Terry Schiavo und die Folgen

Können sich alte und kranke Menschen noch schützen?

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LONDON, 6. Juni 2005 (ZENIT.org).- Die Eltern von Terry Schiavo, Bob und Mary Schindler, kamen Mitte Mai nach Rom, um sich beim Papst und seinen Mitarbeitern für die Unterstützung der Kirche zu bedanken. Ihr Bemühen, ihre Tochter Terry, eine Wachkoma-Patientin, vor dem Tod des Verhungerns und des Verdurstens zu bewahren, war gescheitert.



Vatikansprecher Joaquín Navarro-Valls hatte den Entzug von Nahrung und Wasser scharf verurteilt, der am 31. März dieses Jahres zu Terry Schiavos Tod in Florida geführt hatte. In seiner Erklärung, die am Tag ihres Todes veröffentlicht wurde, bezeichnete der Leiter des Pressebüros des Heiligen Stuhls die von den Gerichten herbeigeführte Maßnahme als "willkürliches Beschleunigen des Todes". Er äußerte auch die Hoffnung, dass das tragische Ereignis die öffentliche Meinung zu einer größeren Sensibilität gegenüber der menschlichen Würde und zu verbesserten Bestimmungen zum Schutz des Lebens führen würde.

Der Fall Terry Schiavo ist alles andere als ein Einzelfall. Wenig später, am 17. April, berichtete der britische "Telegraph" über Mae Magouirk, eine 81-jährige Witwe aus dem amerikanischen Bundesstaat Georgia. Entgegen ihrer Patientenverfügung hatte man ihr zehn Tage lang Nahrung und Wasser vorenthalten, nachdem sie wegen Herzproblemen ins Krankenhaus gebracht worden war. Laut Bericht hatten die Ärzte die Herzprobleme der Frau als durchaus behandelbar eingestuft.

Die Witwe sei nicht im Koma gelegen, ja nicht einem im Wachkoma. Aber ihre Enkelin, die sie in ihrer Patientenverfügung zum Vormund bestimmt hatte, habe angegeben, Mae Magouirk sei "bereit, im Frieden Jesu heimzugehen". Das Leben der Patientin wurde gerettet, nachdem andere Mitglieder der Familie die Wiederaufnahme der künstlichen Ernährung vor Gericht durchgesetzt hatten.

Auch in Großbritannien wurde die Entziehung von Nahrung und Wasser zum Thema. Und zwar aufgrund eines "der wichtigsten Berufungsverfahren zugunsten des Rechts auf Leben", wie am 16. Mai in der Tageszeitung "Guardian" zu lesen war.

Der Fall, auf den sich besagter Artikel bezieht, betrifft Leslie Burke, der an einer progressiven degenerativen Krankheit leidet. Er befürchtet, dass die Ärzte in naher Zukunft, sobald seine Situation sich verschlechtert hat, den Abbruch der künstlichen Ernährung beschließen könnten. Burke war deshalb vor Gericht gegangen und hatte im Juli 2004 vor dem obersten Zivilgericht in erster Instanz einen Sieg davongetragen. Das Gericht hatte entschieden, dass die Richtlinien für Ärzte des "General Medical Council" ("Allgemeinen Ärzterats") über das Abbrechen einer lebensverlängernden Behandlung in einigen Aspekten gesetzwidrig seien.

Wer entscheidet?

Am 18. Mai berichtete BBC, dass der Ärzterat gegen den Gerichtsentscheid Berufung einlegt habe. Beide Seiten hätten ihre Argumente bei drei Richtern eines Appellationsgerichts vorgelegt. Nach Angaben von Burkes Anwalt, Richard Gordon, gehe es darum, "wer entscheidet". In dem ersten Verfahren habe Burke geltend gemacht, dass die Weisung des "General Medical Council", wonach die Ärzte in Fällen wie dem seinen darüber zu entscheiden hätten, welche Behandlung der Patient im Endstadium seiner Krankheit bekommen soll, eine Verletzung seiner Menschenrechte darstellt.

Dieser Auffassung hatte Richter James Lawrence Munby Recht gegeben und erklärt, dass, sofern der Patient entscheidungsfähig sei oder – im Falle seiner Unfähigkeit – eine schriftliche Erklärung von ihm bekunde, dass er die Fortsetzung der Behandlung wünscht, die Ärzte verpflichtet seien, für die künstliche Ernährung und die Flüssigkeitszufuhr zu sorgen.

Ein Rechtsanwalt, der die britische Gesundheitsministerin Patricia Hewitt vertrat, sagte vor dem Appellationsgericht, der staatliche Gesundheitsdienst ("National Health Service") sollte nicht jedem Patienten eine lebensverlängernde Behandlung gewähren müssen, der darum bitte, "weil dies eine ruinöse Verschwendung von Geldern bedeuten würde". Mit diesen Worten wurde der Anwalt am 19. Mai in der "Times" zitiert. Das Gesundheitsministerium unterstütze deshalb die Berufung gegen das Urteil aus dem Jahr 2004.

Laut "Times" wird diese Haltung der Regierung von Derrick Wilson kritisiert, einem Mann, der einen Sohn namens Duncan besitzt, der seit acht Jahren im Wachkoma liegen soll. Den Ärzten habe dieser Mann die Erlaubnis verweigert, das Leben seines Sohnes zu beenden.

"Ich glaube, hier fängt die Euthanasie an, und zwar nicht nur für Menschen wie Duncan, sondern für Leute wie mich, die einfach nur alt werden. Es stinkt nach Euthanasie, wenn die Regierung für so etwas eintritt. Es ist erschreckend", so wird Derrick Wilson zitiert.

