„Töten Sie mich nicht, Herr Doktor!“

Wissenschaftspublizist Stefan Rehder zu Besuch im Wiener Bioethikclub

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WIEN, 12. Mai 2009 (ZENIT.org).- „In Gesellschaften, die damit begonnen haben, den Tod zuzuteilen, geht der Tod alle an", meint der deutsche Wissenschaftspublizist Stefan Rehder. „Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein war der zugeteilte Tod so etwas wie ein Markenzeichen von Diktatoren und Despoten, denen allenfalls das eigene Leben heilig war. Heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, wird der zugeteilte Tod in erster Linie ärztlich verordnet, getarnt unter dem Deckmantel des Mitleids."

Rehder hielt am 5. Mai im Rahmen des von IMABE (www.imabe.org) initiierten Wiener Bioethikclubs einen Vortrag über die Inhalte seines neuen Buches „Die Todesengel. Euthanasie auf dem Vormarsch" (St. Ulrich-Verlag 2009).

„Gerechtfertigt wird der zugeteilte Tod ausgerechnet mit dem Selbstbestimmungsrecht des Menschen."  Freilich: „Unter den Bedingungen des demographischen Wandels und des daraus resultierenden Kostendrucks im Gesundheitswesen kann aus dem vermeintlichen Recht, selbst entscheiden zu können, wann man aus dem Leben scheidet, sehr schnell die Verpflichtung werden, dies genau dann zu ‚wollen', wenn andere dies für ökonomisch geboten halten."

Die Daten sprechen für sich: Im Jahr 2006 haben die Deutschen zur Behandlung von Krankheiten rund 245 Milliarden Euro ausgegeben, 21 Milliarden mehr als vier Jahre zuvor. Auf die Behandlung von Senioren (65 Jahre und älter) und auf die Behandlung von Menschen zwischen 16 und 64 Jahren entfielen dabei jeweils 47 Prozent der Kosten. Freilich machen Erstere nur 20 Prozent der Gesamtbevölkerung aus, während zwischen 16- und 64-Jährige 65 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Laut dem statistischen Bundesamt entfielen im Jahr 2006 auf jeden älteren Menschen durchschnittlich 6910 Euro an Gesundheitskosten, auf jüngere Menschen hingegen nur 1880 Euro.

In einer gesunden Gesellschaft seien diese Zahlen freilich kein Problem, meint Rehder, denn: „Die Kosten für die Gesundheit lassen sich in so einer Gesellschaft problemlos auf die nachfolgende Generation ‚vererben'." Das Problem: „Wir sind eben keine gesunde Gesellschaft mehr. Seit 1972 liegt die tatsächliche Fertilitätsrate mit statistischen 1,3 Kindern pro Frau konstant unter der für die Bestandserhaltung notwendigen Reproduktionsrate von statistischen 2,1 Kindern pro Frau. Die Folge: In Deutschland wird jede Elterngeneration nur noch zu zwei Dritteln durch Kinder ersetzt. Im Laufe der letzten vier Jahrzehnte ist so ein dramatisches Defizit an Kindern entstanden."

Mitte des Jahrhunderts wird man 576.000 mehr Särge als Wiegen benötigen. Jeder dritte deutsche Staatsbürger wird 60 Jahre und älter sein, der Anteil der über 80-Jährigen wird von heute vier auf zwölf Prozent steigen. „Das Problem betrifft mit Ausnahme Albaniens alle europäischen Staaten", zitierte Rehder seinen Kollegen Stephan Baier, Autor von „Kinderlos - Europa in der demographischen Falle." Und damit „wächst auch die finanzielle Last", fährt Rehder fort. „Standen 1995 in Deutschland 100 Erwerbstätigen noch 36 Personen im Rentenalter gegenüber, so waren es 2001 bereits 44 Personen; 2050 werden es sogar 78 Personen sein." Hinzukommt der medizinische Fortschritt und die damit einhergehende steigende Lebenserwartung: „Leistungsempfänger und Leistungserbringer werden sich künftig noch länger gegenüberstehen, als in früheren Zeiten." 

