Test: "Die Seele dürstet nach dem Herrn"

KATECHESE DES HEILIGEN VATERS IN DEUTSCHER SPRACHE

| 378 klicks

1. Heute wollen wir uns mit Psalm 62 beschäftigen. Er handelt von


der mystischen Liebe und besingt die totale Hingabe an Gott,
ausgehend von einer gleichsam leiblichen Sehnsucht und ihre Fülle
erreichend in einer innigen und immerwährenden Umarmung. Das Gebet
wird zur Sehnsucht, zu Durst und Hunger, da es Seele und Leib mit
einbezieht.

Theresa von Avila schreibt: "Der Durst drückt die Sehnsucht nach
einer Sache aus, doch ist es eine solch innige Sehnsucht, dass wir
sterben, wenn wir sie nicht erfüllen" (Weg der Vollkommenheit,
Kap. 21). Die Liturgie bedient sich der beiden ersten Strophen des
Psalmes, die sich eben mit den Symbolen des Durstes und Hungers
beschäftigen, während die dritte Strophe gewissermaßen hell am
dunklen Horizont aufleuchtet. Dort geht es nämlich um das göttliche
Gericht über das Böse. Sie steht im Kontrast zum übrigen Psalm, der
eher gütige Töne anschlägt.

2. Beginnen wir nun also unsere Meditation mit dem ersten Vers über
den Durst Gottes (vgl. vv. 2-4). Es ist früher Morgen, die Sonne
geht gerade am heiteren Himmel des Heiligen Landes auf. Der Beter
beginnt sein Tagwerk mit dem Tempelgang, um das Licht Gottes zu
suchen. Er braucht diese Gottesbegegnung, er sucht sie geradezu
instinktiv, ja im physischen Sinn. So wie die trockene Erde tot ist,
solange sie nicht vom Regen bewässert wird und wie sie mit ihren
Rissen einem vor Durst schrundigen Mund gleicht, so lechzt der
Gläubige nach Gott, um sich von ihm erfüllen zu lassen und mit ihm
in Gemeinschaft zu sein.

Der Prophet Jeremias hatte schon verkündet, dass Gott der "Quell des
lebendigen Wassers" sei und hatte dem Volk vorgeworfen, dass es sei
wie "Zisternen mit Rissen, die das Wasser nicht halten" (2,13). Auch
Jesus rief laut aus: "Wer Durst hat, komme zu mir, und es trinke,
wer an mich glaubt" (Joh 7,37-38). Am helllichten und schweigenden
Tage verspricht er der Samariterin: "wer aber von dem Wasser trinkt,
das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben; vielmehr
wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zur sprudelnden Quelle
werden, deren Wasser ewiges Leben schenkt" (Joh 4,14).

3. Psalm 62 steht wegen des Themas mit einem anderen wunderschönen
Psalm in Zusammenhang, nämlich mit Psalm 41: "Wie der Hirsch lechzt
nach frischem Wasser, so lechzt meine Seele, Gott, nach dir. Meine
Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott" (vv. 2-3). Seele
heißt in der Sprache des Alten Testamentes nefesh, was in einigen
Texten "Kehle" heißt, in vielen anderen Texten aber die ganze Person
bezeichnet. In diesem Zusammenhang lässt das Wort verstehen, wie
wesentlich und tief das Bedürfnis nach Gott ist, ohne den uns die
Luft zum Atmen fehlt. Daher hebt der Psalmist auch in der Folge auf
die leibliche Existenz ab, wann immer die Vereinigung mit Gott
abhanden kommt: "Denn deine Huld ist besser als das Leben" (Ps
62,4). Auch in Psalm 72 heißt es: "Neben dir erfreut mich nichts auf
der Erde. [.] Auch wenn mein Leib und mein Herz verschmachten, Gott
ist der Fels meines Herzens und mein Anteil auf ewig [.] Gott nahe
zu sein ist mein Glück" (vv. 25-28).

4. Nach dem Vers über den Durst geht der Psalmist über zum Vers über
den Hunger (vgl. Ps 62,6-9). Wahrscheinlich spielt der Beter mit dem
"reichen Gastmahl" und der Sattheit auf eines der Opfer im Tempel
von Zion an. Das sogenannte "Gemeinschaftsopfer" oder Gastmahl, bei dem die
Gläubigen das Opferfleisch aßen. Hier dient eine weitere
Lebensnotwendigkeit, nämlich der Hunger als Symbol der Gemeinschaft
mit Gott: der Hunger wird durch das Hören des Gotteswortes gestillt,
was eine Begegnung mit dem Herrn ist. Der Mensch lebt ja "nicht nur vom
Brot allein, sondern von allem, was der Mund des Herrn spricht"
(vgl. Dtn 8,3; Mt 4,4). Hier wird die Aufmerksamkeit des Christen
auf jenes Mahl gelenkt, das Christus am letzten Abend seines
irdischen Lebens gehalten hat und dessen tiefen Wert er bereits in
Kapharnaum erklärt hat: "Denn mein Fleisch ist wirklich eine Speise
und mein Blut ist wirklich ein Trank. Wer mein Fleisch isst und mein
Blut trinkt, der bliebt in mir, und ich bleibe in ihm" (Joh
6,55-56).

5. Durch die mystische Speise der Gemeinschaft mit Gott "heftet sich
die Seele" an ihn, wie es der Psalmist ausdrückt. Wieder steht das
Wort "Seele" für den ganzen Menschen, nicht umsonst ist die Rede von
einer Umarmung fast im physischen Sinn. Nun sind Gott und Mensch in
voller Gemeinschaft und aus dem Munde des Geschöpfes kann nur mehr
freudiges und dankbares Lob fließen. Auch in finsterer Nacht fühlt
man sich von Gottes Schwingen behütet, wie die Bundeslade von den
Flügeln der Cherubim beschützt wird. Daraus erblüht der extatische
Ausdruck der Freude: "Jubeln kann ich im Schatten deiner Flügel.
Meine Seele hängt an dir, deine rechte Hand hält mich fest" (Ps
62,8-9).

6. Versteht man diesen Psalm im Lichte des Ostergeheimnisses, dann
finden Hunger und Durst nach Gott ihre Erfüllung im gekreuzigten und
auferstandenen Christus, von dem uns durch die Gabe des Heiligen
Geistes neues Leben und kräftigende Nahrung zuteil wird.

Daran erinnert uns der hl. Johannes Chrysostomus in einer
Taufkatechese, wo es heißt, "aus seiner Seite flossen Blut und
Wasser (vgl . Joh 19,34). Symbol der Taufe das Wasser, Symbol des
Mysteriums der Eucharistie das andere. Seht ihr, wie Christus seine
Braut an sich gebunden hat? Seht ihr, mit welcher Speise er die
Seinen nährt? Von derselben Speise, von der wir geformt wurden und
genährt werden. Wie die Frau das Leben, das sie geboren hat, nährt
mit ihrem Blut und ihrer Milch, so nährt auch Christus immerdar mit
seinem Blut, jene, die er selbst gezeugt hat" (Taufkatechese,
16-19).