Theologe, Dichter, Komponist und Musiker: Papst Benedikt XVI. über Ephräm den Syrer

Die Texte und Gesänge der Kirche „stärken unseren Glauben und unsere Hoffnung“

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ROM, 28. November 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Papst Benedikt XVI. heute, Mittwoch, bei der Generalaudienz gehalten hat.



Der Heilige Vater betrachtete Leben und Werk des Kirchenvaters Ephräm des Syrers (* um 306 in Nisibis, † 9. Juni 373 in Edessa), der als „Zither des Heiligen Geistes“ in die Geschichte eingegangen ist, weil er es verstand, Theologie und Dichtung in wunderbare Weise miteinander zu verbinden.

Sein ganzes Leben diente der Heilige seiner Kirche als Diakon, was nach Worten des Papstes „eine entscheidende und emblematische Wahl“ war: Ephräm war Diakon, „das heißt Diener, sowohl im liturgischen Dienst als auch – auf radikalere Weise – in der Liebe zu Christus, den er unnachahmlich besang, und schließlich auch in der Liebe zu den Brüdern und Schwestern, die er mit seltener Meisterhaftigkeit in die Kenntnis der göttlichen Offenbarung einführte“.

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Liebe Brüder und Schwestern!

Einer heute geläufigen Meinung nach wäre das Christentum eine europäische Religion, die dann die Kultur dieses Kontinents in andere Länder exportiert hätte. Die Wirklichkeit aber ist sehr viel komplexer, da sich die Wurzel des Christentums im Alten Testament und somit in Jerusalem und in der semitischen Welt findet. Das Christentum nährt sich immer von dieser Wurzel des Alten Testaments. Auch seine Expansion in den ersten Jahrhunderten fand sowohl Richtung Westen – hin zur griechisch-lateinischen Welt, wo es später die europäische Kultur inspirierte – als auch Richtung Osten statt, bis nach Persien, nach Indien; so trug es dazu bei, eine spezifische Kultur in semitischen Sprachen mit einer eigenen Identität zu wecken. Um diese kulturelle Vielförmigkeit des einen christlichen Glaubens der Anfänge zu zeigen, habe ich in der Katechese vom vergangenen Mittwoch von einem Vertreter dieses anderen Christentums gesprochen: von Aphrahat, dem persischen Weisen, der bei uns fast unbekannt ist. In derselben Linie möchte ich heute über den heiligen Ephräm den Syrer sprechen, der in Nisibis um das Jahr 306 in einer christlichen Familie geboren wurde.

Er war der wichtigste Vertreter des Christentums syrischer Sprache, und es gelang ihm, in einzigartiger Weise die Berufung zum Theologen und jene zum Dichter miteinander zu verbinden. Er bildete sich, und wuchs neben Jakobus, Bischof von Nisibis (303-338). auf, und zusammen mit ihm gründete er die theologische Schule seiner Stadt. Zum Diakon geweiht, stand er intensiv im Leben der örtlichen christlichen Gemeinde bis 363, dem Jahr, in dem Nisibis in die Hände der Perser fiel. Ephräm emigrierte dann nach Edessa, wo er seine Tätigkeit als Prediger fortsetzte. Er fiel der Pest zum Opfer, mit der er sich bei der Sorge um die Pestkranken angesteckt hatte, und starb in dieser Stadt im Jahr 373.

Wir wissen nicht mit Sicherheit, ob er ein Mönch war; auf jeden Fall ist gewiss, dass er sein ganzes Leben lang Diakon blieb und in Jungfräulichkeit und Armut lebte. So tritt in der Besonderheit ihrer kulturellen Ausdrucksform die gemeinsame und grundlegende christliche Identität hervor: der Glaube, die Hoffnung – jene Hoffnung, die es gestattet, arm und keusch in dieser Welt zu leben und dabei alle Erwartungen in den Herrn zu legen – und schließlich die Liebe bis zur Hingabe seiner selbst bei der Sorge um die Pestkranken.

Der heilige Ephräm hat uns ein großes theologisches Erbe hinterlassen. Sein beachtliches Werk kann in vier Kategorien unterteilt werden: in gewöhnlicher Prosa geschriebene Werke (seine Streitschriften oder die Bibelkommentare); Werke in poetischer Prosa und schließlich die Hymnen, mit Sicherheit das ausgedehnteste Werk Ephräms.

Er ist unter vielen Aspekten ein reicher und interessanter Schriftsteller, besonders aber in theologischer Hinsicht. Die Besonderheit seiner Arbeit besteht darin, dass in ihm Theologie und Dichtung aufeinandertreffen. Will man sich seiner Lehre nähern, muss von Anfang an dies betont werden: die Tatsache, dass er Theologie in poetischer Gestalt betreibt. Die Dichtung gestattet es ihm, die theologische Reflexion durch Paradoxe und Bilder zu vertiefen. Gleichzeitig wird seine Theologie Liturgie, sie wird Musik: Er war nämlich ein großer Komponist, ein Musiker. Theologie, Nachdenken über den Glauben, Dichtung, Gesang, Lob Gottes gehen zusammen, und gerade in diesem liturgischen Charakter tritt in der Theologie Ephräms klar die göttliche Wahrheit hervor. Bei seiner Suche nach Gott, in seiner Art, Theologie zu betreiben, verfolgt er den Weg des Paradoxes und des Symbols. Er gibt den einander entgegengesetzten Bildern bei weitem den Vorrang, da sie ihm dazu dienen, das Geheimnis Gottes hervorzuheben.

