Täglicher Kampf um christliche Freude und Hoffnung muss den modernen Gläubigen auszeichnen

Beitrag Bischofs Dr. Ägidius J. Zsifkovics von Eisenstadt bei der Bischofssynode

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VATIKANSTADT, 16. Oktober 2012 (ZENIT.org). – Bei der heutigen 13. Generalkongregation der Bischofssynode im Vatikan rief Dr. Ägidius J. Zsifkovics, Bischof von Eisenstadt (Österreich), den Denker Teilhard de Chardin in Erinnerung. Nicht nur das Dasein des Einzelnen, sondern auch das der ganzen Menschheit sei fragwürdig geworden. Das Evangelium sei keine Sitzordnung, sondern Wegweisung, und viele kirchliche Probleme resultierten daraus, dass aus dem Evangelium strukturelle Dinge abgeleitet würden.

[Wir veröffentlichen den Redebeitrag im Wortlaut:]

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Heiliger Vater!

Liebe Brüder und Schwestern!

In der Sprache Goethes, die auch die Muttersprache unseres verehrten Heiligen Vaters ist, möchte ich zu Ihnen sprechen. Mir den herzlichen Grüßen und Segenswünschen der Österreichischen Bischofskonferenz erklingt meine Stimme exakt auf jenem kulturellen Kontext heraus, den diese Synode den „christlichen Westen“ nennt – mit all seinen Phänomenen einer „Loslösung vom Glauben“ (Instrumentum Laboris, 7).

Wer als Hirte in diesem gesellschaftlichen Kontext steht, in dem der materielle Mensch den geistlichen Menschen niederzudrücken sucht, der erlebt den Kampf um die christliche Freude und Hoffnung jeden Tag. Doch wo das Bedrohliche wächst, wächst auch das Rettende: „Gaudium et spes“ – Die Pastoral-Konstitution des Konzils spricht zu uns vom Licht Christi, in dem „der Schlüssel, der Mittelpunkt und das Ziel der ganzen Menschheitsgeschichte gegeben ist“ (Gaudium et spes, 10).

Diese Konstitution trägt die Dynamik des Denkens eines großen Glaubenden des zwanzigsten Jahrhunderts: Pater Pierre Teilhard de Chardin. Vor dieser Synode möchte ich sein Wer ausdrücklich in Erinnerung rufen. Ob wir es wollen oder nicht: Die von ihm vor mehr als 60 Jahren vorausgesetzten globalen Phänomene haben uns heute eingeholt. Wir alle leben in einer Welt, die nicht mehr nur das Dasein des Einzelmenschen, sondern das der ganzen Menschheit fragwürdig geworden ist.

Teilhard sah das Leben und den Kosmos in einer von Gott bewirkten kreativen Bewegung, die noch nicht an ihr Ziel gelangt ist. Ich bin überzeugt, dass diese Sicht der Kirche und der Welt in der Krise einen Weg zeigen kann (Vgl. Einführung in das Christentum) – fern von Zweckoptimismus und verkrampften Glaubensanstrengungen! Was wir brauchen, ist eine Vertiefung unseres Bewusstseins und eine größere Sicht der Wirklichkeit unserer Welt. Eine Sicht, die weder den christlichen Glauben noch die Vernunft des Menschen beleidigt.

Diese Sicht verlangt von uns einen neuen, vertieften Blick auf Jesus Christus. Die Begegnung mit Christus ist „nicht die Begegnung mit einem historischen Helden, sondern die echte Begegnung mit Gott, der ein Mensch ist“ (IL, 18; 23). Erst, wenn eine menschliche Kirche in der Nachfolge Christi die Menschen wieder im Kontext ihrer unmittelbaren Lebenswirklichkeiten persönlich und emotional erreicht wird, die heutige Unfruchtbarkeit der Evangelisierung ebenso beendet sein, wie die damit verbundenen ekklesiologischen und spirituellen Probleme.

Aus dieser Sicht heraus wird auch das Phänomen der Säkularisierung und ihre Bedeutung für den christlichen Glauben völlig neue Vorzeichen erhalten. Sobald nämlich die Kirche wieder beginnt, in ihrem Dienst, ihrem Tun und Sagen alle Themen des Menschen und alles Konkrete auf der Erde zu umarmen, wird der christliche Glaube das Zupackende seiner Lebenskraft und den Zauber seiner Anziehungskraft wieder voll entfalten können. Diese heutige Zeit birgt daher die reelle Chance, das unermessliche Potential suchender, ringender und hoffender Menschen im christlichen Glauben zu aktivieren. Lassen wir sie nicht ungenutzt!

Wenn diese Aktivierung gelingt, wird sie auf die in der modernen Gesellschaft vorhandene Trennung von Glauben und Leben ebenso heilsam wirken wie auf die Verständigungsprobleme zwischen christlicher Vernunft und technologischer Forschung.

Teilhards visionäre Zusammenschau christlichen Glaubens mit dem heutigen wissenschaftlichen Weltbild ist noch lange nicht von uns erreicht. Wir müssen lernen, den Dialog mit der Wissenschaft wieder auf Augenhöhe zu führen – das ist mühsam, aber unerlässlich!

Liebe Brüder und Schwestern! Auch wenn wir in der Kirche – und besonders in diesen Tagen und Woche! – viel sitzen und beraten: das Evangelium ist keine Sitzordnung, sondern Wegweisung! Wie viele kirchliche Probleme resultieren daraus, dass aus dem Evangelium strukturelle Dinge abgeleitet werden!

Brechen wir stattdessen auf mit den Worten des großen Neu-Evangelisierers des 20. Jahrhunderts, des seligen Papstes Johannes Paul II: „Habt keine Angst! Öffnet die Tore für Christus!“ Dazu müssen wir nicht nur die Türen zu allen Bereichen der Gesellschaft öffnen – wir müssen zuerst die Türe des eigenen Herzens öffnen! Dann erst wird es möglich sein, frei von Angst den Nächsten, aber auch den Fernen in Liebe zu umarmen; dann erst wird es möglich sein, alte Dünkel zu überwinden und die Würde und unverzichtbare Verantwortung der Laien in der Kirche auch praktisch umzusetzen; dann erst wird es möglich sein, dass wir Hebammen einer liebenden Barmherzigkeit werden.

Dann erst werden sich in der Welt, der Schöpfung Gottes, die noch immer in Geburtswehen liegt, ungeahnte Möglichkeiten eröffnen.