Tragödie im Nahen Osten - Gezänk in der deutschen Kirche

"Kirche in Not" begeht 11. Pater-Werenfried-Jahresgedenken in Köln

München, (KIN) | 264 klicks

Vor einem Übergreifen des syrischen Bürgerkriegs auf das Nachbarland Libanon hat der Präsident der Caritas Libanon, Msgr. Simon Faddoul, gewarnt. Bei einem Podiumsgespräch über die Lage der Christen im Nahen Osten im Rahmen des Jahresgedenkens an den Gründer des internationalen katholischen Hilfswerks „Kirche in Not“, Pater Werenfried van Straaten, am Samstag im Maternushaus in Köln berichtete er, dass bereits libanesische Städte an der Grenze zu Syrien bombardiert worden seien. Auch würden immer mehr syrische Kämpfer in das Nachbarland kommen. Er erwartet einen Anstieg der Kriminalität, denn mit mehr als einer Million Flüchtlingen bei 4,5 Millionen Einwohnern seien die Kapazitäten im Libanon überstrapaziert. 

Die Lebensqualität der Flüchtlinge bezeichnete er als „miserabel“. Da es keine öffentlichen Flüchtlingslager gebe, seien die Menschen in Zeltsiedlungen untergebracht, in denen bis zu 15 Personen auf zwölf Quadratmetern lebten. „Wir können durch die Hilfe von Freunden wie „Kirche in Not“ mit Essen, Nahrungsmitteln, Bekleidung und bei der Hygiene helfen“, dankte Faddoul für die Unterstützung. Besorgt schaut er allerdings auf die Zukunft der Flüchtlingskinder, denn das libanesische Schulsystem könne nur 150 000 Kinder abdecken, während 200 000 weitere die Schule nicht besuchen könnten. Faddoul sagte, dass sich die Menschen vor Ort alleingelassen fühlten, und forderte Unterstützung, um einen Exodus der Christen wie im Irak zu verhindern.

Der Nahost-Korrespondent von „Kirche in Not“ und der Zeitung „Die Tagespost“, Oliver Maksan, erläuterte, dass es kein vereintes Syrien mehr gebe; auch die Regierungsgegner kämpften für unterschiedliche Ziele. Während ein Teil alleine die Zukunft Syriens im Blick habe, strebten andere Rebellen, die aus vielen unterschiedlichen Ländern stammten, für ein weltweites Kalifat. Mit Blick auf die derzeit stattfindende Syrien-Friedenskonferenz sagte er, dass man sich in einer politischen Sackgasse befinde und nicht voraussehen könne, wie die Verhandlungen ausgehen würden. Realistische Ziele seien seiner Meinung nach ein Gefangenenaustausch und die Einrichtung von Korridoren für humanitäre Hilfen. 

Neben dem Krieg in Syrien war auch die politische Krise in Ägypten Thema des Podiumsgespräches im Maternushaus. Anlässlich des dritten Jahrestages der Revolution gegen das Mubarak-Regime und des Referendums über die neue Verfassung Ägyptens kam es in den vergangenen Tagen zu blutigen Protesten. Die beiden katholischen Kirchenvertreter aus Ägypten auf dem Podium, der koptisch-katholische Bischof von Assiut, Kyrillos William Samaan, und der Seelsorger der deutschsprachigen Katholiken im Nahen Osten, Msgr. Joachim Schroedel, begrüßten die neue Verfassung. Bischof Kyrillos bewertete sie sogar als die beste seit der ersten ägyptischen Verfassung von 1923. Der aktuelle Gesetzestext betone die Menschenrechte, die Bürgerrechte und die Freiheit aller Ägypter. Zudem gebe es erstmals Artikel, in denen die Christen erwähnt werden, die in Ägypten etwa zehn Prozent der Bevölkerung ausmachen. An dem Entwurf für die neue Verfassung waren auch Christen beteiligt.

Man müsse nun die nächsten Monate abwarten, denn in den vergangenen drei Jahren seit dem Ende des Mubarak-Regimes seien die Ägypter frustriert, so die Einschätzung von Schroedel . „Das Aggressionspotenzial muss gelöst werden, damit es in Ägypten besser geht.“ Da der Tourismus in Ägypten derzeit brachliegt, lud er die etwa 500 Zuschauer im Saal ein, in das nordafrikanische Land zu reisen. Durch die ausbleibenden Reisenden lebten derzeit viele Menschen in großer Armut. 

