Syrien: Wir erwarten mutig den Anfang eines neuen Tages

Erlebnisse eines Priesters im Tal des Orontes

Rom, (KIN) | 318 klicks

„Es war der schwierigste Tag meines Lebens, und ich habe mich ihm mutig entgegengestellt, in dem ich mich ganz Gott anvertraut und ihn gebeten habe, mir die richtigen Worte für meine Gläubigen zu geben.“ So erinnert sich Pater Firas Lufti, ein syrischer Bruder, der zur „Custodia Terrae Sanctae“ (Kustodie des Heiligen Landes) gehört, an den Tag im letzten Juni, an dem er die Beerdigungsmesse für den in Syrien ermordeten Pater François Murad gefeiert hat.

Bruder Firas berichtet „Kirche in Not“ über die Monate, die er als Pfarrer in Knayeh, im Tal des Orontes, fast an der Grenze zur Türkei verbracht hat, und er erinnert sich an jenen 23. Juni, an dem er ins nahgelegene Dorf Ghassanieh eilen musste, um den leblosen Körper von Pater François entgegenzunehmen. „Um sechs Uhr morgens haben einige Gläubige an meine Tür geklopft, um mir zu sagen, dass das Kloster von Ghassanieh bombardiert worden und Pater François tot sei. Meine Gedanken gingen sofort zu den drei Ordensschwestern und dem anderen Priester, Pater Philippe, die im Kloster des Hl. Antonius von Padua wohnten.“ Am Ort des Geschehens angekommen, versteht Bruder Firas, dass es sich keineswegs um einen Bombenangriff gehandelt haben konnte, denn das Äußere des Gebäudes ist unbeschädigt. Das Innere der Kirche hingegen ist verwüstet worden, Bänke und Statuen zerstört, der Tabernakel offen. Am Eingang des Klosters liegt die Leiche von Pater François, inmitten seines Blutes. „Es war keine Rakete der Regierung, wie behauptet wurde, die ihn umgebracht hat, sondern es waren Gewehrschüsse.“ Neben dem Körper stehen drei bewaffnete Männer. An ihrem Akzent kann man leicht erkennen, dass sie keine Syrer sind. „Sie haben mir auch von einem Tschetschenen berichtet, der sich im Gebäude befinde und weiter auf den armen Pater François schimpfe. Zum Glück hat er mich nicht gesehen, ansonsten hätte er auch mich umbringen können.“

In einem anderen Zimmer des Klosters, im oberen Stockwerk, befinden sich die drei Rosenkranz-Schwestern; sie sind „entsetzt und verstört“. Zum Glück ist Pater Philippe, der Gemeindepfarrer, an diesem Tag in Latakia und hat auf diese Weise sein Leben gerettet. Die Nachricht über den Tod des Ordensmannes löst bei der kleinen christlichen Gemeinde vor Ort Entsetzen aus. „Auch wenn ich das selbst gebraucht hätte“ – erinnert sich Bruder Firas – „habe ich versucht, Mut zu verbreiten und die Gläubigen zu trösten. Während der Beerdigung ist es nicht leicht gewesen, die richtigen Worte zu finden, Worte, die nicht als Botschaft zu Gunsten der Regierung oder der Rebellen hätten interpretiert werden können. Ich bin auf keiner Seite, nur auf der Seite des Herrn und meiner Brüder, die syrische Bürger sind und als solche das recht haben, diesen Grund und Boden zu bewohnen und mit Würde im eigenen Land zu leben.“

Die Gegend des Orontes-Tals wird aktuell nach Abzug der Loyalisten-Armee von den Rebellen kontrolliert. Von den drei Franziskanerpfarreien in der Gegend ist die Lage in Ghassanieh am dramatischsten: Hier befinden sich viele Qaeda-Milizen, meist Ausländer afghanischer und tschetschenischer Herkunft. In Jacoubieh halten sich hingegen um die 40 Rebellengruppen auf, die überwiegend aus Syrern bestehen und häufig untereinander im Streit liegen. Die Gegend von Knayeh wiederum wird hauptsächlich von der freien syrischen Armee kontrolliert, auch wenn es hier nicht an „fanatischen Elementen, die die Sharia aufzwingen wollen“ fehlt. „Als ich im letzten April in Knayeh angekommen bin«“ – berichtet der Bruder – „habe ich eine schreckliche Situation vorgefunden. Fast jede Nacht war ich gezwungen, aufzustehen und rauszugehen, um nachzusehen, ob jemand von den Raketen, die immer wieder auf das Dorf fielen, verletzt oder getötet worden war.“ Es sind etwa 300 Christen, die sich dafür entschieden haben, in dem kleinen Ort auch nach dem Abzug der offiziellen syrischen Armee zu bleiben. „Es sind Menschen, die sich auf keine Seite stellen wollten, auch wenn die Regierung sie für Komplizen der Terroristen hält und die Rebellen meinen, dass sie als Christen mit dem Regime verbunden sind. Zudem entführen die Oppositionsgruppen, wenn sie Geld brauchen, gerade die Christen.“ Die Bewohner des Dorfes haben nichts mehr, wovon sie leben könnten: Viele haben ihre Arbeit verloren und den Bauern wurde die Ernte gestohlen. Zum Glück können die armen Familien auf die Solidarität des Franziskanerklosters des hl. Joseph zählen. Jeden Monat verteilen die Brüder Mehl, Reis und Zucker und bieten jedem, der in Not ist, ihre Gastfreundschaft an, gleich welchen Glaubens er ist. „Unser Kloster hat sogar Alawiten und Sunniten zusammen beherbergt und damit ihre Versöhnung ermöglicht.“ Viele kommen auch nach Knayeh wegen der liebevollen Behandlung durch Schwester Patrizia, eine italienische Schwester des Heiligen Unbefleckten Herzens von Maria. „Trotz der fehlenden Medikamente und der schrecklichen psychologischen Bedingungen, in denen sie lebt, hat Schwester Patrizia beschlossen, in Syrien zu bleiben, um Krankheiten zu heilen und die Tränen all derer zu trocknen, die ihrer Hilfe bedürfen. Viele Muslime legen etliche Kilometer zurück, um sich von ihr behandeln zu lassen, denn sie sind davon überzeugt, dass ihre Hände gesegnet sind.“

Wenn er an die Zukunft seines Landes denkt, glaubt Pater Firas, dass der Friede durch die konkreten Bemühungen aller beteiligten Parteien erreicht werden kann: nicht nur durch das Regime und die Opposition, sondern auch durch alle international Beteiligten, die entweder die eine oder die andere Seite unterstützen und finanzieren. Eine Hoffnung könnte in den möglichen Gesprächen von Genf liegen, die gerade in diesen Stunden ein weiteres Mal verschoben worden sind. „In Syrien wird zu Lasten unschuldiger Bürger ein Weltkrieg ausgefochten. Jeder Tag verursacht größeres Leid, Bitterkeit, Tote und Zerstörung, aber wir dürfen nicht das Vertrauen in die Zukunft verlieren. Genau dies habe ich in den Monaten in Knayeh gelernt: Wir müssen weiter hoffen und mutig den Anfang eines neuen Tages erwarten.“