Dass aber auch das Urteil aus dem Jahr 2004 einige Mängel aufweist, hob die katholische Bischofskonferenz von England und Wales hervor. In einer Erklärung, die am 17. Mai vom "Catholic Communications Network" veröffentlicht wurde, sagen die Bischöfe, dass sie sich der Rechtsbeschwerde anschließen, da sie befürchten, dass es zu "potentiell gefährlichen strafrechtlichen Implikationen in Verbindung mit assistiertem Selbstmord und Euthanasie" kommen könnte, sollte das Prinzip der Patientenautonomie absolut gesetzt werden.

Die Bischöfe betonen jedoch, dass sie nichts gegen Burkes Bemühen hätten, sicherzustellen, dass er weiterhin künstlich ernährt wird.

Dr. David Stevens, geschäftsführender Vorsitzender der christlichen Ärztevereinigung ("Christian Medical Association") in den Vereinigten Staaten von Amerika, wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass Patienten, denen Nahrung und Wasser vorenthalten werde, in erster Linie an Durst sterben, was bewiesenermaßen nicht angenehm sei.

Am 23. März hatte Stevens im Zusammenhang mit dem Fall Terri Schiavo gegenteilige Behauptungen zurückgewiesen. Befürworter der umstrittenen Maßnahme, die Nahrungszufuhr zu stoppen, hatten damals gemeint, dass es nicht schmerzhaft sei, einen derartigen Tod zu sterben. Stevens berief sich in seinen Aussagen auf seine 13-jährige Tätigkeit in Afrika, bei der er häufig dem Tod durch Austrocknen begegnet sei. Und er kritisierte die "so genannten Experten" heftig, die nie jemanden auf diese Weise hätten sterben sehen: "Im Gegensatz zu den Behauptungen derer, die versuchen, das Bild eines sanften Todes zu malen, ist der Tod durch Austrocknen ein grausamer, unmenschlicher und oft qualvoller Tod", sagte Stevens.

Wenn Kühe leiden

Wenn es um Tiere geht, scheinen die Gesetzgeber und Richter keinerlei Zweifel zu besitzen, wie vorzugehen ist: für das Opfer, das geschützt werden muss. In der Zeit, als Terry Schiavo starb, berichtete die "Times Argus" in Barre im US-Bundesstaat Vermont am 24. März von einem Bauern, der verurteilt worden war, weil er Kühe hatte verhungern lassen.

Der Bauer namens Christian DeNeergaard sei zu einem Jahr mit Bewährung und 30 Tagen Arbeitseinsatz in einer Arbeitskolonne verurteilt worden. Im Oktober 2004 hatte gemäß dem Zeitungsartikel der damalige Staatsanwalt des Bezirks Washington, Tom Kelly, erklärt, er würde zumindest eine Gefängnishaft für eine grobe Vernachlässigung von Tieren beantragen, die das Leben von mindestens 11 Kühen gefordert habe. Wörtlich soll er gesagt haben: "Wir glauben, dass eine Gefängnisstrafe angemessen ist." Und: "Die Kühe litten schrecklich."

Am 28. März berichtete die "Los Angeles Times" über Fred Purcell, der sein Land nicht bebauen darf, weil dies einige Höhlenkäferchen stören könnte: Vor 22 Jahren hatte Purcell zusammen mit einigen Geschäftsteilhabern 216 Morgen Land nordwestlich von Austin, Texas, gekauft. Ziel war es, Häuser zu bauen und diese dann zu verkaufen. Aber seine Pläne wurden durchkreuzt, weil winzige Höhlenkäfer, von denen man annimmt, dass sie nur in diesem Gebiet vorkommen, unter der Erde in Kalksteinhöhlen wohnen. Bisher waren Purcells Klagen vor Gericht erfolglos. Nun versucht es der Geschäftsmann mit einer Rechtsbeschwerde vor dem Obersten Gerichtshof der USA.

Auch Schoßtiere genießen weitgehenden rechtlichen Schutz: Mitte Mai berichtete die "New York Times", dass in 27 US-Bundesstaaten Gesetze gelten würden, die es Tierbesitzern erlaubten, Familienstiftungen zu gründen. Auf diese Weise könnten die Besitzer Geld an die Stiftung einzahlen, so dass ihre Lieblingstiere nach dem Tod ihrer Eigentümer versorgt würden. Im Artikel wird auch darauf hingewiesen, dass es seit 1990 gesetzlich erlaubt sei, einem Haustier testamentarisch Geld zu hinterlassen.

Laut "New York Times" werden viele Haustiere getötet, sobald ihre Besitzer sterben. Im vergangenen Jahr gründete Amy Shever die Gesellschaft "PetGuardian" ("Haustiervormund"). Sie errichtet Stiftungen für Haustiere. Die Kunden können sich für unterschiedliche Behandlungsformen für ihre Haustiere entscheiden. Eine Kundin soll so zum Beispiel bestimmt haben, dass ihr Hund nach ihrem Ableben morgens gebratenes Hühnchen und abends gegrilltes Rippchen bekommen sollte.

In einer Erklärung, die am 31. März – unmittelbar nach dem Tod von Terry Schiavo – veröffentlicht worden war, sagte Kardinal William Keeler, Vorsitzender des Lebensschutz-Komitees der US-Bischofskonferenz, ihr Elend habe eine ganz entscheidende Frage ins Bewusstsein gerufen: "Wie sollen wir also für die hilflosesten Patienten sorgen, die nicht für sich selbst sprechen können, wenn wir wirklich eine menschliche Gesellschaft sein wollen?" Und er fügte hinzu: "Wir beten darum, dass unsere Nation durch diese menschliche Tragödie zu einem größeren Verantwortungsbewusstsein bewegt wird, so dass sie hilflosen Patienten und die Schwächsten unter uns schützt."