Thomas von Aquin: Der Fürst der Scholastiker

Leo XIII. ehrte den Philosophen mit einer Enzyklika

Rom, (ZENIT.org) Jan Bentz | 1217 klicks

Die Kirche feiert heute den Gedenktag des hl. Thomas von Aquin. Papst Leo XIII. (1878-1903) hatte dem großen Philosophen und Theologen sogar eine Enzyklika gewidmet.

Die Enzyklika „Aeterni Patris“ von Papst Leo XIII. vom 4. August 1879 stellte der falschen Philosophie, die Ursprung privater wie sozialer Übel sei, die „gesunde“ entgegen, die den Glauben vorbereite, seine Annahme als vernünftig erweise, ihn tiefer erfassen lasse und verteidige. Besonders wird auf die Philosophie des hl. Thomas von Aquin hingewiesen, der das Erbe der Väter und die Philosophie der Antike aufgenommen und geistig durchdrungen habe. Die Kirche erkennt ihm einen Primat in der Lehre zu. Die Enzyklika gab der Neuscholastik starke Impulse. (Vgl. W. Kluxen, Aeterni Patris Unigenitus, in: LThK3I 187).

Wir veröffentlichen einige Auszüge aus dieser Enzyklika:

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Die Philosophie soll der Regel des katholischen Glaubens gemäß gelehrt werden

„Weil aber, wie der Apostel mahnt, durch Weltweisheit und leeren Trug die Gemüter der Christgläubigen häufig getäuscht und die Reinheit des Glaubens in den Menschen verletzt wird, darum haben die obersten Hirten der Kirche immerdar es für ihre Amtspflicht erachtet, auch die wahre Wissenschaft mit allen Kräften zu fördern, und zugleich mit besonderer Wachsamkeit dafür zu sorgen, dass alle menschlichen Wissenschaften überall der Regel des katholischen Glaubens gemäß gelehrt würden, besonders aber die Philosophie, von welcher nämlich zum großen Teile der richtige Verstand der übrigen Wissenschaften abhängt.

Die Ursache der Übel unserer Zeit ist die falsche Philosophie

„Wer unsere traurige Zeitlage aufmerksam betrachtet, und die Zustände des öffentlichen wie Privatlebens vor seinem Geiste vorübergehen lässt, der erkennt gewiss, dass die eigentliche Ursache sowohl der Übel, die Uns drücken, als auch jener, die wir noch befürchten, darin besteht, dass verderbliche Lehren über die göttlichen und menschlichen Dinge, welche schon vor längerer Zeit aus den Schulen der Philosophen hervorgegangen sind, unter allen Klassen der Gesellschaft sich verbreiteten und allgemeine Zustimmung fanden. Denn da es in der Natur des Menschen liegt, in seinen Handlungen die Vernunft zur Führerin zu nehmen, so zieht der Irrtum des Verstandes leicht auch einen Fehler des Willens nach sich; und so geschieht es denn, dass verkehrte Meinungen, welche im Verstande ihren Sitz haben, die menschlichen Handlungen beeinflussen und verschlechtern. Umgekehrt, wenn der Geist des Menschen gesund ist und auf den wahren und gediegenen Grundsätzen sicher ruht, dann werden hieraus für das öffentliche und private Wohl sehr viele Vorteile sich ergeben. Allerdings schreiben Wir der menschlichen Philosophie nicht einen so großen Einfluss und solches Ansehen zu, dass wir dafür hielten, sie sei hinreichend, alle Irrtümer zu überwinden und auszurotten. Denn wie bei der Gründung des Christentums durch das wunderbare Licht des Glaubens, nicht durch überredende Worte menschlicher Weisheit verbreitet, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft, dem Erdkreis wieder seine frühere Würde zurückgegeben wurde, so hoffen Wir auch besonders von der allmächtigen Kraft und Hilfe Gottes, dass die Gemüter der Sterblichen von der Finsternis der Irrtümer, die sie umfangen, befreit werden und zur Erkenntnis gelangen. Doch sollen wir die natürlichen Hilfsmittel nicht verschmähen und hintansetzen, welche durch die Güte der göttlichen Weisheit, die alles mächtig und milde ordnet, dem menschlichen Geschlechte zu Gebote stehen; unter diesen aber ist der richtige Gebrauch der Philosophie das vorzüglichste. Denn nicht umsonst hat Gott das Licht der Vernunft dem menschlichen Geiste eingepflanzt; und weit entfernt, dass das hinzugekommene Licht des Glaubens die Kraft der Vernunft vernichte oder mindere, vervollkommnet es diese vielmehr und macht sie stärker und zu Höherem fähig.

