Tisa von der Schulenburg - Schwester Paula (1903 -2001)

Ordensfrau und Künstlerin

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Von Britta Dörre

Rom, 5. Mai 2012 (ZENIT.org). - Als Tisa von der Schulenburg in das Ursulinenkloster in Dorsten eintrat, war sie bereits 46 Jahre alt. Erst 1950 konvertierte die 1903 als Tochter des preußischen Generals und späteren NSDAP-Reichstagsabgeordneten Friedrich Bernhard Graf von der Schulenburg geborene Elisabeth zum katholischen Glauben.

Tisa wuchs in London, Berlin, Münster sowie in den Ferien auf dem in der Nähe der Ostsee gelegenen Schloß Tressow auf. Ihrer künstlerischen Neigung entsprechend erhielt sie privaten Zeichenunterricht und erlernte bei einem Möbeltischler die Bearbeitung von Holz mit dem Stechbeitel.

Im Alter von 17 Jahren beschäftigte sie sich mit Scherenschnitten, die sie dem bedeutenden Expressionisten Max Liebermann zeigte. Liebermann bestätigte ihr Talent. Dennoch erteilte Tisas Vater erst 1925 sein Einverständnis zum Besuch der Berliner Akademie, deren Präsident seit 1920 Max Liebermann war.

Während ihres Studiums der Bildhauerei verbrachte Tisa ein Semester in Paris. In den Zwanziger Jahren lebte sie zwischen Berlin und Paris und machte in dieser Zeit die Bekanntschaft einflußreicher und bedeutender Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Wissenschaft: darunter der Bankier Hugo Simon, Albert Einstein, Bertolt Brecht, Paul Levi, Max Pechstein sowie Heinrich und Thomas Mann. In diesem Umfeld lernte sie auch ihren ersten Ehemann, den jüdischen Unternehmer Fritz Hess, kennen und heiratete ihn 1928.

In den folgenden Jahren setzte sich Tisa von der Schulenburg wiederholt in ihren künstlerischen Arbeiten mit den sozialen und politischen Problemen der Zeit auseinander. Ihre Zeichnungen dokumentierten die Weltwirtschaftskrise, die hohe Arbeitslosigkeit und das große Elend in der Bevölkerung.

Nach dem Reichstagsbrand 1933 waren sie und ihr Ehemann gezwungen, Deutschland zu verlassen und nach England zu fliehen. „Der Brand entzündete einen Sturm, der Europa, ja die Welt in Flammen setzen sollte. Es traf uns alle unvorbereitet. Über die Braunhemden hatten wir gelacht. Ja, wir alle hatten wie in einer Seifenblase gelebt.“

Auch nach ihrer Flucht arbeitete sie in London weiter als Künstlerin und lernte den Bildhauer Henry Moore kennen, der sie dazu inspirierte, sich dem Relief zuzuwenden. Soziales und politisches Engagement zeigte sie als Mitglied der antifaschistischen Künstlergruppe „Artist's International Association“, in deren Vorstand sie 1936 aufgenommen worden war. Über die AIA entstand der Kontakt zu den streikenden Bergleuten im Kohlerevier von Durham. Der Tagebau faszinierte Tisa sehr und sollte zeitlebens zu einem der Hauptthemen im Oeuvre der Künstlerin werden. Sie fuhr sogar unter Tage ein und war begeistert - „ ...Mir war, als hätte ich nun eine Heimat, eine Aufgabe gefunden.“

Die vierziger Jahre brachten nicht nur eine lokale Veränderung für Tisa. Sie traf ihren Jugendfreund Carl Ulrich von Barner wieder, heiratete ihn schließlich und zog auf das Familiengut der von Barners Klein Trebbow in der Nähe von Tressow. Fritz-Dietlof, Tisas Bruder, wohnte dort ebenfalls zeitweilig mit seiner Frau, beide waren im Widerstand gegen die Nazionalsozialisten aktiv. Auch Claus Graf Schenk von Stauffenberg war häufiger dort zu Gast, so am Vortag des Attentats von 1944. Nur wenige Wochen nach dem mißglückten Attentat wurde Tisas Bruder hingerichtet. Tisa hatte sich Fritz-Dietlof immer besonders verbunden gefühlt.

