Talente: Was Christus uns geschenkt hat, vermehrt sich, wenn es geschenkt wird!

Angelusansprache von Papst Benedikt XVI.

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ROM, 17. November 2008 (ZENIT.org).- Die Talente sind die Gaben Christi, die er seinen Freunden übereignet hat, damit sie in rechter Weise seine Wiederkunft erwarten können. In seiner Ansprache zum sonntäglichen Angelusgebet erläuterte Papst Benedikt XVI. den Sinn des Gleichnisses von den Talenten. Im Anschluss daran erinnerte der Heilige Vater an den Gebetstag für die Klausurordensgemeinschaften am 21. November und würdigte das neue Lektionar für den Ambrosianischen Ritus, das am gestrigen Sonntag in Kraft getreten ist.

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Liebe Brüder und Schwestern!

Das Wort Gottes dieses Sonntags - des vorletzten Sonntags im Jahreskreis - fordert uns dazu auf, in der Erwartung der Wiederkunft Jesu, des Herrn, am Ende der Zeiten wachsam und eifrig zu sein. Der Abschnitt aus dem Evangelium erzählt das bekannte Gleichnis von den Talenten, der der heilige Matthäus wiedergibt (25,14-30). Das „Talent" war eine antike römische Münze von großem Wert, und gerade wegen der Beliebtheit dieses Gleichnisses ist es ein Synonym für die persönliche Begabung geworden, bei der ein jeder dazu berufen ist, sie Ertrag bringen zu lassen. In Wirklichkeit spricht der Text von „einem Mann, der auf Reisen ging: Er rief seine Diener und vertraute ihnen sein Vermögen an" (Mt 25,14). Der Mann des Gleichnisses stellt Christus selbst dar, die Diener sind die Jünger und die Talente sind die Gaben, die Jesus ihnen zuträgt. Deshalb repräsentieren diese Gaben jenseits der natürlichen Qualitäten die Reichtümer, die der Herr Jesus uns zum Erbe hinterlassen hat, damit wir sie Frucht bringen lassen: Sein Wort, das im Evangelium aufgezeichnet ist; die Taufe, die uns im Geist erneuert; das Gebet - das „Vaterunser" -, das wir zu Gott als im Sohn vereinte Kinder erheben; seine Vergebung, von der er uns geboten hat, sie allen zu bringen; das Sakrament seines hingegebenen Leibes und seines vergossenen Blutes. Mit einem Wort: Das Reich Gotte, das er selbst ist, gegenwärtig und lebendig mitten unter uns.

Das ist der Schatz, den Jesus seinen Freunden am Ende seines kurzen Erdendaseins anvertraut hat. Das heutige Gleichnis betont die innere Haltung, in der man diese Gabe aufnehmen und in ihrem Wert fördern muss. Die falsche Haltung ist die der Angst: der Diener, der vor seinem Herrn Angst hat und dessen Rückkehr fürchtet, vergräbt das Geld in der Erde, und es bringt keinen Ertrag. Dies geschieh zum Beispiel bei demjenigen, der die Taufe, die Kommunion und die Firmung empfangen hat und dann diese Gaben unter einem Dunst von Vorurteilen, unter einem falschen Bild von Gott begräbt, das den Glauben und die Werke lähmt, so dass dadurch die Erwartungen des Herrn verraten werden. Das Gleichnis unterstreicht aber vielmehr die guten von den Jüngern erbrachten Früchte, die froh über die empfangene Gabe waren und sie so nicht angsterfüllt und neidisch verborgen gehalten haben, sondern sie Gewinn bringen ließen, indem sie sie mit anderen teilten und sie daran Anteil haben ließen. Ja, was Christus uns geschenkt hat, vermehrt sich, wenn es geschenkt wird! Es handelt sich um einen Schatz, der dazu dient, ausgegeben, investiert und mit allen geteilt zu werden, wie uns der große Verwalter der Talente Jesu, der Apostel Paulus, lehrt.

Die Lehre des Evangeliums, die uns die Liturgie heute bietet, hatte auch auf historisch-sozialer Ebene einen entscheidenden Einfluss, indem sie in den christlichen Völkern eine aktive und unternehmerische Mentalität förderte. Die zentrale Botschaft aber betrifft den Geist der Verantwortung, in dem man das Reich Gottes annehmen muss: Verantwortung gegenüber Gott und gegenüber der Menschheit. Die Haltung des Herzens verkörpert vollendet die Jungfrau Maria, die die wertvollste unter allen Gaben empfangen hat, Jesus selbst, und ihn dann der Welt in unendlicher Liebe angeboten hat. Sie bitten wir, uns dabei zu helfen, „gute und treue Diener" zu sein, damit wir eines Tages an der „Freude unseres Herrn" Anteil nehmen können.

[Nach dem Angelus erinnerte der Heilige Vater an den kommenden Gebetstag für die Klausurordensgemeinschaften am 21. November:]

Am kommenden Freitag, den 21. November, dem liturgischen Gedenktag Unserer Lieben Frau in Jerusalem, wird der Tag pro Orantibus für die Klausurordensgemeinschaften begangen. Wir danken dem Herrn für die Schwestern und Brüder, die sich dieser Sendung hingegeben haben und dabei vollständig dem Gebet widmen und von dem leben, was sie von der Vorsehung empfangen. Beten wir unsererseits für sie und für die neuen Berufungen, und setzen wird uns dafür ein, die Klöster in ihren materiellen Bedürfnissen zu unterstützen. Liebe Schwestern und liebe Brüder, eure Gegenwart in der Kirche und in der Welt ist unverzichtbar. Ich bin euch nahe und ich segne euch mit großer Zuneigung!

[Benedikt XVI. würdigte dann die Vollendung des Neuen Lektionars für den Ambrosianischen Ritus:]

In der Erzdiözese Mailand sowie in den anderen Gemeinden des ambrosianischen Ritus beginnt an diesem Sonntag die Adventszeit. Während ich sie grüße, möchte ich daran erinnern, dass gerade am heutigen Sonntag das Neue Ambrosianische Lektionar in Kraft tritt, das heißt die im Licht des II. Vatikanischen Konzils erneuerte Sammlung der Bibellesungen dieser antiken und ehrwürdigen liturgischen Ordnung. Es ist bedeutungsvoll, dass dies wenige Tage nach der Versammlung der Bischofssynode geschieht, die das Wort Gottes zum Thema hatte. Möge die ambrosianische Kirche, genährt von der Weisheit und Fülle der Heiligen Schrift, immer in der Wahrheit und Liebe voranschreiten und echtes Zeugnis für Christus ablegen, das Wort des Heils für die Menschheit aller Zeiten.

[Die deutschsprachigen Pilger auf dem Petersplatz begrüßte der Heilige Vater mit den folgenden Worten:]

Ein herzliches „Grüß Gott" sage ich allen Pilgern und Besuchern deutscher Sprache. Im Evangelium des heutigen Sonntags spricht Jesus von den Talenten, welche die Diener „aktiv" verwalten und nutzen sollen. Sie haben das anvertraute Gut mutig einzusetzen, damit es für den Herrn Ertrag bringt. Das Gleichnis erinnert uns daran, dass unser Leben, die Gesundheit, unsere Kräfte und Begabungen uns gewissermaßen nur geliehen sind, und zwar nicht als stilles Guthaben, sondern als Aufgabe, um Gottes Liebe in dieser Welt sichtbar und nachvollziehbar zu machen. Bei diesem Einsatz leite euch Gottes Geist!


[ZENIT-Übersetzung des italienischen Orginals; © Copyright 2008 - Libreria Editrice Vaticana]