Tony Blairs bioethisches Erbe

Interview mit John Smeaton von der „Gesellschaft zum Schutz der Ungeborenen Kinder“

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LONDON, 26. Februar 2007 (ZENIT.org).- Großbritannien exportiere Werte, die sich gegen das Leben und gegen die Familie richteten, erklärte John Smeaton, Vorsitzender der Gesellschaft zum Schutz der Ungeborenen Kinder („Society for the Protection of Unborn Children“, SPUC), die ihren Sitz in London hat und für Gesetze eintritt, die das menschliche Leben schützen und fördern.



Smeaton sprach mit ZENIT über die gegenwärtige und die zukünftige Situation bioethischer Problemfragen in Großbritannien.

ZENIT: Es wird erwartet, dass Premierminister Tony Blair noch in diesem Jahr zurücktreten wird. Welche Veränderungen hat die Bioethik in Großbritannien während seiner Amtszeit erlebt?

-- Smeaton: Die Regierung und das Parlament haben Großbritannien unter der Leitung Tony Blairs in einen moralischen Abgrund gestürzt, in dem es weder Richtig noch Falsch gibt, sondern lediglich technische Probleme und Verwaltungsfragen, die gelöst werden müssen, bevor neue, gegen das menschliche Leben gerichtete Übel implementiert werden können.

Unter den ersten beiden Dingen, die Tony Blair nach seiner Amtsübernahme einführte, befanden sich eine Strategie zu Schwangerschaften unter Teenagern sowie die Wiederaufnahme von Vorschlägen zur Änderung des Gesetzes über die medizinische Behandlung am Lebensende.

Ersteres beinhaltet die Bereitstellung von Abtreibungsmöglichkeiten und von Mitteln zur Geburtenregelung bereits für Mädchen im Alter von 11 Jahren, ohne die elterliche Kenntnis oder Zustimmung; letzteres hat zu einem Gesetz, dem „Zurechnungsfähigkeitsgesetz“ 2005, geführt, das es ermöglicht – und unter bestimmten Umständen sogar erforderlich macht –, dass Ärzte gefährdete Patienten verhungern und verdursten lassen.

Die Regierung von Tony Blair exportiert die „Abtreibung auf Wunsch“ unter dem Deckmantel der Millenniums-Entwicklungsziele in die Entwicklungsländer und hat die Ausgaben zur Finanzierung von Agenturen zur Geburtenkontrolle, wie zum Beispiel der „International Planned Parenthood Federation“ oder dem Bevölkerungsfond der Vereinten Nationen, die für Chinas Ein-Kind-Politik verantwortlich sind, erhöht.

Tony Blair hat sich persönlich für die vernichtende Forschung an geklonten menschlichen Embryonen eingesetzt. Allgemein kann man sagen, dass es keinen Bereich der Ethik des Lebensschutzes und der Familienethik gibt, die von der Regierung Blair nicht abträglich beeinflusst worden wäre.

Ferner spielt Großbritannien innerhalb der Europäischen Union und in vielen anderen Teilen der Welt im Bereich der Förderung von Politiken, die sich gegen das Leben und gegen die Familie richten, eine bedeutende Rolle.

ZENIT: Wie verläuft die bioethische Debatte in den britischen Medien im Vergleich zu anderen Staaten, etwa den Vereinigten Staaten, Australien oder Deutschland?

-- Smeaton: Das Niveau der bioethischen Debatte kann mit dem in anderen Teilen der Welt überhaupt nicht verglichen werden.

Die Massenmedien – angeführt von den so genannten Qualitätsmedien wie die „Times“ und „BBC“ – stellen bioethische Sachlagen wie menschliches Klonen, embryonale Stammzellforschung und Abtreibung fast ausschließlich einseitig dar. Wissenschaftliche und ethische Abwägungen, die erklären, warum die Forschung an menschlichen embryonalen Stammzellen moralisch unverantwortlich ist, werden entweder gar nicht erst erwähnt, oder sie werden in vollkommen unangemessener Weise dargestellt. Überdies legt die gegenwärtige Regierung bei der bioethischen Debatte eine unerschöpfliche Begabung zur Begriffs-Manipulation an den Tag.

Beispielsweise führte die Regierung im April 2005 die Sterbehilfe durch eine Unterlassung im Gesetzestext ein, während sie gleichzeitig, und mit Erfolg, den Politikern und Kirchenvertretern versicherte, dass sie die Legalisierung der Euthanasie vollkommen ablehne.

ZENIT: Vertreter des Christentums warnen vor einem Niedergang des Glaubens in Großbritannien, was sich unter anderem in einer niedrigen Zahl der Kirchenbesuche zeigt. Wirkt sich diese Situation auf die Kultur des Lebens aus?

-- Smeaton: Was auch immer die grundlegenden Ursachen für die niedrige Zahl der Kirchenbesuche sein mag: Die Situation hat sich gewiss mangels einer klaren Lehre rund um die Themen, die die „Kultur des Lebens betreffen, verschlimmert.

Tragischerweise werden in Großbritannien den unter 16-Jährigen ohne elterliche Kenntnis und Zustimmung in den Schulen – sogar in katholischen Schulen – Abtreibungsmöglichkeiten und Verhütungsmittel angeboten.

