Tief religiöse Minderheit: Einblick in die Kirche in Kasachstan

Interview mit Dr. Athanasius Schneider, Weihbischof für Karaganda

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AUGSBURG, 24. April 2008 (ZENIT.org).- Ein feines Gespür für das Übernatürliche und das Bedürfnis, mehr vom Glauben zu wissen, zeichnen die Gläubigen und generell die Bewohner von Kasachstan aus.



Weihbischof Athanasius Schneider ging am Rande des internationalen Weltkirchen-Kongresses von Kirche in Not in Augsburg (11.-13. April) im Gespräch mit ZENIT auf Bedürfnisse und Geschichte der Kirche in Kasachstan ein.

Der Glaube der dort lebenden Christen sei in den Jahren der Verfolgung „noch tiefer und fester“ gewesen als heute, erklärte er. „Das ist das kostbare Erbe, das wir erhalten müssen. Und das ist auch mein Wunsch für die Christen im Westen: in die Tiefe zu gehen.“

Antonius Schneider wurde am 7. April 1961 als viertes von fünf Kindern in der Stadt Tokmak in Kirgisien (damalige UdSSR) geboren. Seine Eltern Josef und Maria Schneider sind Schwarzmeerdeutsche, die nach dem Zweiten Weltkrieg als Internierte von Berlin in den Ural verschleppt wurden. 1969 siedelte die Familie nach Estland in die Stadt Walga um. 1973 reiste sie in die damalige BRD aus, wo Antonius von 1973-1975 die Förderschule der Pallottiner in Schwäbisch-Gmünd besuchte. 1982 machte er am Gymnasium in Rottweil sein Abitur.

Im selben Jahr trat er in den Orden der Regularkanoniker vom Hl. Kreuz in Silz/Tirol ein. Seine philosophisch-theologische Ausbildung absolvierte er von 1984 bis 1990 in Anapolis in Brasilien, wo am 25. März 1990 die Priesterweihe stattfand. Danach arbeitete er als Seelsorger in Aparecida, um anschließend (1991-1993) am Augustinianum in Rom Patristik zu studieren. Von 1993 bis 2001 wirkte er als Generalrat des Ordens der Regularkanoniker vom Hl. Kreuz in Rom. Seit 1999 hielt er zudem theologische Vorlesungen am regionalen Priesterseminar in Karaganda in Kasachstan. Seit 2001 wohnt er in Karaganda, wo er seitdem als Spiritual und Professor am dortigen Priesterseminar sowie Kanzler der bischöflichen Kurie arbeitet. 2006 wurde er von Papst Benedikt XVI. zum Weihbischof für Karaganda ernannt. Die Bischofsweihe fand am 2. Juni 2006 in Rom statt.

ZENIT: Wie schaut das Leben der Kirche in Kasachstan aus
?

Bischof Schneider: Die katholische Kirche ist in Kasachstan eine Minderheit, eine kleine Kirche. Wir leben in einem Land mit muslimischer Mehrheit, in dem es auch eine starke Präsenz der russisch-orthodoxen Gläubigen gibt. Natürlich gibt es auch sehr viele religionslose Menschen – eine Folge von 70 Jahren Atheismus unter der kommunistischen Sowjet-Diktatur.

Nachdem die Religionen und die katholische Kirche ihre Freiheit wiedererlangt haben, bemühen wir uns darum, das religiöse Leben auch in der äußeren sichtbaren Form aufzubauen, denn die Kirche ist ja auch sichtbar, nicht nur unsichtbar. Wir haben sehr viele Bedürfnisse, weil es uns an vielem mangelt, zuallererst an Priestern.

In Kasachstan leben zwischen 150.000 und 250.000 Katholiken, und in den vier Bistümern sind rund 85 Priester tätig, von denen die meisten aus dem Ausland kommen. Einheimische Priester gibt es nur wenige. Wir haben zudem über 100 Ordensfrauen, zum Großteil ebenfalls aus dem Ausland. So besteht also unsere größte Herausforderung im Priestermangel.

Darüber hinaus verfügen wir nicht immer über die Mittel, die notwendig sind, um das kirchliche Leben aufzubauen. Wir sind auf unsere Brüder und Schwestern im Westen angewiesen. Und wir bekommen auch immer wieder Hilfe, für die wir sehr dankbar sind.

Ein weiteres Problem ist, dass sehr viele Familien zerstört sind, vor allem durch den Alkoholismus und die Scheidungen. Das ist auch als eine Folge des so genannten Materialismus zu betrachten, der eben 70 Jahre hier geherrscht hat, in denen das Übernatürliche und die geistigen Werte praktisch vernichtet wurden.

