Syrisch-orthodoxer und griechisch-orthodoxer Erzbischof von Aleppo während humanitärer Mission gekidnappt

Papst Franziskus: dramatische Entwicklung

Rom, (ZENIT.org) Jan Bentz | 266 klicks

Der syrisch-orthodoxe Erzbischof Yohanna Ibrahim und der griechisch-orthodoxe Erzbischof von Aleppo, Paul Yazigi, sind am Montag im Dort Kfar Dael entführt worden, ihr Fahrer wurde ermordet.

Wie die nationalen Medien – z.B. die staatliche syrische Agentur SANA -berichten, sind sie während ihrer Arbeiten in humanitärer Mission vermutlich in die Hände von Rebellen gefallen.

Auch ein Mitglied der syrischen Opposition „Syrische Nationalkoalition“, Abdulahad Steifo, bestätigte, dass Rebellen die beiden Kirchenoberhäupter auf der Straße nach Aleppo entführt hätten.

In der Vergangenheit haben bereits mehrere Kleriker ihr Leben verloren. Bei den beiden Bischöfen handelt es sich nunmehr um die ältesten und ranghöchsten Religionsvertreter.

Papst Franziskus hat in einer Erklärung des Vatikan die Entführung der Bischöfe beklagt und seine Hoffnung auf ein baldiges Ende des menschlichen Dramas geäußert. Die Entführung der Metropoliten Mar Gregorios Ibrahim und Paul Yazigi sowie die Ermordung ihres Fahrers sei die „dramatische Entwicklung der tragischen Situation.“ Der Papst verfolge die Situation mit großer Betroffenheit und bete für die Gesundheit und für die Befreiung der beiden Bischöfe.

Er hoffe, dass „durch das Engagement aller das syrische Volk endlich wirksame Antworten auf das humanitäre Drama sehen und am Horizont reale Hoffnungen auf Frieden und Versöhnung erkennen kann.“

Es sei tragisch, dass der syrische Metropolit Gregorios und sein orthodoxer Amtsbruder Yazigi überfallen wurden, während sie zu einer humanitären Mission unterwegs waren, so die Vatikanerklärung.

Der Syrienkonflikt hat bereits ungefähr 70.000 Opfer gefordert. Viele Christen hatten in der Vergangenheit Ihre Angst vor Verfolgung kundgetan, sollte Assad gestürzt werden. Rula Amin von „Al Jazeera“ berichtet, dass die Menschen „Angst vor der wachsenden Macht der Islamistischen Gruppen in Syrien haben; viele der Christen haben in den letzten sechs Monaten das Land verlassen. Dies ist ein weiteres Zeichen dafür, dass sich die Situation für sie verschlimmert.“

Der syrisch-orthodoxe Bischof Ibrahim hatte sich in der Vergangenheit Reuters gegenüber sehr besorgt über die Lage seiner Religionsangehörigen im Land geäußert: „In der neueren Geschichte hat Aleppo noch nie so schlimme und leidvolle Zeiten gesehen… Christen wurden auf monströse Weise attackiert und verletzt, viele wurden erst nach astronomischen Lösegeldforderungen an ihre Verwandten wieder freigelassen.“

„Bis vor wenigen Monaten kam kein Christ auf die Idee zu fliehen, aber aufgrund der täglich wachsenden Gefahren sehen viele Menschen keinen anderen Ausweg mehr“, so der Bischof.

Der griechisch-orthodoxe Bischof Yazigi hatte erst kürzlich erklärt, dass der „Arabische Frühling“ die Jahrhunderte von „religiöser Verschiedenheit im Mittleren Osten nicht gefährden dürfe.“

„Was ist der Frühling ohne die Vielfalt und den Reichtum der Farben, im Vergleich zur grauen Einheit des….Winters? Verschiedenheit und Reichtum sind mehr als eine monochrome Uniformität, die wiederum wie eine tickende Zeitbombe ist, die ihren Besitzer töten wird“, so Yazigi.

Lakhdar Brahimi, der UN-Sondergesandte für Syrien, und eine Reihe von Ministern sind mit der Arbeit an diesem Fall betraut.

Lakhdar Brahimi äußerte sich folgendermaßen über die jüngsten Entwicklungen in dem Land: „Die jüngste Entwicklung in unserer syrisch-orthodoxen Erzdiözese von Aleppo ist, dass vor ein paar Tagen Hunderte von christlichen Familien, die seit Jahren in der Ruhe von Al-Thawra Stadt am Ufer des Euphrat gelebt haben, vertrieben wurden oder aus Angst vor den heftigen Kämpfen in dieser Stadt geflohen sind. Einige Familien sind geblieben, da sie aus wirtschaftlichen Gründen ihre Häuser nicht verlassen konnten, um anderswo zu überleben. Wir sind durch den Priester aus der Gegend von Al-Thawra Stadt informiert worden, dass mehr als 80 Familien die Stadt über Nacht verlassen haben.

