Syrische Bürgerkriegsflüchtlinge im Libanon

"Schaut auf meine Kinder!"

Rom, (ZENIT.orgKIN) | 907 klicks

Der Krieg in Syrien traumatisiert Kinder und Erwachsene. Unzählige fliehen, viele davon in den Libanon. Eine Delegation des weltweiten katholischen Hilfswerks „Kirche in Not" hat Flüchtlinge in der Bekaa-Ebene nahe der syrischen Grenze und in der Hauptstadt Beirut besucht.

„Es waren einmal ein paar Kinder, die suchten ein sicheres Plätzchen. Sie fanden ein Haus, in dem sie sich versteckten. Ein kleiner Junge ging nach draußen, weil er Hunger hatte und etwas zu essen holen wollte. Er wurde totgeschossen.“ Der achtjährige Fedi aus dem syrischen Seir hat diese traurige Geschichte geschrieben und schon viele ermordete Menschen gesehen. Als er eines Tages von der Schule kam, lagen überall auf der Straße Tote. Es waren so viele, dass er teilweise über die Leichen laufen musste. Er rannte von Hauseingang zu Hauseingang, um Schutz vor den Bomben und den Heckenschützen zu suchen. Mit Buntstiften hat er danach ein Bild gemalt, auf dem sich ein Soldat der syrischen Armee und ein Angehöriger der Opposition beschießen. Mit diesen Erlebnissen steht er nicht alleine da, denn selbst die kleinsten syrischen Kinder, die kaum sprechen können, wissen, was "paff-paff" bedeutet. Oft weinen sie nachts.

Fedis Familie blieb nichts erspart: Ein Onkel des Jungen wurde entführt. Sein Leichnam wurde in Stücke gehackt. Die Kidnapper riefen die Witwe vom Handy des Toten aus an. „Sie können sich die Leiche abholen“, sagten sie. Auch ein Nachbar wurde entführt, ermordet und in Stücke geschnitten. Geschichten wie diese können fast alle syrischen Flüchtlinge erzählen.

Eines Nachts schlug eine Bombe ins Nachbarhaus ein. Fedi und seine Schwester begannen laut zur Gottesmutter Maria zu beten. „Heilige Mutter Gottes, mach, dass die Kämpfe aufhören“, flehten sie. Damals beschloss die Familie, zu fliehen. Im libanesischen Zahle unweit der syrischen Grenze sind sie untergekommen. Hier leben nun drei Familien in einer winzigen Zweizimmerwohnung.  Eine von Fedis Tanten hat inzwischen Zwillinge geboren – einen Jungen und ein Mädchen. Die Babys sind nur wenige Wochen alt.

An die Zimmerwand haben die Kinder ein Kreuz mit dem Herzen Jesu gemalt. Ein paar Heiligenbilder hängen darüber. Ansonsten gibt es nur ein paar alte Sessel, die ihnen mitleidige Nachbarn geschenkt haben. Für die viel zu kleine Unterkunft zahlen sie 200 Dollar Miete, denn die libanesische Regierung stellt den Flüchtlingen keine Unterkünfte zur Verfügung. Daher mieten sie Garagen, winzige Apartments oder sogar Zelte – oft für horrende Preise.

In der Hauptstadt Beirut ist Wohnraum besonders teuer. „1000 Dollar wollten sie von uns im Monat haben“, klagt die Muslimin Rasha, die mit ihren drei Kindern, ihrem Mann, der Familie ihres Schwagers und ihren Eltern in Beirut untergekommen ist. So eine hohe Miete konnte sich die Familie nicht leisten. So leben seit einem halben Jahr 13 Personen auf kaum zehn Quadratmetern zusammen. Am Anfang hatten sie eine Wolldecke für drei Personen. „Mein Vater stirbt vor unseren Augen, und wir können nichts für ihn tun“, schluchzt sie. Die Familie stammt aus Aleppo. Hals über Kopf mussten sie fliehen – von Bewaffneten vertrieben, die ihr Haus plünderten. „Wir konnten nichts mitnehmen. Die Kinder waren noch im Schlafanzug, als diese Terroristen kamen und uns bedrohten. Ich habe nicht einmal die Dokumente der Kinder mitnehmen können“, sagt sie. An der Grenze hatte sie daher Probleme: Der Grenzbeamte wollte sie nicht in den Libanon lassen, weil sie nicht beweisen konnte, dass es ihre Kinder sind. Nach einer langen Diskussion durfte sie endlich doch passieren.

Die katholische Kirche hilft den Flüchtlingen, wo sie kann: mit Heizöl, Decken, Kleidung, Lebensmittelpaketen, medizinischer Betreuung und finanzieller Unterstützung, damit die Familien Miete und Schulgeld für die Kinder zahlen können. Viele der Familien schämen sich dafür, auf Hilfe angewiesen zu sein.  „Wir hatten in Syrien ein großes Haus. Ich brauchte nie jemanden um Hilfe zu bitten“, weint Rasha. „Bis vor kurzem waren wir es, die anderen geholfen haben. Ich schäme mich so, jetzt um Hilfe bitten zu müssen. Ich hätte nie gedacht, einmal in eine solche Situation geraten zu können.“ Und verzweifelt ruft sie aus: „Schaut auf meine Kinder, sie sind Flüchtlinge. Manchmal bereue ich es, dass ich Kinder habe. Was soll aus ihnen werden? Es ist unmöglich, so zu leben. Uns hilft nur die Kirche, obwohl wir Muslime sind.“

Die genaue Zahl der syrischen Flüchtlinge im Libanon ist unklar. Registriert sind etwas mehr als 200 000, aber in Wirklichkeit sind es wohl wesentlich mehr, nach Schätzung von Kirchenvertretern bereits weit über eine Million.

Die Menschen aus Syrien wünschen sich nur eines: Dass der Krieg endlich aufhört. Die meisten interessieren sich nicht für Politik. Sie wollen eine Zukunft für sich und ihre Kinder. Sie wollen, dass das sinnlose Töten ein Ende nimmt. Sie wollen ihr Leben zurück. Viele der Flüchtlinge würden lieber heute als morgen nach Hause zurückkehren. Andere glauben nicht mehr daran, dass es Hoffnung für ihre Heimat gibt. Sie alle benötigen Hilfe und eine ausgestreckte Hand, damit sie nicht verzweifeln. Stellvertretend für alle syrischen Mütter weist Rasha auf ihre Kinder: „Schaut sie euch an!“

Von Eva-Maria Kolmann