Theater: aus der Osterbotschaft hervorgegangen

Liturgische, nicht griechische Anfänge

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Von Prof. DDr. Alkuin Schachenmayr

VADUZ, 9. Mai 2011 (ZENIT.org). - Das europäische Theater ist nicht aus der griechischen Antike hervorgegangen, wie oft behauptet wird, sondern aus der Osterverkündigung. „Der Herr ist auferstanden!“ war und bleibt die spannendste Aussage, die einem Menschen auf der Bühne (oder anderswo) über die Lippen geflossen ist. Obwohl es ein blühendes antikes Theater gab, ist dieses während der Völkerwanderung gänzlich ausgestorben. Im 10. Jahrhundert, so lehrt die Theaterwissenschaft seit Generationen, entstand das Theater erneut. Ausschlaggebend dafür war die Verkündigung des Evangeliums. 

Der älteste Dialog unserer Theatertradition heißt "Quem queritis" und handelt über die Osterbotschaft: "Quem queritis in sepulchro, Christicole?" Wen sucht ihr im Grab, ihr Christen? Darauf antworten die Frauen: "Iesum Nazarenum crucifixum". Darauf erfahren sie die österliche Botschaft: "Non est hic, surrexit sicut praedixerat. Ite, nuntiate quia surrexit de sepulchro." Er ist nicht da, er ist auferstanden, wie er voraussagte. Geht, verkündet, dass er vom Grab erstanden ist.

Da dieser Dialog den Mittelpunkt der christlichen Verkündigung bildet, wollte man ihn liturgisch durch Gesang, Gestik und Dialog ausbauen. Weitere Szenen wurden hinzugefügt, so dass die Erzähleinheit bald den Rahmen der Heiligen Messe sprengte und außerhalb gespielt wurde, zunächst noch in der Kirche, dann am Kirchplatz, dann am Markplatz. Über die Jahrhunderte entwickelte sich daraus das profane Theater der Renaissance. Der kirchliche Anteil am Theater war aber dadurch nicht verdrängt.

Durch die Glaubensspaltung rund um die Person des Martin Luther entwickelten sich ganz neue Foren für Polemik und Propaganda. In beiden Lagern, ob katholisch oder protestantisch, setzte man Predigt, Flugblatt und bald auch Theater ein, um Anhänger (zurück) zu gewinnen. Seit 1550 blühte das Jesuitentheater und prägte das kulturelle Leben Europas bis zur Aufhebung des Ordens in 1773.

Die Jesuiten haben das Schultheater nicht erfunden, denn zum einen gehört Deklamation schon seit Beginn zum Sprachunterricht. Auch in ihrer geschichtlichen Entstehung waren die Jesuitenstücke nichts Neues. Aber die Jesuiten machten aus dem Theater Programm. Ihren Schülern wollten sie beibringen, wie man mit Selbstvertrauen vor großen Menschengruppen verhält, wie man sich souverän bewegt und deutlich spricht. Die Schüler sollten durch das Theater ihr Gedächtnis üben, ihre lateinischen Vokabeln vermehren und durch erbauliche Themen in der Tugend wachsen. Ihr Publikum wollten sie zur tieferen Begeisterung im katholischen Glauben führen.

Im Missionsgebiet hatte das Jesuitentheater auch die Funktion, das kulturelle Niveau einer Kleinstadt durch Kunst zu heben und sogar Spenden zu lukrieren, denn – so war die Meinung eines Jesuitenmissionars – wo arme Schüler sich geschickt anstellen, bewegt es reiche Leute, ihnen zu helfen.

Das Theater war eingebaut in ein weit reichendes Netzwerk von Jesuitenschulen, die zwischen 1650 und 1700 mindestens 500 zählten und nach den Prinzipien jesuitischer Disziplin mit einander vernetzt waren. Die meisten Schulen haben jedes Schuljahr mindestens zwei Stücke aufgeführt. Die Anzahl der von Jesuiten verfassten Stücke liegt nach heutigem Forschungsstand um 7.500. Damit ist aber nur ein Teil des gesamten Spielprogramms erfasst, denn Besuche vom hohen Adel oder kirchlichen Würdenträgern haben weitere Inszenierungen verursacht, so dass man von Hunderttausenden von Aufführungen ausgehen muss. Jesuitentheater war nämlich nicht immer Sprechtheater, sondern auch Pantomime, Gesang oder allegorischer Tanz.

