Tarantino im Wilden Westen

Filmrezension: Django Unchained

Berlin, (ZENIT.orgtextezumfilm) Dr. José García | 995 klicks

Eine Reihe schwarzer Sklaven in Ketten wird von Menschenhändlern durch die Wüste gejagt. Während des Vorspanns mit den großen roten Lettern, die an Sergio Corbuccis Italowestern „Django“ aus dem Jahr 1966 erinnern, erklingt die Original-Titelmusik aus Corbuccis Film. Quentin Tarantinos aktueller Spielfilm „Django unchained“ spielt eben nicht nur im Filmtitel auf Corbuccis Film an. Dessen Hauptdarsteller Franco Nero, den „Django“ zum Weltstar machte, wird in Tarantinos Film sogar einen Kurzauftritt haben. Wie bei allen Italowestern ging es in „Django“ sehr brutal zu. In „Django unchained“ spritzt bald Blut in hohen Fontänen. Nicht umsonst ist Regisseur Quentin Tarantino für eine überbordende, aber auch in deren Übertreibung unrealistische und deshalb meistens mit ironischer Distanz wiedergegebene Gewalt bekannt. Eins haben „Django“ und „Django unchained“ jedoch nicht gemeinsam: Der Anti-Held des Italowesterns zeichnete sich durch Wortkargheit aus. In „Django unchained“ wird unaufhörlich gesprochen – wie in jedem Tarantino-Film.

Denn der deutsche ehemalige Zahnarzt und nunmehrige Kopfgeldjäger Dr. King Schultz (Christoph Waltz) versteht es, seine Gegner mit einem veritablen Redeschwall einzuschläfern. Allerdings funktioniert die Redestrategie nicht immer, so etwa als er den Sklavenhändlern einen der eingangs erwähnten Angeketteten abkaufen will. Am Vorabend des amerikanischen Sezessionskriegs verstehen manche lediglich die Sprache der Waffen. Aber auch darin zeigt sich der Deutsche mit der ausgesuchten Gentleman-Sprache ebenso geübt. Ein paar Schüsse weiter hat er Django (Jamie Foxx) bereits die Ketten abgenommen. Doch selbstlos handelt Dr. Schultz nicht: Django soll ihm helfen, die Brittle-Brüder zu finden, die sich auf einer Farm unter neuem Namen versteckt haben. Obwohl Schultz nach erfolgreicher Tat Django die Freiheit schenkt, bleiben die beiden Männer zusammen, um die Verbrecher mit dem höchsten Kopfgeld zu jagen. Djangos Ziel bleibt aber, seine Frau Broomhilda (Kerry Washington) zu befreien. Ihr aus Brunhilde abgeleiteter Name weckt in Dr. Schultz Erinnerungen an die deutsche Kultur, und so beschließt er, seinem neuen Geschäftspartner zu helfen. Broomhildas Suche führt die beiden zur Plantage von Calvin Candie (Leonardo DiCaprio), der wie ein König (oder wie Colonel Kurtz in Francis Coppolas „Apocalypse Now“) uneingeschränkt herrscht. Schultz lässt sich einen Trick einfallen – der an George Roy Hills Gaunerkomödie „Der Clou“ erinnert. Doch Candies Haussklave und rechte Hand Stephen (Samuel L. Jackson) kommt ihm auf die Schliche, und so läuft einiges aus dem Ruder.

Dramaturgisch fällt bei „Django unchained“ insbesondere seine chronologische Erzählstruktur auf. Hatten seine früheren Filme „Pulp Fiction“ (1994) und „Kill Bill“ (2003-2004) verschiedene Zeitebenen miteinander vermischt, so entwickelt sich die Handlung seines aktuellen Filmes bis auf einige Rückblenden, in denen die Liebe zwischen Django und Broomhilda beschrieben wird, erstaunlich linear. Außerdem sind solche Liebesgeschichten bei Tarantino äußerst selten. Auch die Männerfreundschaft zwischen Dr. Schultz und Django mag zwar für den Western genretypisch sein. In der Tarantino-Welt sucht sie dennoch ihresgleichen. Im Gegensatz zu seinem letzten Film „Inglourious Basterds“ (siehe Filmarchiv), der eine im Nazideutschland angesiedelte reine Märchenphantasie war, nimmt offenbar Regisseur Tarantino in „Django unchained“ Bezug auf die reale Geschichte der Sklaverei in den Vereinigten Staaten.

Bei der deutschen Filmpremiere in Berlin führte der Regisseur selbst dazu aus: Die Handlung seines Filmes „sollte vor dem Hintergrund der Sklaverei spielen, damit man die Brutalität wirklich sieht, mit der Amerikaner ihre schwarzen Sklaven behandelt haben“. Auf die Frage, ob die Sklaverei in Amerika mit dem Holocaust verglichen werden könne, antwortete Tarantino: „Amerika ist für zwei Holocausts in seinem Land verantwortlich: für die Ausrottung der indianischen Ureinwohner und für die Versklavung von Afrikanern, Jamaikanern und Westindern in der Zeit des Sklavenhandels. Das wird Ihnen als Deutsche seltsam vorkommen. Sie sind alle gezwungen worden, sich bis zur Bewusstlosigkeit immer und immer und immer wieder mit der Schuld Ihres Volkes auseinanderzusetzen. Den Amerikanern ist es gelungen, irgendwie darüber hinwegzugleiten.“

Vor diesem Hintergrund wird verständlich, dass in „Django unchained“ die Gewalt realistischer dargestellt wird als in früheren Tarantino-Filmen. Zwar gibt es auch sozusagen „verspielte“ Blutexzesse – wenn sich etwa Baumwollblüten rot färben. Aber in seinem neuen Film wirkt die Gewalt auch wirklichkeitsnäher, und dies bereits bei der Eingangssequenz, als die Narben der Peitschenhiebe auf den Rücken der angeketteten Sklaven überdeutlich ins Bild gerückt werden. „Django unchained“ ist schließlich aber auch ein Schauspielerfilm: Nicht nur Christoph Waltz stellt sein nuancenreiches Spiel unter Beweis. Je länger die Handlung voranschreitet, desto deutlicher erspielt sich Jamie Foxx die Hauptrolle. Aber auch Leonardo DiCaprio genießt sichtlich seine Rolle als allherrschendes Scheusal. Nicht zu vergessen Samuel L. Jackson, der als Haussklave mit seinem Herrn um die Rolle des Oberfieslings wetteifert.