivilisten befinden sich in einer wirklich kritischen Lage, weil sie im Grunde instrumentalisiert werden. Angesichts der heftigen Gefechte besteht die Gefahr, dass viele unschuldigen Menschen sterben müssen oder verletzt werden“, so ein Beobachter zum Fidesdienst.

Unterdessen unterstützen mehrere Bischöfe der verschiedenen Konfessionen in Homs die Bürgerinitiative, der sich Christen, Sunniten, Alawiten und anderen Glaubensgemeinschaften anschließen. „Große Hoffnung“ im Zusammenhang mit der Initiative brachten der syrisch-orthodoxe Bischof Silvanos, der syrisch-katholische Bischof Kassab, der maronitische Bischof Gihad und der griechisch-orthodoxe Bischof Abouzakah zum Ausdruck. Die Mehrheit der in Homs lebenden Christen gehört der griechisch-orthodoxen Gemeinde an. Die Oppositionskräfte vertreten unterdessen die Ansicht, dass eine solche Initiative so lange aufgeschoben werden müsse, bis „die Revolution ihre wichtigsten Ziele erreicht hat“.