Ich kann jetzt nicht viel von ihm vorstellen, auch weil die Dichtung schwer zu übersetzen ist, aber um wenigstens einen Eindruck seiner poetischen Theologie zu vermitteln, möchte ich teilweise zwei Hymnen zitieren. Vor allem auch in Anbetracht des kommenden Advents schlage ich euch einige wunderbare Bilder aus den Hymnen Über die Geburt Christi vor. Angesichts der Jungfrau offenbart Ephräm in inspiriertem Ton sein Staunen:

„Der Herr trat in sie ein,
und wurde zum Knecht.
Das Wort trat ein,
und wurde stumm in ihrem Schoß.
Der Blitz trat in sie ein,
um sein Lärmen zum Schweigen zu bringen.
Der Hirte trat in sie ein,
und siehe: das geborene Lamm, das leise weint.
Denn der Schoß Mariens
kehrte die Rollen um:
Der Schöpfer aller Dinge
nahm ihn in Besitz, aber als Armer.
Der Höchste kam in sie (Maria),
aber er trat ein in sie in Niedrigkeit.
Der Glanz kam in sie,
gekleidet jedoch in niedrigem Gewande.
Er, von dem alles kommt,
erfuhr den Hunger.
Er, der alle tränkt,
erfuhr den Durst.
Nackt und unbekleidet trat er aus ihr hervor,
er, der alles (mit Schönheit) kleidet.
(Hymnus De Nativitate 11,6-8)

Um das Geheimnis Christi zum Ausdruck zu bringen, verwendet Ephräm eine große Mannigfaltigkeit an Themen, Ausdrücken und Bildern. In einem seiner Hymnen verbindet er auf wirksame Weise Adam (im Paradies) mit Christus (in der Eucharistie):

Mit des Cherubins Schwert
wurde der Weg des Baums des Lebens verschlossen.
Für die Völker aber
hat der Herr dieses Baumes
sich selbst zur Speise gegeben,
sich selbst in der (eucharistischen) Hingabe.
Die Bäume des Gartens Eden
wurden dem ersten Adam
zur Nahrung gegeben.
Für uns wurde zur Speise
der Gärtner des Gartens selbst,
für unsere Seelen.
Denn alle waren wir
aus dem Paradies herausgegangen zusammen mit Adam,
der es hinter sich ließ.
Jetzt, da das Schwert weggenommen ist,
von der Lanze, dort unten (auf dem Kreuz),
können wir dorthin zurückkehren
(Hymnus 49,9-11).

Wenn er über die Eucharistie spricht, bedient sich Ephräm zweier Bilder: der Glut oder der glühenden Kohle und der Perle. Das Thema der glühenden Kohle ist dem Propheten Jesajas entnommen (vgl. 6,6). Es ist dies das Bild des Seraphims, der die glühende Kohle mit einer Zange nimmt und damit einfach die Lippen des Propheten berührt, um sie zu reinigen. Der Christ hingegen berührt und isst die Glut, die Christus selbst ist:

In deinem Brot verbirgt sich der Geist,
der nicht gegessen werden kann;
in deinem Wein ist das Feuer, das nicht getrunken werden kann.
Der Geist in deinem Brot, das Feuer in deinem Wein:
Siehe, ein Wunder, das unsere Lippen aufnehmen.
Der Seraphim konnte seine Finger nicht der Glut nähern,
der sich nur Jesajas Mund näherte;
weder Finger hat sie genommen, noch Lippen haben sie geschluckt;
uns aber hat es der Herr gestattet, beides zu tun.
Das Feuer kam mit Zorn herab, um die Sünder zu zerstören,
das Feuer der Gnade aber kommt auf das Brot herab und bleibt dort.
Statt des Feuers, das den Menschen zerstörte,
haben wir das Feuer im Brot gegessen
und wurden zum Leben geführt.
(Hymnus De Fide 10,8-10).

Und noch ein Beispiel aus den Hymnen des heiligen Ephräm, wo er von der Perle als Symbol des Reichtums und der Schönheit des Glaubens spricht.

Sie (die Perle) legte ich, meine Brüder, auf meine Hand,
um sie untersuchen zu können.
Ich beobachtete sie von der einen und von der anderen Seite:
Von allen Seiten hatte sie dasselbe Aussehen.
(So) ist die Suche des Sohnes, undurchdringlich,
da sie ganz Licht ist.
In ihrer Klarheit sah ich den Klaren,
der seine Durchsichtigkeit nicht verliert;
und in ihrer Reinheit
das große Symbol des Leibes unseres Herrn,
der rein ist.
In seiner Unteilbarkeit sah ich die Wahrheit,
die unteilbar ist
(Hymnus Über die Perle 1, 2-3).

