Trägt der Papst Prada?

Die roten Schuhe des Papstes

Rom, (ZENIT.org) Ulrich Nersinger | 1702 klicks

Die roten Lederschuhe Benedikts XVI. sorgten für Aufsehen und ließen die Gerüchteküche brodeln. Immer wieder stellten Zeitungen und Magazine die Frage: „Trägt der Papst Prada?“ Dass die eleganten Schuhe des katholischen Kirchenoberhauptes mit der Luxusmarke eines Mailänder Modehauses gleichgesetzt wurden, darüber war man im Vatikan nicht sehr glücklich. Manchmal reagierte man dann voreilig und ließ sich zu einer unzutreffenden Antwort hinreißen. „Natürlich stimmt dies nicht, der Banalität unserer Zeit fällt es nicht einmal auf, dass die rote Farbe einen deutlichen Bezug zum Martyrium besitzt“, gab 2008 ein vatikanischer Pressevertreter zum Besten. Aber nicht nur Erwachsene blickten fasziniert auf das Schuhwerk des Papstes und wollten ihre Neugier gestillt wissen, auch das jüngere Publikum zeigte sich interessiert – „Warum trägt der Papst rote Schuhe? Kinderfragen an Benedikt XVI.“ lautete der Titel eines Buches, das Gudrun Sailer, Redakteurin der deutschsprachigen Abteilung von Radio Vatikan, herausgeben hatte.

Die Antwort darauf dürfte im Rom der Antike zu finden sein. Den Senatoren und Konsuln des Imperium Romanum kam eine besondere Fussbekleidung als Standestracht zu, in nachrepublikanischer Zeit ging dieses Recht auf die Cäsaren über. Den römischern Kaisern war es vorbehalten, den Purpur zu tragen, und somit auch Schuhe von roter Farbe. Als die Kirche im vierten Jahrhundert nach langen Zeiten der Verfolgung vom Staat als Religion toleriert wurde und dann sogar eine privilegierte Stellung im Römischen Reich einnahm, wurden von ihr Kleidung und Insignien übernommen, die am kaiserlichen Hof üblich waren. Papst und Bischöfe waren nun in vielem wie der Kaiser und seine höchsten Beamten gekleidet.

Mit der steigenden Bedeutung des Papsttums reservierte sich der Bischof von Rom für seine zeremonielle Gewandung – Mantel und Schuhe – die rote Farbe. Bei Huldigungen, Obödienzakten und Audienzen gewannen die Schuhe des Papstes an Bedeutung. In Nachahmung der an den Höfen altorientalischer Herrscher gebräuchlicher Sitten wurde in Rom der Fußkuss üblich. Um aber zu zeigen, dass diese außergewöhnliche Form der Unterwerfung und Verehrung letztendlich einer höheren Autorität als ihrer eigenen zukam, ließen die Päpste an der Stelle des Schuhs, die von den Lippen berührt wurde, ein Kreuz anbringen. Erst im vergangenen Jahrhundert wurde der Fußkuss aus dem päpstlichen Zeremoniell gestrichen.

Schon sehr früh, nachweislich seit dem 5. Jahrhundert, fand eine besondere Fussbekleidung auch in der Liturgie Verwendung. Bei der festlichen Feier der heiligen Messe legten Papst, Bischöfe und Äbte die sogenannten Pontifikalschuhe an. Als Jesus die zwölf Apostel, die ersten Bischöfe, aussandte, gebot er ihnen außer einem Wanderstab nichts mitzunehmen, „keine Vorratstasche, kein Geld im Gürtel, kein zweites Hemd, und an den Füßen nur Sandalen“ (Mk 6,9). In seinem Brief an die Epheser ermahnt der heilige Paulus dazu, beschuht zu sein, um die Frohe Botschaft zu verbreiten (Eph 6, 15). Das Gebet, das beim Anlegen der Pontifikalschuhe gesprochen wurde, erinnerte an diese Bibelworte: „Beschuhe, o Herr, meine Füße zur Verkündigung des Evangeliums des Friedens und beschirme mich dem Schirm Deiner Fittiche“. Erst mit den Reformen, die auf das II. Vatikanische Konzil (1962-1963) folgten, verschwanden die Pontifikalschuhe aus dem liturgischen Leben der Kirche.

Die roten Schuhe, die Papst Benedikt XVI. trug, stammten aus den unterschiedlichsten Schusterwerkstätten der Welt, so auch aus der von Adriano Stefanelli, eines bekannten Schuhdesigners aus dem norditalienischen Novara. Signor Stefanelli hatte schon Schuhe für Johannes Paul II. in den Apostolischen Palast geliefert. Die Idee, Johannes Paul II. eine seiner Kreationen zu widmen, war entstanden, als er an einem Karfreitag die „Via Crucis“ des Heiligen Vaters beim Kolosseum am Fernseher mitverfolgt hatte: „Es schmerzte mich zu sehen, wie der Papst beim Gehen des Kreuzweges litt. Mir kam spontan der Gedanke, ihm Erleichterung zu verschaffen, ihm besonders bequeme Schuhe zu machen, weich, elastisch und ohne störende Nähte“. Berührt hat ihn – und er ist auch ein wenig stolz darauf – , daß dem 2005 verstorbenen Pontifex zur Aufbahrung die Schuhe aus Novara angelegt worden waren. Für die Schuhe, die Adriano Stefanelli in den Vatikan lieferte, hat er keine Rechnung ausgestellt: „Sono doni, nessuna spesa – Es sind Geschenke gewesen, mit keinerlei Kosten verbunden“.  So ist es mit dem Großteil der Fussbekleidung des Papstes gewesen – die roten Schuhe, die für den Pontifex in Rom, Italien und Übersee gefertigt wurden, haben die Kasse des päpstlichen Haushalts nicht belastet.