Thomas von Aquin: Summa theologiae. Ursprung aller Wirklichkeit

Von Rolf Schönberger

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WÜRZBURG, 4. April 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Thomas von Aquin, 1224/25 in der Gegend von Neapel geboren, ist 1244 in den damals noch ganz jungen Orden der Dominikaner eingetreten – bekanntlich gegen den harten Widerstand seiner Familie. Diese neue Lebensform der Armut war der Predigt und Unterweisung gewidmet. Hierfür ist eine profunde Ausbildung in Theologie vonnöten; diese Disziplin, die sich bislang eher als Weisheit verstanden hat, wird just zu dieser Zeit ein Universitätsfach an den ebenfalls neuen Universitäten. Thomas hatte schon in Neapel die „freien Künste“ studiert, dann in Paris Theologie und anschließend in Köln bei Albertus Magnus. Danach wurde er nach Paris entsandt – im 13. Jahrhundert die wichtigste Stätte der Theologie –, um dort Magister der Theologie zu werden. Nach einigen turbulenten Jahren in Paris (Streit um die Bettelorden) lehrt und forscht Thomas wieder in Italien.



Im Jahre 1265 wird er beauftragt, in dem Konvent von Santa Sabina auf dem Aventin in Rom eine Art „Theologische Hochschule“ einzurichten. Man muss es in Anführungszeichen setzen, denn sie war nur für die jungen Mitbrüder der römischen Ordensprovinz gedacht und Thomas war allem Anschein nach der einzige Dozent. Wie es aussieht, hat diese Gründung ad personam nach seinem Weggang 1268 nach Paris nicht weiter bestanden.

Thomas hat während dieser Zeit in Rom für die Lehre nochmals, wie schon in den 1250er Jahren in Paris, über die „Sentenzen“ des Petrus Lombardus (eine umfängliche, handbuchartige Sammlung von Väterzitaten zu allen theologischen Fragen) Vorlesungen gehalten und publiziert. Er hat aber das Projekt einer nochmaligen Kommentierung wieder abgebrochen. Er war wohl weder mit der Gliederung des Stoffes zufrieden noch mit einer anderweitigen Isolierung der Moraltheologie von der Dogmatik, wie sie in ebenfalls höchst erfolgreichen Handbüchern von Ordensbrüdern gegeben war.

Thomas nimmt stattdessen ein ganz neues Buchprojekt in Angriff: die „Summa theologiae“. An diesem Werk wird er sieben Jahre arbeiten – solange, wie er überhaupt geschrieben hat. Und er hat ungeheuer viel geschrieben: neben der „Summa“ auch umfängliche Kommentare zu Büchern der Heiligen Schrift und zu Werken des Aristoteles. Er hat mehr Textvolumen hinterlassen als aus der gesamten Antike an philosophischem Text überliefert ist – und ist doch nur knapp 50 Jahre alt geworden! Nicht wenige dieser „späten“ Werke sind unvollendet geblieben. Auch die „Summa“. Diese ist ein monumentales Werk, dessen Gesamtanlage und Ausdifferenzierung immer wieder mit den gotischen Domen verglichen worden ist.

Der Charakter des Werkes kann zunächst aber auch befremden. Schon der Titel wirkt seltsam. Man muss dabei allerdings berücksichtigen, dass der schwer übersetzbare Begriff „Summa“ eine Gesamtdarstellung einer Disziplin meint – nicht eine einzelne Disziplin, sondern die Theologie als ganze. Assoziationen mit der gegenwärtigen institutionellen Realität der Theologie sind also fernzuhalten. Gegenstand und Methode der einzelnen Fächer sind doch relativ weit voneinander entfernt – von der Dogmatik zur Pastoraltheologie, von der Kirchengeschichte über das Kirchenrecht zur biblischen Exegese. Die mittelalterliche Theologie versteht sich zwar auch als eine universitäre Disziplin, aber eben als eine einheitliche Wissenschaft. Von entscheidender Bedeutung für das Verständnis des thomasischen Werkes ist umgekehrt auch die kleinste Einheit dieser „Summa“. Es ist der sogenannte „Artikel“: Er ist bestimmt durch eine einzige und sehr detaillierte Frage (etwa: „Ist es angemessen gewesen, dass Gott Fleisch geworden ist?“) – also nicht mehr eine globale Problemstellung wie etwa bei Anselm von Canterbury: „Warum ist Gott Mensch geworden?“ Bevor Thomas eine solche Frage beantwortet, werden (in rigoroser Beschränkung gegenüber anderen Werken) jeweils drei Argumente aufgeführt, deren Folgerungen von der Antwort des Thomas mehr oder weniger stark abweichen. Dann folgt ein Argument, nicht selten ein Vers aus der Heiligen Schrift, das in Richtung der thomasischen Antwort weist. Erst danach kommt der zentrale Teil: die Antwort des Thomas, in der er in wenigen gut überschaubaren Schritten eine These aufstellt und diese mit Vernunftgründen und/oder mit klassischen Texten begründet. Abschließend werden dann noch die ersten Einwände aufgearbeitet und gezeigt, warum diese vorgebrachten Argumente nicht wirklich ziehen.