Der Fürst unter den Scholastikern ist der hl. Thomas von Aquin: Er zeigte die Harmonie von Vernunft und Glaube

Unter den Lehrern der Scholastik ragt aber nun weit hervor der Fürst und Meister aller, Thomas von Aquin, der, wie Cajetanus bemerkt, weil er die alten heiligen Lehrer aufs höchste verehrte, darum gewissermaßen dem Geist aller besaß. Ihre Lehren sammelte und fasste Thomas, wie die zerstreuten Glieder eines Körpers, in Eins zusammen, teilte sie nach einer wunderbaren Ordnung ein und vervollkommnete sie vielfache derart, dass er mit vollem Recht als ein ganz besonderer Hort und Schmuck der katholischen Kirche gilt. Ausgerüstet mit einem gelehrigen und scharfsinnigem Geiste, einem leicht fassenden und treuen Gedächtnisse, von höchst reinen Sitten, einzig  die Wahrheit liebend, an göttlicher und menschlicher Wissenschaft überreich, hat er der Sonne gleich den Erdkreis durch die Glut seiner Tugenden erwärmt und mit dem Glanz seiner Lehre erfüllt. Es gibt kein Gebiet der Philosophie, das er nicht scharfsinnig und zugleich gediegen behandelt hätte; seine Untersuchungen über die Gesetze des Denkens, über Gott un die unkörperlichen Substanzen, über den Menschen und die übrigen sinnlichen Dinge, über die menschlichen Handlungen und ihre Prinzipien sind derart, dass in ihnen sowohl eine Fülle von Stoff, als passende Anordnung der Teile, die zweckmäßigste Methode, Sicherheit der Grundsätze und Kraft der Beweise, Klarheit und Genauigkeit im Ausdrucke wie nicht minder eine Leichtigkeit sich findet, ach das Dunkelste aufzuhellen.

Einige katholische Gelehrte haben sich von Thomas losgesagt

Diese Sucht nach Neuerung scheint, da ein Nachahmungstrieb in der menschlichen Natur liegt, mancherorts auch den Geist katholischer Philosophen angesteckt zu haben, da sie mit Hintansetzung des Erbgutes der alten Weisheit es vorzogen, lieber Neues auszudenken, als das Alte fortzubilden und zu vervollkommnen, was gewiss kein weiser Gedanke war, noch ohne Schaden für die Wissenschaften. Denn diese mannigfaltigen philosophischen Systeme haben ein  wankendes Fundament, da sie auf dem Ansehen und Gutdünken der einzelnen Lehrer beruhen, und schaffen eben deswegen keine feste, dauernde und starke, sondern nur eine wankende und oberflächliche Philosophie. Wenn sie daher kaum den Angriffen der Feinde gewachsen ist, so hat sie hierfür sich selbst die Ursache und Schuld zuzuschreiben.

Wir wissen aber wohl, dass Unsere Bestrebungen eitel sind, wenn Unserem gemeinsamen Beginnen, Ehrwürdige Brüder, der seinen Beistand nicht verleiht, der in der Heiligen Schrift der Gott der Wissenschaften genannt wird. Dieselbe erinnert auch, dass jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk von oben herab, vom Vater des Lichtes ist. Und wieder: Fehlt es jemand an Weisheit, der erbitte sie von Gott, welcher allen sie reichlich gibt und es nicht vorrückt, und sie wird ihm gegeben werden.