ZENIT: Ist es besonders schwierig, dass sich die Menschen öffnen für Gott? Gibt es in dieser Hinsicht Unterschiede zu den Erfahrungen hier in Westeuropa?

Bischof Schneider: Die Menschen bei uns im Osten besitzen schon ein Interesse, oder besser gesagt, sie möchten etwas über Religion wissen – weil man ihnen das 70 Jahre vorenthalten hat. Auch die Jugendlichen sind daran interessiert, ein Glaubenswissen zu bekommen. Das ist eine Chance für uns als Kirche: dass wir den Menschen den Glauben verkündigen können – allerdings nicht so wie in Europa, wo wir das öffentlich tun dürfen, sondern mehr durch persönliche Kontakte, durch unser Zeugnis und durch unsere Sichtbarkeit in der Gesellschaft, beispielsweise durch Kirchenbauten oder kulturelle Veranstaltungen; und nicht zuletzt dadurch, dass wir als Geistliche und Ordensleute auch hinausgehen. Dann entstehen immer wieder Kontakte, und die Menschen fragen nach dem Glauben.

ZENIT: Wie ist das Verhältnis zwischen Staat und Kirche?

Bischof Schneider: Offiziell sind Kirche und Staat getrennt; der Staat ist „laizistisch“, wie man so sagt, aber de facto gibt es auch immer wieder Kontakte.

Die Regierung achtet die wichtigsten Religionen: den Islam, die Orthodoxie – und der Katholizismus wird auch immer mehr dazu gerechnet. Bei manchen Veranstaltungen lädt die Regierung auch katholische Geistliche ein, und so gibt es auf der praktischen Ebene eine Zusammenarbeit.

Auf der anderen Seite ist die Regierung bestrebt, eine gewisse Kontrolle über die Religionsgemeinschaften zu haben, auch mit dem Ziel, dass da kein religiöser Extremismus aufkommt, vor allem vom Islam her.

ZENIT: Sie wollen die Kirche sichtbarer machen, unter anderem durch Kirchenbauten, wie sie sagten. Gibt es noch andere Wege, die sie gehen?

Bischof Schneider: In erster Linie durch die Kirchenbauten. Die orientalischen Völker haben ein sehr feines Gespür für die Sakralität, und das zieht sie an. Deshalb machen wir sozusagen eine „Evangelisierung in Stein“.

Zugleich hat das einen ganz praktischen Sinn, nämlich dass unsere Katholiken einen würdigen Gottesdienstraum haben. Denn sie mussten ja 70 Jahre im Untergrund leben.

ZENIT: Wodurch zeichneten sich diese Jahre der Verfolgung aus?


Bischof Schneider: Es gab in der Zeit des Kommunismus sehr viele Christen, Priester, Ordensschwestern, die ihr Leben für Christus, ihren Glauben und die katholische Kirche hingegeben haben; die im Gefängnis und im Konzentrationslager waren, aber auch sonst Schikanen und Demütigungen ertragen mussten. Das ist das Erbe, das kostbarste Erbe, das wir besitzen: das Glaubenszeugnis – das Blutzeugnis vieler Christen, nicht unbedingt nur Katholiken, sondern auch Christen anderer Konfessionen.

Am meisten wurden die griechisch-katholischen Gläubigen verfolgt, weil sie ihre Treue zum Papst aufrechterhalten haben.

ZENIT: Was können wir von den Gläubigen Ihrer Diözese lernen?


Bischof Schneider: Wir sind natürlich eine sehr kleine Gemeinde, aber in der katholischen Kirche sind wir ja alle eine große Familie, und wie wir wissen, findet da ja ein Austausch der geistlichen Gaben statt.

Ich denke, bei uns ist das Gespür für das Übernatürliche noch sehr ausgeprägt; das Gespür für das Heilige, für die Sakralität. Der Mensch betont sehr die Demut vor Gott, das Bewusstsein des Sünders. Und er hat ein starkes Bedürfnis, den Glauben besser zu kennen und tiefer aus ihm zu leben. Das könnten die Christen im Westen von den Christen im Osten lernen. Ich sage Ihnen damit nicht, dass es im Westen keine Christen gäbe, die nicht auch aus einem sehr tiefen Glauben lebten, aber ich spreche von der allgemeinen Situation.

ZENIT: Sie meinen also, dass selbst der Kommunismus diese tiefe Religiosität nicht ausmerzen konnte?

Bischof Schneider: Eben. Diese Tiefe des Glaubens konnte der Kommunismus nicht zerstören. Im Gegenteil: Ich würde sagen, dass der Glaube während der Zeit der Verfolgung noch tiefer und fester war, und das ist das kostbare Erbe, das wir erhalten müssen. Und das ist auch mein Wunsch für die Christen im Westen: in die Tiefe zu gehen.

[Das Interview führte Dominik Harrtig]