Im vergangen Jahr sprach eine Lehrerin einer gemischten katholischen Schule in Kent (England) öffentlich über die Sexualerziehung, die in ihrer Klasse von 13- bis 14-Jährigen erteilt wurde. Die Lehrerin, Frau McLernon, sagte damals: „Ich denke, die Leute sollten sich bewusst werden, was in den Schulen vor sich geht. Ich habe eine Krankenschwester gesehen, die den Jugendlichen mittels eines Plastikmodels demonstrierte, wie man ein, wie sie sagte, ‚Kondom mit Schokoladengeschmack‘ gebraucht.“

Weiter führte Frau McLernon aus: „An jedes Kind wurde ein Informationsblatt verteilt, auf dem erklärt wurde, wo man kostenlose Verhütungsmittel und die Abtreibungspille für den Morgen danach bekomme. Das Blatt beinhaltete auch Details einer Webseite für junge Menschen, mit allen Informationen, wie eine chirurgische Abtreibung arrangiert werden könnte. Hierbei handelt es sich um eine katholische Schule, bei der man erwarten sollte, dass die Kinder vor derartigen Dingen geschützt würden.“

Leider wenden sich aufgrund von erschreckenden Erfahrungen an katholischen Schulen, und zwar sowohl an weiterführenden als auch an Grundschulen, immer mehr katholische Eltern an die „Gesellschaft zum Schutz der Ungeborenen Kinder“. Die Proteste seitens der katholischen Eltern und Lehrer, die die Jugendlichen schützen wollen, scheinen kein Gehör zu finden.

Außerdem haben Großbritannien und die Regierungen der EU-Staaten ein Gesetz über die gleichen Rechte bei der Einstellung von männlichen und weiblichen Homosexuellen, Bisexuellen und Transsexuellen verabschiedet, das unter Androhung strenger gesetzlicher Maßnahmen durchgeführt werden soll.

ZENIT: Werden bei der Debatte in Großbritannien jene philosophischen und theologischen Konzepte zur Sprache gebracht, die unerlässlich sind, um bioethische Sachverhalte angemessen lösen zu können?

-- Smeaton: Großbritannien hat nicht nur seinen ethischen Kompass verloren; zum Großteil hat es auch die Konzepte und das Vermögen verloren, auf eine moralisch vernünftige Weise zu denken.

Für die meisten besteht die Moral zuallererst in einer merkwürdigen Mischung aus Eigeninteresse, Mitleid und dem Wunsch, Schmerzen, Leid und Unbequemlichkeit zu vermeiden. Das erklärt, wie die Briten Abtreibungsbefürworter sein können und zur gleichen Zeit ein moralisches Unbehagen darüber empfinden.

Selbst das Wort „discriminate“ [„diskriminieren“, Anm. d Übers.] wurde zu einem Wort mit vollkommen negativer Bedeutung erklärt, wobei es sich in einer noch gar nicht allzu fernen Vergangenheit um ein Kompliment handelte, „diskriminierend“ [„unterscheidend“, Anm.] genannt zu werden. Deshalb ist die Unterscheidung zwischen „gerechter“ und „ungerechter“ Diskriminierung aus dem Ethik-Lexikon verschwunden.

Was den Bereich der sexuellen Verhaltensweise angeht, verfügen wir über keine objektive Sprache, um moralische Richtigkeit oder moralisches Übel zu klassifizieren; gleichzeitig herrscht aber ein moralischer Stalinismus, wenn es darum, alle Arbeitgeber gesetzlich zu verpflichten, Personen unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung und ihren persönlichen Wohnverhältnissen einzustellen.

ZENIT: Wie wird Großbritanniens kulturelle und ethische Landschaft in 25 Jahren aussehen, wenn die Dinge so weitergehen werden?

-- Smeaton: Die Antwort darauf liegt in Rom und in der Ernennung mutiger Bischöfe. Wenn die katholische Kirche damit beginnt, im Lebensschutz und bei der Verteidigung der Familie und besonders im Bereich der unzertrennlichen Verbindung zwischen dem vereinenden und dem zeugend-mitschöpferischen Aspekt des ehelichen Aktes eindeutig eine Führungsrolle einzunehmen, dann wird die Arbeit von weltlichen Laienbewegungen wie die der „Gesellschaft zum Schutz der Ungeborenen Kinder“, die seit über vier Jahrzehnten aktiv sind, Früchte tragen, und die Dinge werden besser werden. Eine friedliche Bewegung für das Leben und für die Familie, die an Mitgliedern zunimmt und ihre Werte mit den Mitbürgern teilt, wird dann einen immer größeren Einfluss auf die Gesellschaft haben.

Andernfalls wird es dazu kommen, dass Laien, die das Leben, die Ehe und die Familie schützen wollen, eingesperrt werden. Das „Zurechnungsfähigkeitsgesetz“ 2005 verfolgt schon jetzt jene Ärzte, die darauf bestehen, ihren Patienten Nahrung und Wasser zu geben.

Die Gesetzgebung, durch die die Rechte von Homosexuellen gefördert werden, wird zunehmend drakonischer. Medizinisches Personal, das sich weigert, Patientinnen auf die Möglichkeit der Abtreibung zu verweisen, verliert seine Anstellung; dasselbe widerfährt Lehrern, die sich weigern, der geheimen Abtreibungspolitik der Regierung gegenüber Kindern zu gehorchen. Den Eltern, die ihre Kinder die traditionelle christliche Lehre über Homosexualität näher bringen, kann das Recht auf Erziehung entzogen werden. Die wahren moralischen Werte werden entweder im Geheimen gelehrt oder überhaupt nicht.

Großbritannien wird bei der Förderung der Abtreibung, der Embryonenforschung, dem menschlichen Klonen, der Euthanasie und der homosexuellen „Ehe“ weiterhin eine bedeutende Rolle spielen.