The Place Beyond The Pines

Filmrezension

Berlin, (ZENIT.orgtextezumfilm) Dr. José García | 364 klicks

Regie: Derek Cianfrance; Darsteller: Ryan Gosling, Eva Mendes, Ben Mendelsohn, Bradley Cooper, Rose Byrne, Ray Liotta, Bruce Greenwood, Emory Cohen, Dane DeHaan Land, Jahr: USA 2012; Laufzeit: 140 Minuten; Genre: Thriller Publikum: ab 16 Jahren; Einschränkungen: im Kino:6/2013

Derek Cianfrances Spielfilm „The Place Beyond the Pines“ beginnt mit einer langen Kamerafahrt: Der etwa 30-jährige Motorradstuntman Luke (Ryan Gosling) macht sich auf den Weg zu seinem Auftritt auf einem Jahrmarkt. Der mit Tattoos übersäte, blondierte Luke begibt sich zusammen mit zwei anderen Motorradfahrern in einen engen, kugelförmigen Stahlkäfig, in dem sie der Schwerkraft trotzen, und ihre Wege sich millimetergenau kreuzen. Da Luke mit dem lebensgefährlichen Spektakel offenbar von Stadt zu Stadt zieht und sich erst nach längerer Zeit wieder in der Kleinstadt Schenectady (deren Name auf Irokesisch „Ort jenseits der Pinien“ bedeutet) im Staat New York aufhält, weiß er noch nicht, dass aus seiner Affäre mit Romina (Eva Mendes) ein Sohn stammt. Als Luke den kleinen Jason sieht, ändert sich sein Leben schlagartig. Luke beschließt, sein unstetes Leben aufzugeben und bei seinem Sohn in Schenectady zu bleiben. Romina wiederum ist innerlich zerrissen, weil sie Luke zwar wirklich liebt, inzwischen aber mit Kofi (Mahershalalhashbaz Ali) zusammen ist, der sich auch um den Kleinen wie ein Vater kümmert. Um Kofi ausstechen zu können, meint Luke, an das große Geld kommen zu müssen. Zusammen mit dem Kfz-Mechaniker Robin (Ben Mendelsohn) beginnt er, Banken zu überfallen. Die Banküberfälle werden immer riskanter, weshalb Robin aussteigt und Luke dringend dazu rät, es genauso zu tun. Doch der ehemalige Stuntman denkt nicht daran.

Bei einem waghalsigen Überfall wird Luke vom Polizisten Avery Cross (Bradley Cooper) gestellt. Plötzlich ändert „The Place Beyond the Pines“ seine Perspektive. Im zweiten Teil steht nun der junge Streifenpolizist Avery im Mittelpunkt, der ebenfalls einen einjährigen Sohn hat. Dazu führt Regisseur Derek Cianfrance aus: „Ich habe immer schon Hitchcocks ‚Psycho’ geliebt. Besonders gefällt mir, wie der Fokus sich urplötzlich von Janet Leigh zu Tony Perkins verschiebt. So etwas Ähnliches wollte ich schon immer machen. Außerdem schwebte mir ein Film vor, bei dem die Taten der Charaktere echte Konsequenzen nach sich ziehen.“ Obwohl sein Vater ein bekannter Richter ist, hatte sich Avery für die Polizeilaufbahn entschieden. Dann begeht er jedoch einen folgenschweren Fehler. Obwohl Avery als Held gefeiert wird, fühlt er sich schuldig. Plötzlich steht er mitten in einem Korruptionssumpf in der eigenen Polizeieinheit, in den er immer tiefer hineingezogen wird. Irgendwann einmal entscheidet er sich, auch um seine eigene Schuld wieder gutzumachen, gegen die Korruption anzugehen. Bald aber wird ein Zwischentitel eingeblendet: „15 Jahre später“. Der inzwischen geschiedene Avery nimmt an der Beerdigung seines Vaters teil. Sein Sohn AJ (Emory Cohen) zieht zu ihm, während Avery selbst eine politische Karriere beginnt. Der Film wechselt in diesem dritten Akt erneut die Perspektive. Nun stehen AJ und Lukes Sohn Jason (Dane DeHaan) im Mittelpunkt. Ausgerechtet der Sohn des Polizisten freundet sich mit dem Sohn des Bankräubers an. Beiden fehlt der Vater, denn AJ ist bis dahin bei seiner Mutter aufgewachsen. Jason wiederum hat zwar einen liebevollen Stiefvater, will aber unbedingt die Wahrheit über seinen leiblichen Vater erfahren.

Derek Cianfrance kommt vom Dokumentarfilm. Deshalb setzt er auf Realismus und Authentizität. Beispielsweise hat er an den Handlungsorten mit vielen Laiendarstellern gedreht, etwa mit den echten Polizisten, dem Krankenhauspersonal, den echten Bankangestellten und den Schülern einer örtlichen Schule von Schenectady. Dies verknüpft Cianfrance mit größter Spannung beispielsweise bei der entscheidenden Verfolgungsjagd, die Kameramann Sean Bobbitt sehr nah an den Akteuren fotografiert hat. Eine herausragende Rolle spielt darüber hinaus die Filmmusik von Mike Patton, die mit den Bildern eine Einheit eingeht. Diese Bild- und Tonsprache verleiht zusammen mit dem naturalistischen Grundton den drei grundverschiedenen Akten von „The Place Beyond the Pines“ ihre Einheit. Dennoch sind die drei Teile von unterschiedlicher Qualität. Überwiegt im ersten ein sehr direkter Realismus, so übernimmt der zweite Akt den Charakter eines Korruptions-Polizeithrillers. Ausgerechnet der dritte Teil, der laut Regisseur Cianfrance der Entscheidende sein soll („Die ersten beiden Akte sind wie ein Prolog des dritten. Dann erst geht es um das Vermächtnis“) zeichnet sich durch eine sehr konstruierte und vorhersehbare Handlung aus. Die Verquickung der dramatischen Taten und ihre Auswirkungen auf die nächste Generation, die im letzten Akt verdeutlicht werden soll, können letztlich nicht überzeugen.

Dennoch gelingt es „The Place Beyond the Pines“, universale Themen wie Schuld, Sühne und Vergebung anzusprechen und gleichzeitig die beklemmende Frage zu stellen, ob Kinder für die Fehltritte ihrer Eltern büßen müssen, ob die Söhne vorherbestimmt sind, die Fehler ihrer Väter zu wiederholen. Weil Regisseur Derek Cianfrance aus der jeweiligen Perspektive seiner Figuren erzählt, urteilt er nicht über ihre größtenteils fragwürdigen Handlungen. Das offene Ende lässt die Schlussfolgerung nicht zu, dass sich das Schicksal des Vaters im Sohn wiederholen wird. So viel Freiheit gesteht Derek Cianfrance den vielschichtigen Charakteren seines Spielfilms doch zu.