Tizian (um 1490-1576), die Sonne unter den Sternen

Selbstbildnis um 1562, Öl auf Leinwand, 86x65 cm, Museo del Prado, Madrid.

Stuttgart, (ZENIT.org) Nicki Schaepen | 668 klicks

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Die Augen des alten Mannes gehen in die Ferne. Betrachtend und in sich gekehrt erscheint dieser in schwarzes Tuch gehüllte weißbärtige Herr, dessen einziger Schmuck neben der pelzbesetzten Schaube eine zweifach um den Hals geschlungene, enggliedrige Goldkette ist. Er scheint inne zu halten, versunken zu sein in einen geistigen Vorgang, der sich unseren Augen verbirgt. Vielleicht schließt sich der Gegenstand seiner Betrachtung links außerhalb des Bildraumes an. Worum es sich handelt, das bleibt das Geheimnis des Mannes. Wenn wir genauer zusehen, können wir allerdings erahnen, dass die ausblickenden Augen ein malerisches Motiv betasten. Am unteren linken Bildrand ist nämlich noch die Hand des Dargestellten zu entdecken, die einen Pinsel umgreift, dessen haariges, mit Malfarbe beladenes Ende wahrscheinlich auf einer sich außerhalb des Bildraumes anschließenden Palette streicht.

Als Betrachter sind wir Zeugen einer intimen Szenerie: Recht nah kommen wir durch den gewählten Brustausschnitt an den Dargestellten heran. Die reduzierte, vornehmlich in warmen Brauntönen gehaltene Palette, deren einzige Akzente die Lichtreflexe der Kette und das kühlere Weiß des Kragens bilden, unterstreicht die Sonorität der Komposition. Wir werden zu Zeugen eines Schaffensprozesses, an dem wir durch die Intimität der Darstellung ebenso wie durch das Verborgensein des Motivs aktiv beteiligt sind. Der Maler wird sozusagen zum Modell des Betrachters, sein Schauen Gegenstand unserer Erwägung. Die äußere Darstellung vermag uns damit in eine innere Reflexion zu bringen und über jenen Moment nachzudenken, der dem Künstler besonders eigen ist: Die Inspiration.

Tizian (um 1490-1576) hat sein Altersselbstbildnis wohl um das Jahr 1562 geschaffen und obgleich es einige Stereotypen der frühneuzeitlichen Künstlerdarstellung aufgreift, sticht es durch die besagte geistige Dimension aus den Vergleichsbeispielen der Zeit deutlich hervor. Die zeitgenössische Kunsttheorie versucht ja schon seit Leon Battista Alberti (1404-1472) den Maler als einen geistig Tätigen zu charakterisieren, als jemanden, der in die Welt der Ideen eintaucht und vom Heiligen Geist angehaucht ist, als einem Mittler zwischen der geistigen und der sichtbaren Welt. So arbeitet er nicht nur mit seinen Händen, sondern er schafft neue Bildwelten durch seinen Geist. Die florentinisch-römische Kunsttheorie hat sodann als Grundlage für die Qualität eines Künstlers den „disegno“ postuliert. Eine Konzeption, die davon ausgeht, dass sich vor allem durch die Unmittelbarkeit der Linie sich diese geistige Dimension manifestiere und dass die Zeichnung Grundlage aller bildenden Künste sei.

Tizian indes denkt mehr aus dem „colore“. Bei ihm fügen sich halbdeckende und transparente Farbschichten übereinander, die erst in ihrem komplexen Zusammenwirken mit dem Bildgrund eine optische Wirkung erzielen, welche die Konturen der Gegenstände ineinanderfließen und zur selben Zeit, und zwar durch eine minimale Differenz in der Temperatur der Farben, diese Gegenstände stärker räumlich hervortreten lässt. Auf diese Weise wird das Auge des Betrachters in den Manifestationsprozess des Bildes eingewoben. Wie sich vor dem gedankenverlorenen Auge Tizians der Gegenstand seiner Malerei manifestiert, so manifestiert sich vor unserem Auge der Schaffensprozess des Künstlers.