Wir sind Verfechter des Friedens und bereit, mit allen Seiten zusammenzuarbeiten, um diesen abscheulichen Krieg, der unkontrolliert in unserer Heimat Syrien entbrannt ist, in Schach zu halten. Wir rufen jetzt laut: Genug ist genug; wir sind völlig erschöpft, und so kann es nicht weitergehen. Wir sehen keine Lösung am Horizont, weder von innen noch von außen. Wohin sollen wir blicken? Welches Instrument wird dieses Chaos beenden; wer ist fähig, dieses verschwörerische Joch aufzuheben, das uns erdrücken wird?“

Der Kustos des Heiligen Landes, P. Pierbattista Pizzaballa, hatte vor kurzem dringend dazu aufgerufen, syrische Familien zu unterstützen. Es eskaliere die anhaltende Gewalt zwischen rivalisierenden Gruppen, und es seien bereits Hunderttausende von Menschen gezwungen worden, ihre Häuser zu verlassen.

Seit dem Beginn des Bürgerkriegs fehle es syrischen Familien an Nahrung oder Arbeit, weil alle Industriebranchen zerstört worden seien. In der vergangenen Woche seien erneut bei Kämpfen südwestlich von Damaskus mehr als 550 Menschen, meist Frauen und Kinder getötet worden.

Die Kustodie des Heiligen Landes ist in vielen syrischen Städten wie Damaskus, Aleppo, Latakia und Orontes aktiv. Innerhalb der Franziskaner-Klöster sind medizinische Ambulanzen in Schutzräume für jedermann umgewandelt worden, ungeachtet der religiösen oder ethnischen Zugehörigkeit. Es werden Alawiten und Sunniten sowie Christen ebenso aufgenommen wie Verletzte aus Regierungs-und Rebellenkreisen.

Erst am vergangenen 15. April war die Kirche des Klosters der Franziskaner in Deir Ezzor dem Erdboden gleichgemacht worden, wie der Fidesdienst berichtet hatte. Pater Tony Haddad, der Leiter der Vize-Provinz Naher Osten der Franziskaner, die auch den Libanon und Syrien umfasst: „Dies war die einzige Kirche in Deir Ezzor, die bisher noch nicht beschädigt worden war.“

Ungeklärt ist bisher, auf welche Weise die Kirche zerstört wurde. Wie aus ersten Berichten hervorgingt, wurde in der Kirche eine Bresche geschlagen, und Kämpfer der Opposition sollen sich dort in Stellung gebracht haben. Die Soldaten der staatlichen Armee sollen die Kirche daraufhin zerstört haben. Andere berichten von einer Autobombe, die neben der Einrichtung positioniert wurde. P. Haddad ist verbittert über „so viel Hass und Respektlosigkeit.“ In der Region, so der Ordensmann, „gibt es keine Christen mehr.“

In den vergangenen Monaten hätten angesichts der kritischen Lage auch „unsere beiden im Kloster lebenden Mitbrüder Deir Ezzor zusammen mit den Schwestern von Mutter Teresa und rund einem Dutzend Senioren, die dort wohnten, verlassen. Sie waren die letzten hier noch lebenden Christen. Ich danke dem Herrn dafür, dass unsere beiden Mitbrüder gesund sind und leben. Die Kirche ist aus Stein und kann wieder aufgebaut werden, sobald eines Tages im Nahen Osten der Frühling des Friedens beginnen wird“, so P. Haddad.

„Während ihrer fast vierhundertjährigen Geschichte hat unsere Vize-Provinz oft Zerstörung und Verfolgung erlebt, doch sie ist immer wieder auferstanden mit der Hilfe Jesu Christi.“

Es gibt eine weitere Ordensgemeinschaft der Kapuziner im Süden Syriens in Soueida, wo die Lage bisher noch ruhig ist. Dort leben zwei Ordensmänner.

Wie aus Kreisen der syrischen Opposition berichtet wurde, sollen Flugzeuge der syrischen Luftwaffe in den vergangenen Tagen auch zwei syrisch-orthodoxe Kirchen in Deir Ezzor unter Beschuss genommen haben. Die syrisch-orthodoxe Kirche hatte mitgeteilt, dass Kirchen in verschiedenen Provinzen des Landes angegriffen wurden, darunter in Harasta, Arbin, Zabadani, Deraa, Aleppo, Danmaskus und Raqqa.

Die Christen machten etwas weniger als 10 Prozent der 23 Millionen Einwohner aus und sind mit den anderen religiösen Minderheiten besorgt über den zumeist sunnitischen- muslimischen Widerstand gegen Assad, der Alewit ist, ein Zweig der schiitischen Muslime. In der vergleichbaren Lage im Irak sind nach dem Sturz Saddam Husseins die Hälfte der Christen aus dem Land geflohen.

Syrische Christen sind auch in Tunesien, Libyen und Ägypten von der wachsenden Gewalt der Islamisten betroffen.