Dieses typisch scholastische Schema wird für das gesamte Werk zugrunde gelegt. Nahezu 3 000 solcher Artikel machen den fertiggestellten Teil der „Summa“ aus; hierzu gehören an die 10 000 Erwiderungen und – auch das haben fleißige Forscher nachgezählt – etwa 20 000 Beweisgänge. Man hat es sein Hauptwerk genannt, der „längste und bedeutendste Beitrag des Thomas zur Wissenschaft der Theologie“ (J. Weisheipl). Entsprechend Thomas Einschätzung der natürlichen Vernunft finden sich darin aber auch philosophische Erörterungen, die sich nicht nur auf der Höhe ihrer Zeit bewegen, sondern auch über die unmittelbare theologische Funktion hinausgehen.

Thomas setzt im ersten Teil der „Summa“ damit ein, den Wissenschaftscharakter der Theologie zu beschreiben und zu begründen. Sie ist dem göttlichen Wissen untergeordnet, denn sie beruht auf der Offenbarung dieses göttlichen Wissens. Zuerst beweist der Dominikanermagister die Existenz Gottes (auf den berühmten „fünf Wegen“), dann folgt die Erörterung der göttlichen Eigenschaften. Erst auf diese Lehre vom einen Gott aufbauend und nicht, wie von manchen unterstellt, als rational einholbar, schließt sich die Trinitätslehre an. Gott ist aber auch Grund aller Wirklichkeit, die er nicht selbst ist: Die Schöpfungslehre ist gegliedert: zuerst die allgemeinen Schöpfungsstrukturen und dann die einzelnen Formen endlicher Wirklichkeit: die rein geistigen, die materiellen Geschöpfe und zuletzt der Mensch, der beides in sich schließt. Der Schlussabschnitt des ersten Teiles ist der Erhaltung und Leitung der Geschöpfe gewidmet.

Der besonders umfängliche zweite Teil – weitgehend in Paris verfasst – ist selbst wiederum in zwei Teile gegliedert. Er ist dem Menschen gewidmet, insofern er Ebenbild Gottes ist, das heißt ein Wesen, das mit Wissen und Willen, also frei, handelt. Der erste des zweiten Teiles handelt also von der menschlichen Praxis, ihren inneren Prinzipien (Affekte und sittliche Haltungen) und ihren äußeren Prinzipien (Gesetz und Gnade).

Der große zweite Block des zweiten Teiles (Secunda secundae) ist der Lehre von den Tugenden und den ihnen jeweils entgegengesetzten Lastern gewidmet: zuerst die sogenannten theologischen Tugenden (Glaube, Hoffnung, Liebe), dann die Kardinaltugenden (Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Besonnenheit).

Im Frühjahr 1272 verlässt Thomas Paris und begibt sich nach Neapel. Dort verfasst er den dritten Teil der „Summa“: Als Bestimmung des Menschen ist Gott gezeigt worden. Daher muss zuerst vom Retter des Menschen die Rede sein; Thomas entfaltet also zuerst die Christologie und erörtert dann die Mittel der Erlösung: die Sakramente.

Am Bußsakrament arbeitend hat Thomas am Nikolaustag 1273 jegliche wissenschaftliche Arbeit abgebrochen. Alles, was er geschrieben habe, sagt er später seinem Mitarbeiter, komme ihm vor wie Spreu. Wenige Tage vor seinem Tod (7. März 1274) – Thomas befindet sich auf dem Weg zum Konzil in Lyon – hat er ein Gebet verfasst, in dem es heißt: „Mein ganzes Herz unterwirft sich Dir, weil es, Dich gänzlich zu begreifen, nicht vermag.“

[Thomas von Aquin: Summe der Theologie. Herausgegeben in drei Bänden von Joseph Bernhart. Kröner Verlag, Stuttgart 1985; Teil 18 der Reihe „50 Hauptwerke der Philosophie“, © Die Tagespost vom 29. März 2008]