Bischof Kyrillos ergänzte, dass sich die Gewalt in den vergangenen Monaten nicht gezielt gegen Christen gerichtet habe. Vielmehr seien Polizeistationen oder öffentliche Einrichtungen Ziel von Terrorakten gewesen. Das soziale Miteinander zwischen Muslimen und Christen sei gut. Viele Muslime hätten in der Vergangenheit sogar Kirchen beschützt, berichtete der Bischof. 

Ein zweites Podiumsgespräch am Nachmittag beschäftigte sich mit der Frage, ob es derzeit eine Medienkampagne gegen die katholische Kirche in Deutschland gebe. Dazu waren der Radio-Vatikan-Redakteur Stefan von Kempis, der Kulturredakteur der Zeitschrift Cicero, Alexander Kissler, sowie Bernhard Müller vom katholischen PUR-Magazin eingeladen. Deutliche Worte fand der Radio-Vatikan-Redakteur: Er habe den Eindruck, dass es in Deutschland einen „Krawall-Katholizismus“ gebe. Aus seiner Perspektive als Journalist in Rom betrachtet, gebe es in keiner Ortskirche weltweit so viel Gezänk wie in Deutschland. „Lieber interviewe ich einen Bischof aus Indonesien, als über irgendeinen Skandal aus Deutschland zu berichten. Das hängt mir so zum Hals heraus“, sagte er. Er forderte allerdings auch mehr Transparenz der Kirche und ein Medientraining für die Bischöfe. Andererseits hätten viele Medien in Deutschland keine Ahnung von den Kirchenthemen. Alexander Kissler stellte fest, dass das Interesse an der Kirche abgenommen habe und man als Journalist „in einen Raum ohne Echo“ schreibe. Da heute jeder einen Blog im Internet eröffnen könne, sei es leicht, „mit möglichst wenig Ahnung möglichst viel Radau“ zu machen. Kein Journalist könne mit vergleichbar wenig Wissen über die katholische Kirche im Wirtschaftsteil einer Zeitung schreiben. Er wünsche sich von der Kirche mehr Gelassenheit gegenüber manchen Meinungsmachern. Mit Hinblick auf die positive Darstellung von Papst Franziskus in vielen deutschen Medien müsse man diese Stimmung nun optimal ausnutzen, um „die Kirche positiv in die säkularen Medien hineinzubringen“, so Bernhard Müller. Er wünsche sich für die Journalisten, die sich öffentlich zu ihrem Glauben bekennen, mehr Solidarität seitens der Kirche und der Redaktionen. 

Das Pater-Werenfried-Jahresgedenken an den im Jahr 2003 verstorbenen Gründer von „Kirche in Not“ fand in diesem Jahr zum elften Mal in Köln statt. Es begann mit einem Gottesdienst im Dom mit Weihbischof Dominikus Schwaderlapp, an dem rund 800 Gläubige teilnahmen. In seiner Begrüßung erzählte er von seinen persönlichen Begegnungen mit Pater Werenfried. Bei diesen Treffen habe ihn vor allem „das Feuer“ für die Arbeit von „Kirche in Not“ fasziniert, das Werenfried selbst im hohen Alter noch gehabt habe. Bischof Kyrillos William dankte in seiner Predigt dem „Speckpater“ und dem Hilfswerk „Kirche in Not“ für die Unterstützung der koptischen Kirche, die schon immer eine „Kirche der Verfolgten“ gewesen sei. „Gerade wegen der Verfolgung bringt die koptische Kirche, obwohl sie eine Minderheit ist, Früchte hervor. Verfolgung ist eine Ursache für den reichen Segen an Glauben und der Art und Weise, wie wir unseren Glauben an Christus leben“, so Bischof Kyrillos. „‚Kirche in Not‘ gibt den Verfolgten, die nur eine schwache Stimme haben, eine breite und große Tragkraft, so dass die Stimmen der Verfolgten überall zu hören sind – bis zum EU-Parlament, durch die Besuche, die für uns dort organisiert werden.“ Die Solidarität, die Pater Werenfried mit der verfolgten Kirche eingefordert habe, sei bei „Kirche in Not“ sehr spürbar.

Im Rahmen der Veranstaltung in Köln wurde auch Antonia Willemsen als Vorstandsvorsitzende von „Kirche in Not“ Deutschland verabschiedet. Die langjährige Generalsekretärin des Hilfswerks und Verwandte des Gründers blickte in einer kurzen Ansprache auf ihre Mitarbeit und Erfahrungen mit Pater Werenfried zurück und dankte für die über 50-jährige Tätigkeit für „Kirche in Not“.