Syrische Flüchtlinge: "Die Aussichten für den Libanon sind düster"

Msgr. Simon Faddoul, Präsident der libanesischen Caritas, gegenüber "Kirche in Not"

Wien, (KIN Ös) | 331 klicks

Die amerikanische Angriffsdrohung gegen Syrien hat vorübergehend zu einem Anstieg der Flüchtlingszahlen im Libanon geführt: Das erklärte der Präsident der libanesischen Caritas, Monsignore Simon Faddoul, gegenüber dem internationalen katholischen Hilfswerk „Kirche in Not“. Wörtlich sagte er am Freitag: „Jetzt, nachdem der Militärschlag doch nicht stattgefunden hat, sind die Flüchtlingszahlen wieder auf die Ausgangshöhe zurückgegangen.“ Die libanesische Regierung, so Faddoul weiter, schätze die Zahl der Syrer im Libanon auf etwa 1,4 Millionen Personen. 1,1 Millionen davon seien Flüchtlinge, der Rest habe sich schon vor Ausbruch der Kriegshandlungen im Land befunden. „Sollte es aber zur Entscheidungsschlacht um Damaskus kommen, dann wird es ein Flüchtlings-Desaster geben“, befürchtet Faddoul.

Doch schon jetzt destabilisierten die hohen Flüchtlingszahlen den Libanon. „Der jüngste Bericht der Weltbank hat gezeigt, welchen verheerenden Einfluss der syrische Krieg auf die libanesische Gesellschaft, Sicherheit und Wirtschaft hat“, betonte der Caritas-Chef. Jüngsten Schätzungen der Weltbank zufolge wird der Verlust, den die libanesische Wirtschaft durch den Konflikt erleidet, bis Ende nächsten Jahres 7,5 Milliarden US-Dollar betragen. Hinzu kämen, beklagte Faddoul, soziale und Sicherheitsprobleme. „Die Zukunft sieht diesbezüglich düster aus.“ Der Priester der maronitischen Kirche hob indes hervor, dass die Zahl derjenigen Flüchtlinge, die eine Registrierung bei den Vereinten Nationen verweigerten, „beträchtlich“ zurückgegangen sei. „Viele haben erkannt, dass die Registrierung der einzige Weg ist, um medizinische Hilfe zu bekommen. Waren es früher 40 Prozent, die nicht registriert waren, so sind es mittlerweile nurmehr 20 Prozent“, so Faddoul. 

Seine Organisation hat bislang mit Unterstützung von „Kirche in Not“ etwa 125.000 Flüchtlinge im ganzen Land versorgt. Etwa 10000 davon sind Christen, der Rest Muslime. Besorgt zeigte sich Faddoul angesichts des nahenden Winters. „Wir benötigen alles: Decken, Heizöl, Kleidung, Nahrungsmittel, Hygieneartikel, Wohnungszuschüsse und so weiter. Unsere Mittel sind nie genug. Aber wir versuchen unser bestes mit dem, was wir bekommen.“

Schwester Georgette Tannoury von der Gemeinschaft des Guten Hirten (Bon Pasteur) zeigte sich gegenüber „Kirche in Not“ ebenfalls besorgt angesichts der destabilisierenden Auswirkungen des Syrien-Konflikts. Sie leitet in der libanesischen Hauptstadt Beirut eine Ambulanz für Flüchtlinge, wo manchmal über 150 Syrer täglich, meist Frauen und Kinder, betreut werden. „Kirche in Not“ unterstützt sie bei ihrer humanitären Arbeit. „Die Zahl der Syrer ist sehr groß“, so Schwester Georgette. „Kinder füllen die Straßen und betteln zwischen den Autos. Wir hatten noch nie so viele Diebstähle und Verbrechen im Land wie in diesem Jahr. Das führt zu einem Anstieg der Frustration im Libanon angesichts der vielen Flüchtlinge. Eine Dame berichtete mir, dass sie Angst habe, ihre Tochter allein zu Einkäufen auf die Straße zu schicken.“„

Weil es im Libanon anders als etwa in Jordanien keine Auffanglager gibt, sind die Flüchtlinge auf das ganze Land verteilt. „Sie wohnen oft in Garagen. Familien, die in Syrien in großen Häusern gelebt haben, finden sich plötzlich in einem Zimmer mit 15 anderen Menschen wieder. Ihre Kinder lehnen das ab und ziehen vor, auf der Straße zu leben.“ 

Die Not, so Schwester Georgette, zwinge die Menschen oft zu verzweifelten Taten. „Eine Frau hat mir erzählt, dass ihr Mann sie zur Prostitution zwingt, um die Familie zu ernähren. Ein anderer Familienvater hat seine 13-jährige Tochter einem 60-Jährigen verkauft, um Geld zu bekommen. Solche Geschichten höre ich den ganzen Tag. Möge sich Gott seines Volkes erbarmen. Ich danke ‚Kirche in Not‘ für die Unterstützung. Wir werden fortfahren, den Ärmsten der Armen zu helfen.“