Thema Afrika: Brief von Papst Benedikt XVI. an Präsident Köhler

„Klima der Hoffnung" macht Bewältigung der großen Herausforderungen möglich

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ROM, 23. Juni 2009 (ZENIT.org).- Der Osservatore Romano, die Zeitung des Vatikans, veröffentlichte am Samstag, dem 20. Juni, den Brief, den Papst Benedikt XVI. aus Anlass seines Afrikabesuchs im März 2009 dem deutschen Bundespräsidenten Horst Köhler geschrieben hat.

In seinem Schreiben weist der Papst unter anderem darauf hin, „dass die Kirche, indem sie in den Herzen der Menschen die Liebe zu den Leidenden und die Bereitschaft zum Helfen weckt, mehr gegen die verheerenden Krankheiten tut als viele andere Institutionen".

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Sehr geehrter Herr Bundespräsident Köhler!


Kurz vor meiner ersten Apostolischen Reise nach Afrika hat mich Ihr lehrreicher Brief erreicht, in dem Sie mir von Ihren zahlreichen Begegnungen mit den Menschen unseres südlichen Nachbarkontinents berichten und mir Ihre Einblicke in die Entwicklung Afrikas und Ihre Visionen für die Zukunft dieses Kontinents mitteilen. Ihre Gedanken haben mich auf meiner Reise begleitet. Nun, nach meiner Rückkehr kann ich aus voller Überzeugung Ihre Erfahrungen bestätigen:  Afrika ist ein junger Kontinent, voller Lebensfreude und Zuversicht, mit einem großen Potential an Kreativität. Freilich, die ausländischen Interessen und die Spannungen der eigenen Geschichte lasten noch über der Gegenwart und bedrohen die Zukunft. Aber der lebendige Glaube, die frische moralische Kraft und die wachsende intellektuelle Kompetenz schaffen ein Klima der Hoffnung, die den Herausforderungen standhält und ihre Bewältigung möglich macht.

Dank der Ad-limina-Besuche konnte ich in den vergangenen vier Jahren bereits mit dem größten Teil der afrikanischen Bischöfe persönliche Gespräche über die Lage in ihren Diözesen führen und eine Vorstellung von deren Situation gewinnen. In diesem Herbst wird die Synode der afrikanischen Bischöfe zu Rom über das Thema Die Kirche in Afrika im Dienst von Versöhnung, Gerechtigkeit und Frieden:  "Ihr seid das Salz der Erde... Ihr seid das Licht der Welt" (Mt 5, 13-14) Gelegenheit zu einem umfassenden Gedankenaustausch und zur Formung eines gemeinsamen pastoralen Programms bieten.

Zu der dafür nötigen inneren menschlichen Formung kann der Glaube einen entscheidenden Beitrag leisten. In Yaoundé habe ich dazu ein Wort des afrikanischen Kirchenschriftstellers Lactantius (4. Jahrhundert) zitiert:  "Die erste Pflicht der Gerechtigkeit ist es, den Menschen als seinen Bruder anzuerkennen. Denn wenn uns derselbe Gott gemacht und uns alle im Hinblick auf die Gerechtigkeit und das ewige Leben in derselben Verfassung hervorgebracht hat, sind wir mit Sicherheit alle durch die Bande der Brüderlichkeit verbunden:  Wer sie nicht anerkennt, ist ungerecht." In diesem Sinne versucht die Kirche, die Gewissen zu bilden und gleichsam von innen zu wirken, damit die Afrikaner als Hauptakteure der Entwicklung ihrer Länder ihre zahlreichen Gaben für den Aufbau der Gesellschaft und den Frieden nutzen. Redliches und solidarisches Verhalten, das nicht dem Gesetz des Stärkeren nachgibt und nur das eigene Interesse sucht, ist ja gleichsam Hoffnung, die handelt, ein Samenkorn, in dem die bessere Zukunft bereits gegenwärtig ist. Dabei ist auch die Unterstützung der internationalen Staatengemeinschaft gefordert, nicht trotz, sondern gerade wegen der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise, welche Afrika und die ärmeren Länder besonders trifft.

Jeder von uns ist von Gott gedacht, gewollt und geliebt. Auf dieser Grundlage konnte ich die Kirche in Afrika auch dazu ermutigen, den Opfern der Gewalt und von Krankheiten wie Aids, Malaria und Tuberkulose weiter beizustehen und diese schrecklichen Geißeln nachhaltig zu bekämpfen. Im Sinne eines wahren Humanismus, dessen vollkommener Maßstab Jesus Christus ist, werden Christen auch in Zukunft in den Krankenhäusern und Schulen ihren Dienst tun, und an ihrer Seite werden zahlreiche Menschen guten Willens stehen. In diesem Sinn konnte ich sagen, daß die Kirche, indem sie in den Herzen der Menschen die Liebe zu den Leidenden und die Bereitschaft zum Helfen weckt, mehr gegen die verheerenden Krankheiten tut als viele andere Institutionen.

Die Begegnung mit unseren afrikanischen Brüdern und Schwestern wie auch besonders mit den Kindern und Jugendlichen hat mir gut getan. Ich hoffe und bete, daß der persönliche Austausch und die internationale Zusammenarbeit weiter gedeihen und reichen Segen für die Menschen aller Kontinente, besonders für Afrika, mit sich bringen werden.

Mit dem Ausdruck meiner vorzüglichen Hochachtung und besten Segenswünschen für Sie und Ihre Familie.

Aus dem Vatïkan, 4. Mai 2009
 

BENEDICTUS PP. XVI

 

 

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