Stefan Rehder distanzierte sich ausdrücklich von Verschwörungstheorien, denen zufolge die auf dem Vormarsch befindliche Euthanasie eine „ersonnene Strategie sei, die vorangetrieben wird, um jene Probleme zu lösen, die sich aus der Überalterung der Gesellschaften ergeben." Vielmehr möchte er zeigen, „dass der demografische Wandel und die steigenden Gesundheitskosten einen enormen Druck erzeugen werden, der, wenn wir nicht achtsam sind, dazu führen kann, dass Regierungen und Parlamente in Europa nicht mehr genau hinschauen werden, wenn Befürworter der Euthanasie diese mit Argumenten wie dem Selbstbestimmungsrecht des Menschen und einem leidfreien ‚Sterben in Würde' durchzusetzen suchen."

Ein Blick auf die Realität in den Niederlanden und Belgien, die europaweit die liberalsten Gesetzgebungen zur Euthanasie haben, zeigt ein deutliches Bild. Zwar wird dort von Intellektuellen die „totale Autonomie des Individuums" gefeiert, doch „so fremdbestimmt waren wir noch nie". Eine offiziell von der niederländischen Regierung durchgeführte anonyme Umfrage unter Ärzten im Jahr 2001 zeigte, dass diese sich an die auferlegten Kontrollregelungen nicht hielten: In 25 Prozent der Fälle hatten die Ärzte Patienten getötet, ohne dass diese darum gebeten hatten. Als Gründe für die Entscheidung, Menschen auch ohne deren Zustimmung ins Jenseits zu befördern, gaben die Ärzte an: „Jede medizinische Maßnahme aussichtslos", „keine Aussicht auf Besserung", „die Nächsten konnten es nicht mehr ertragen" oder eine ihrer Einschätzung nach „geringe Lebensqualität". Eine erschreckende Vorstellung ist in den Niederlanden Realität: Was als „unerträgliches Leiden" gelten soll, bestimmen Ärzte und Angehörige.

Die Folgen für das Arzt-Patienten-Verhältnis liegen auf der Hand. „Das Misstrauen zwischen beiden Gruppen ist offenbar längst so groß, dass nicht wenige Niederländer eine so genannte ‚Credo Card' in ihrer Brieftasche tragen, auf der ihr Lebenswunsch eingestanzt ist, oder einen Zettel mit der Bitte ‚Maak mij niet dood, Dokter!' bei sich führen."  

Die Gesetzgebungen in Belgien im Jahr 2002, die dem Beispiel der Niederlande folgten, haben, so Rehder, einen „perfiden" Zusatz: Dort müsse der Tod eines Patienten durch die Hand eines Arztes statistisch als „natürlicher Tod" gezählt werden: „Das wäre ja so, als ob jeder gemeldete Diebstahl im Nachhinein als Einkauf zu gelten habe", kritisierte der Bioethik-Experte. Dass der käufliche Tod ein gutes Geschäft ist, zeigt die umstrittene Sterbehilfe-Organisation Dignitas in der Schweiz: Für „Todesengel" muss man rund 6400 Euro auf den Tisch legen. Transparenz der finanziellen Gebarung des Vereins gibt es bis heute keine.

Rehder lässt keinen Zweifel daran, dass die Frage der „ökonomischen Entlastung des Gesundheitssystems" in der Euthanasie-Debatte zunehmend eine Rolle spielen wird. Hinter den „verführerischen Argumenten eines „selbst bestimmten und schmerzfreien Todes" stünden auch handfeste Interessen, nämlich ein kostensparendes „sozialverträgliches Frühableben" von alten und kranken Menschen gesellschaftlich akzeptabel zu machen.

Der Publizist betonte, dass ein menschenwürdiges, nicht übertechnisiertes Sterben dank Palliativmedizin und Hospizbewegung der Weg der Zukunft sei. Es brauche aber ebenso eine Enttabuisierung von Krankheit, Leiden und Sterben.

Von Stefan Beig