Syrien: Weitere Unruhen und immer mehr Flüchtlinge an der syrisch-türkischen Grenze

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HASSAKE, 14. November 2012 (ZENIT.org). - „Die Familien der verschiedenen Gemeinschaften machen sich große Sorge um die eigene Zukunft. Die Menschen haben Angst vor einem Krieg, der jederzeit zwischen der Türkei und Syrien ausbrechen könnte. Wir wissen nicht, was dann in Städten wie Kamishly uns Hassaké in meiner Erzdiözese Jazira und Euphrat geschehen würde“, so der syrisch-orthodoxe Erzbischof, Eustathius Matta Roham, zur schwierigen Situation an der türkisch-syrischen Grenze gegenüber Fides.

Die Lage habe sich sich in der vergangenen Woche nach weiteren heftigen Unruhen und durch den großen Flüchtlingszustrom weiter zugespitzt. „Ein türkisch-syrischer Konflikt könnte zu einem Krieg in der ganzen Region führen. Die Menschen machen sich Sorgen um ihre Kinder, um ihre Frauen und um ihren Besitz. Viele sind bereit zur Auswanderung nach Europa oder in Nachbarländer, die sicherer sind. Wir leben in der Ungewissheit: Man weiß nicht, was morgen geschehen wird“, so der Erzbischof.

Der Erzbischof beschrieb die Lage in zwei Städten seiner Diözese, Ras Al-Ayn und Derbashieh. Rasl Al-Ayn sei seit vergangenem Donnerstag, dem 8. November, Schauplatz heftiger Gefechte und sei inzwischen von oppositionellen Gruppen besetzt worden: „Die Menschen sind geflohen und haben ihr ganzes Eigentum zurückgelassen. Nun ist es sehr gefährlich in der Stadt. Die laufenden Gefechte werden die Stadt verwüsten. Ich fürchte, dass das Schicksal unserer christlichen Gemeinschaft und unserer Kirchen sowie auch das der anderen Gemeinden ähnlich sein wird wie in Homs und Deir Ezzor.“

Ein syrisch-orthodoxer Priester, P. Touma Qas Ibrahim, der als Gemeindepfarrer für die St. Thomas-Kirche in Ras Al-Ayn verantwortlich ist, sei trotz der Unruhen in die Stadt zurückgekehrt, um dort Gebetbücher und insbesondere antike Handschriften zur Liturgie zu retten, was ihm auch gelungen sei. „Wir sind Gott dankbar dafür, dass Pfarrer Touma in die Pfarrei zurückgehen und unversehrt wieder zurück kommen konnte“, so der Erzbischof.

In Derbasieh sei die Situation ähnlich. Am 9. November seien die meisten Menschen aus Angst vor den Gefechten aus der Stadt geflohen. Pfarrer Michael Yacoub von der St. Osyo-Pfarrei konnte mit mehreren christlichen Flüchtlingsfamilien nach Hassaké fliehen, wo sich das erzbischöfliche Haus befindet.

Der Erzbischof berichtet: „Die Menschen aus Derbasieh wurden aufgefordert, ihre Wohnungen zu verlassen, da oppositionelle Gruppen, die sich auf der türkischen Seite der Grenze befanden, die Stadt einnehmen wollten. Es gab eine Einigung zwischen der Opposition und der einheimischen kurdischen Gemeinde, die in Derbasieh in der Mehrheit ist: Die Regierungsbeamten haben die Stadt kampflos verlassen, was das Leben vieler Menschen rettete.“

Gleichzeitig hat sich der syrisch-orthodoxe Metropolit Mar Gregorios von Aleppo bei einem Pressegespräch in Wien gegen jede Militärintervention von außen ausgesprochen.

Die Situation in Aleppo sei allerdings dramatisch. Nach fünf Uhr nachmittags seien alle Straßen leer, das öffentliche Leben erloschen, Schulen und Universitäten von Flüchtlingen besetzt, Geschäfte, Kirchen und Moscheen geschlossen. Bis zu einem Drittel der Christen habe die Stadt verlassen; eine Prozentzahl, die auch für andere Regionen in Syrien gelte. In der Stadt Homs gebe es keinen einzigen Christen mehr. Aus kirchlichen Kreisen wird berichtet, dass in dieser Stadt zwischenzeitlich die Beulenpest ausgebrochen ist.

Zu Infektionen sei es aufgrund dramatischer hygienischer Bedingungen gekommen, wie Fides berichtet. Auf den Straßen und in den Ruinen lägen weiterhin Leichen sowie Tierkadaver, die bislang nicht hätten geborgen werden können.

Zum ersten Mal seit Monaten hätten Hilfsteams von Rotem Kreuz und Rotem Halbmond mit Medizin, Erste-Hilfe-Kits sowie Lebensmitteln nach langen Verhandlungen die Innenstadtbezirke von Homs besuchen können. 

Das Kirchenoberhaupt sprach sich als Lösungsmöglichkeit dagegen aus, das Land nach Religionen bzw. Volksgruppen aufzuteilen. Die einzelnen Teile wären nicht überlebensfähig. Nötig seien stattdessen dringend ein Waffenstillstand, humanitäre Hilfe für die Bevölkerung und Verhandlungen. Werde das Ziel eines militärischen Sieges von beiden Seiten nicht aufgegeben, würden beide Seiten verlieren und sich gegenseitig zerstören, befürchtet er.

Besorgt zeigte sich der Bischof auch über die Zunahme des Extremismus der vielen ausländischen Kämpfer in Syrien. Dies betreffe nicht die Einheimischen, betonte er. Er sei auch davon überzeugt, dass die innersyrische Opposition die ausländischen Kämpfer nicht aktiv ins Land geholt habe.