"Talíta kum": P. Raniero Cantalamessa über den Tod des Herzens

Kommentar zum Evangelium des XIII. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B)

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ROM, 30. Juni 2006 (ZENIT.org).- Auch heute noch erweckt Jesus tote oder tot geglaubte Jugendliche zum Leben, bekräftigt P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., Prediger des Päpstlichen Hauses, in seinem Kommentar zu den Lesungen des 13. Sonntag im Lesejahr B (Weish 1,13-15-2,23-25; 2 Kor 8,7.9. 13-15; Mk 5,21-43). Jesus sage den heilenden Spruch "Talitá kum" ("Mädchen, ich sage dir, steh auf") immer wieder neu: durch sein Wort, aber auch durch seine Jünger.



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Unser Sonntagsevangelium besteht aus mehreren, rasch aufeinander folgenden Szenen, die sich an verschiedenen Orten ereignen. Im Mittelpunkt steht das Geschehen am Ufer des Sees von Galiläa: Jesus ist gerade von einer Menschenmenge umgeben, als ihm ein Mann zu Füßen fällt und ihn um Hilfe anfleht: "Meine Tochter liegt im Sterben. Komm und leg ihr die Hände auf, damit sie wieder gesund wird und am Leben bleibt" (Mk 5,23). Da unterbricht Jesus seine Predigt und begleitet den Mann zu dessen Haus.

Das zweite Ereignis trägt sich unterwegs zu: Eine Frau, die an Blutungen leidet, nähert sich Jesus heimlich, berührt sein Gewand und wird geheilt. Als Jesus noch mit ihr redet, kommen Leute, die zum Haus des Jairus gehören, und sagen diesem: "Deine Tochter ist gestorben. Warum bemühst du den Meister noch länger?" Jesus, der diese Worte hört, sagt zum Synagogenvorsteher: "Sei ohne Furcht; glaube nur!" (Mk 5,35-36).

Darauf folgt die entscheidende Szene im Haus des Jairus: Es herrscht Lärm, die Leute weinen laut und klagen, wie es nach dem Tod eines jungen Menschen ja nur allzu verständlich is. Jesus tritt ein und sagt zu ihnen: "Warum schreit und weint ihr? Das Kind ist nicht gestorben, es schläft nur." Er schickt alle hinaus und nimmt außer seinen Begleitern nur die Eltern mit in den Raum, in dem das Kind liegt. Er fasst das Kind an der Hand und sagt zu ihm: "'Talíta kum!', das heißt übersetzt: 'Mädchen, ich sage dir, steh auf!'" Und sofort steht das zwölfjährige Mädchen auf und geht umher. Jesus schärft allen ein, dass niemand davon erfahren dürfe, und fügt hinzu, dass man dem Mädchen etwas zu essen geben solle (vgl. Mk 5,38-43).

Diese Stelle des Evangeliums bedarf einer Erklärung. Es wird ja andauernd über die historische Wahrheit und Zuverlässigkeit der Evangelien diskutiert. Erst jüngst konnten wir erleben, wie man versuchte, uns davon zu überzeugen dass die vier Evangelien und die apokryphen Evangelien des zweiten und dritten Jahrhunderts dieselbe Autorität besäßen.

Aber dieses Unterfangen ist gelinde gesagt absurd und beweist eine starke Dosis böser Absicht. Die apokryphen Evangelien, besonders jene gnostischen Ursprungs, sind Jahrhunderte später von Personen verfasst worden, die keinen Bezug zu den eigentlichen Geschehnissen hatten und die sich nicht darum sorgten, historische Begebenheiten aufzuzeichnen; vielmehr wollten sie Jesus eigene Lehren in den Mund legen, Lehren, die aus ihrer eigenen Schule stammten. Die kanonischen Evangelien aber wurden von Augenzeugen geschrieben oder zumindest von Personen, die mit den Augenzeugen direkt in Kontakt standen. Markus – sein Evangelium lesen wir in diesem Lesejahr – war ein enger Vertrauter des Apostels Petrus, der in vielen Episoden als Hauptakteur vorkommt.

Die Textstelle dieses Sonntags liefert uns ein Beispiel für den historischen Charakter des Evangeliums. Die akribische Beschreibung des Jairus und seiner angsterfüllten Bitte um Hilfe, die Szene mit der Frau, die sie auf dem Weg zu seinem Haus antreffen, die skeptische Haltung der Boten gegenüber Jesus, die Kühnheit Christi, die weinenden Menschen und das toten Mädchen, das Gebot Jesu, das in seiner aramäischen Muttersprache erklingt, die bewegende Bitte Jesu, dem auferweckten Mädchen etwas zu essen zu bringen: All das lässt uns sofort an einen Augenzeugen denken, an jemanden, der diese Ereignisse hautnah miterleben durfte.

Was will uns nun dieses Sonntagsevangelium für unseren Alltag sagen? Es gibt wahrhaftig nicht nur den Tod des Leibes, sondern auch den Tod des Herzens. Dieser Tod der Herzens tritt ein, wenn man in Furcht lebt, rastlos ist oder einer chronischen Trauer nachhängt. Die Worte Jesu: "Talitá kum" – "Mädchen, steh auf!" –, richten sich daher nicht nur an tote Jungen und Mädchen, sondern auch an lebende.

Wie bedrückend ist es doch, junge Menschen traurig zu sehen; und um uns herum gibt es sehr viele von solchen Jugendlichen. Traurigkeit, Pessimismus und die Freudlosigkeit am Leben sind immer furchtbare Dinge, aber wenn man sie bei Jugendlichen wahrnimmt oder wenn diese selbst davon berichten, dann trifft das unser Herz noch mehr.

Jesus erweckt auch heute noch Mädchen und Jungen zum Leben, die in dem zuvor genannten Sinn tot waren. Und er tut dies mit seinem Wort, aber auch, indem er ihnen seine Jünger schickt, die in seinem Namen und mit seiner Liebe den Jugendlichen von heute zurufen: "Talitá kum": Junge, steh auf! Beginn von neuem zu leben."

[ZENIT-Übersetzung des italienischen vom Autor zur Verfügung gestellten Originals]