Nach dem Einmarsch der Russen floh sie zu Verwandten nach Travemünde. In der Folgezeit arbeitete sie als Sekretärin beim Offizier für Industrie der britischen Militärverwaltung, als Wohlfahrtspflegerin im Militärdepot in Glinde, wo sie sich für die Rechte der Arbeiter einsetzte. Ihrer künstlerischen Tätigkeit ging sie nach, soweit es ihre finanziellen Mittel erlaubten.

Im Rahmen ihrer Tätigkeit für die „Die Welt“ kam sie ins Ruhrgebiet nach Recklinghausen, um einen Bericht über den Tagebau zu verfassen. Zufällig entdeckte sie ein Buch über Clemens August Graf von Galen, den Bischof von Münster, und den Widerstand der katholischen Kirche gegen die Nationalsozialisten. Sie fasste den Entschluss, zum katholischen Glauben überzutreten, „Ich kam aus dem Dunkel der eigenen Schuld und der Schuld meines Volkes.“

1948 fuhr Tisa nach Dorsten, wo sie Aufträge als Künstlerin erhalten hatte. Im Krieg waren in Dorsten Kirchen und ihre Ausstattung zerstört worden, und die Künstlerin erstellte die fehlenden Marienfiguren, Kreuze, Kreuzwege und andere Plastiken, auch für das Ursulinenkloster. Nur zwei Jahre später trat Tisa in das Dorstener Kloster St. Ursula ein und wurde Schwester Paula.

Bis 1962 unterrichtete sie an den dem Kloster angegliederten Schulen als Kunstlehrerin. Ab 1962 arbeitete sie ausschließlich als Künstlerin und setzte sich mit religiösen Themen, dem Krieg, sozialem Elend, der Flucht, dem Holocaust und der politischen Verfolgung intensiv auseinander. Ihr bevorzugtes Medium war das Relief.

Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil war es ihr möglich, Auftragsarbeiten außerhalb der Klostergemeinschaft auszuführen. Es entstanden zahlreiche öffentliche Monumente.

Von 1968 bis 1969 war Schwester Paula in einer Leprastation in Äthiopien tätig. 1972 wurde ihr das Ehrenbürgerrecht der Stadt Dorsten verliehen. 1994 erhielt sie für ihr ausgeprägtes soziales Engagement das Bundesverdienstkreuz.

Ihr Interesse und ihren Einsatz für den Bergbau demonstrierte sie zuletzt 1997 bei einer Mahnwache in Dorsten, als sie sich mit den gegen die drohende Schließung protestierenden Bergleuten solidarisierte.

Tisa von der Schulenburg / Schwester Paula starb im Alter von 97 Jahren am 8. Februar 2001 in Dorsten.

Die nach ihr benannte Tisa von der Schulenburg-Stiftung vergibt alle drei Jahre einen Förderpreis an den künstlerischen Nachwuchs.

1994 wurde ihr von der damaligen Bundesministerin für Frauen und Jugend Angela Merkel in der Lohnhalle der Zeche „Fürst Leopold“ das Bundesverdienstkreuz am Bande für ihr Lebenswerk und für ihr ausgeprägtes soziales Engagement verliehen. Die geplante Schließung der Dorstener Zeche Fürst Leopold führte 1997 zu Mahnwachen, an denen auch Schwester Paula – schon in den siebziger Jahren als „Heilige Barbara des Ruhrgebiets“ bezeichnet - teilnahm. Sie demonstrierte mit den Bergleuten und schuf dazu eine Bronze-Stein-Plastik.

Das künstlerische Werk von Tisa von der Schulenburg bewegt sich formal vor allem zwischen Zeichnung und Plastik. So wurde die Zwischenstufe Relief – die „Zeichnung in Holz, Stein oder Bronze“ – ihre Leidenschaft. Außerhalb des Hauptwerkes experimentierte Schulenburg aber auch mit Stickereien und der Gestaltung von Kirchenfenstern.

Schulenburg hat mehrere Gedichtbände illustriert und eigene Geschichten zu einigen Erzählbänden beigetragen. Zusammen mit den Ausstellungskatalogen war sie an über 50 literarischen Werken beteiligt.