Die Gestalt Ephräms ist für das Leben der verschiedenen christlichen Kirchen nach wie vor aktuell. Wir entdecken ihn vor allem als Theologen, der ausgehend von der Heiligen Schrift poetisch über das Geheimnis der von Christus, dem Mensch gewordenen Wort Gottes, gewirkten Erlösung des Menschen nachdenkt. Seine theologische Reflexion kommt in Bildern und Symbolen zum Ausdruck, die der Natur, dem alltäglichen Leben und der Bibel entnommen sind. Der Dichtung und den Hymnen für die Liturgie verleiht Ephräm einen didaktischen und katechetischen Charakter; es handelt sich um theologische Hymnen, die sich gleichzeitig für das Gebet und den liturgischen Gesang eignen. Ephräm bedient sich dieser Hymnen, um anlässlich der liturgischen Feste die Lehre der Kirche zu verbreiten. Im Lauf der Zeit haben sie sich für die christliche Gemeinde als äußerst wirksames katechetisches Mittel erwiesen.

Die Gedanken Ephräms zum Thema des Schöpfergottes sind wichtig: Nichts in der Schöpfung steht für sich, und die Welt ist neben der Heiligen Schrift eine Bibel Gottes. Indem der Mensch auf falsche Weise seine Freiheit nutzt, verkehrt er die Ordnung des Kosmos.

Für Ephräm ist die Rolle der Frau bedeutsam. Die Art, in der er von ihr spricht, ist immer von Einfühlungsvermögen und Achtung inspiriert: Das Wohnen Jesu im Schoß Mariens hat die Würde der Frau in großem Maße erhoben. So wie es keine Erlösung ohne Jesus gibt, so gibt es für Ephräm keine Menschwerdung ohne Maria. Die göttlichen und menschlichen Dimensionen des Geheimnisses unserer Erlösung finden sich schon in den Texten Ephräms; auf poetische Art und in grundsätzlich der Schrift entnommenen Bildern nimmt er den theologischen Hintergrund und in gewisser Weise dieselbe Sprache der großen christologischen Definitionen der Konzilien des fünften Jahrhunderts vorweg.

Ephräm, der von der christlichen Tradition mit dem Titel „Zither des Heiligen Geistes“ geehrt wurde, blieb sein ganzes Leben lang Diakon seiner Kirche. Es war dies eine entscheidende und emblematische Wahl: Er war Diakon, das heißt Diener, sowohl im liturgischen Dienst als auch – auf radikalere Weise – in der Liebe zu Christus, den er unnachahmlich besang, und schließlich auch in der Liebe zu den Brüdern und Schwestern, die er mit seltener Meisterhaftigkeit in die Kenntnis der göttlichen Offenbarung einführte.

[Der Heilige Vater bediente sich zur Zusammenfassung auf Deutsch des folgenden Manuskripts:]

Liebe Brüder und Schwestern!

Ephräm der Syrer ist der bedeutendste Kirchenvater syrischer Sprache. Seiner Person und seinem Werk möchte ich die heutige Katechese widmen. Der heilige Ephräm kam um 306 zur Welt und wuchs an der Seite des Bischofs Jakobus von Nisibis auf. Als Diakon und theologischer Lehrer stellte er sich ganz in den Dienst der Kirche. Im Jahr 363 mußte er nach Edessa auswandern, wo er zehn Jahre später an der Pest starb, mit der er sich bei der Pflege von Kranken angesteckt hatte.

Das Werk des Kirchenlehrers Ephräm ist vielfältig: Streitschriften und Bibelkommentare in Prosa, Homilien in Versform und schließlich zahlreiche Hymnen, in denen er sich zugleich als Theologe und als Dichter auszeichnet. Mit kontrastreichen Bildern und Symbolen lotet er das Geheimnis des Dreifaltigen Gottes und der Heilsgeschichte aus. Die einprägsamen mit Melodien versehenen Texte dienten aber auch der Katechese.

Im Blick auf den schon nahen Advent und das Weihnachtsfest möchte ich einige Verse über Christus und die selige Jungfrau Maria vorlesen: „Der Herr trat in sie ein – und wurde zum Knecht. Der Wortbegabte trat ein – und wurde stumm in ihr. Der Donner trat ein – und brachte seine Stimme zum Schweigen. Der Hirte trat ein – und wurde in ihr zum Lamm.“

[Die Pilger aus dem deutschsprachigen Raum grüßte der Papst mit den Worten:]

Einen frohen Gruß richte ich an die deutschsprachigen Pilger und Besucher. Der Kirchenvater Ephräm und seine Werke sind für uns alle ein Ansporn, unseren Glauben und unser Gebet aus den großen und schönen Texten und Gesängen der Kirche zu nähren. Sie erfreuen unser Herz und stärken unseren Glauben und unsere Hoffnung. Der Herr segne und behüte euch und eure Familien.

[ZENIT-Übersetzung von Armin Schwibach; © Copyright 2007 – Libreria Editrice Vaticana]