Pater Georg Agricolas Stück Constantinus Magnus wurde 1574 in München in einer zweitägigen Inszenierung aufgeführt. Mehr als insgesamt tausend Mitwirkende wurden eingesetzt, um die Schlacht an der Milvischen Brücke und Konstantins Einzug in die Stadt Rom darzustellen. Konstantins Viergespann wurde von 400 reitenden Männern begleitet.

Alles, was die theatralische Kunst der Zeit aufbieten konnte, wurde im Jesuitentheater eingesetzt: Flug- und Wolkenmaschinen, Blitz und Lärm, Drachen, Pferde, Schlangen, durch die Luft fliegende Engels- und Teufelsgestalten, akrobatische Tänzer – ja alles, was die Augen und Ohren jener Epoche beeindrucken konnte, wurde verwendet. Die sinnliche katholische Barockkultur wollte jede (auch emotionale) Argumentationsweise einsetzen, um Seelen zu retten.

Freilich gab es eine große Variation in Qualität, Umfang und künstlerischer Zielsetzung. Die Palette reicht von der rhetorischen Sprachübung für ein geschlossenes schulisches Publikum bis zur Missionspropaganda der Jesuitenmissionare in Asien, denn die Gesellschaft Jesu war mit ihren Patres nicht nur an Schulen und in der Mission unterwegs, sondern auch in den meisten katholischen Großstädten Europas, am Hof katholischer Herrscher, an beinahe allen theologischen Fakultäten. Überall haben sie Theater gemacht.

Louis XIV. war öfters Zuschauer eines Jesuitendramas, im Jahr 1653 war er in der Begleitung von Kardinal Mazarin und dem exilierten König von Englang, Charles II., im Publikum anwesend. In Münster, während der Verhandlungen am Friedensvertrag, begaben sich die Diplomaten in ihrer Freizeit ins Münsteraner Jesuitenkolleg, um dort das Theater zu genießen. Bei der Wiener Kaiserfeier im Jahr 1659 wurde eines der berühmtesten Jesuitendramen aufgeführt. Der tief gläubige Kaiser Ferdinand II., der in einer Jesuitenschule erzogen wurde, war anwesend. Pater Avancinis Pietas Victrix (Die siegreiche Frömmigkeit) wurde vor ihm gespielt um ihm einerseits zu schmeicheln, andererseits zur Vertiefung seines christlichen Lebenswandels zu ermutigen, denn die Jesuitenpatres verstanden sich nach wie vor als Ferdinands Erzieher.

Die Patres erzogen Scharen von Künstler: Molière, Corneille, Racine, Calderon, Tasso, Corneille, Goldoni und sogar Voltaire waren alle Jesuitenzöglinge und spielten in der Schule Theater. So erstreckt sich eine Entwicklung der Theatergeschichte von der Verkündigung der Osterbotschaft im 10. Jahrhundert bis hin zur Bühne der Frühen Neuzeit und darüber hinaus.

Die Patres und ihr Werk

Das Theater war eine kreatives Ventil für begabte Patres, die als Regisseure, Dichter, Bühnenbildner und Dramaturgen wirkten. Die jesuitische Berufung, alles zur größeren Ehre Gottes zu tun, fand im Theater reiche Ausfaltung.

Religiöses Theater, das sich zu sehr der Polemik hingab, ging meist schnell zu Grunde, aber wo die Freude an einer spannenden religiösen Thematik mit Musik, Ballet, und Bühnenbild zum Ausdruck kam, da fühlten sich auch Zuschauer mit ganz anderen religiösen Ansichten angesprochen.

Ähnliches hat Goethe in seinem Tagebuch festgehalten, als er über Regensburg nach Italien reiste und ein Stück Jesuitentheater erlebte: „…diese öffentliche Darstellung hat mich von der Klugheit der Jesuiten aufs neue überzeugt. […] es ist eine Freude an der Sache dabei, ein Mit- und Selbstgenuss, wie er aus dem Gebrauch des Lebens entspringt.“ Der Theatermacher von Weltrang bewunderte die begabten Patres.

Der Beitrag erschien zuerst in vobiscum, dem Publikationsorgan des Erzbistums Vaduz, 3/2009.

Zweiter Teil folgt.