Trommelnd nach Bethlehem

Steyler Pater: Missionar und Musikproduzent

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Von Markus Frädrich

ROM, 14. Dezember 2011 (ZENIT.org). - Der Steyler Kongo-Missionar Alfons Müller leitet die „Ngayime Studios“ in Kinshasa. Hier produziert er religiöse CD-Aufnahmen und Videos. Auch fürs kongolesische Weihnachtsprogramm.

Bis hoch unter die Decke ragen die Regale im Arbeitszimmer von Pater Alfons Müller. VHS-Kassetten, Tonbänder und Dias tummeln sich zwischen Kisten und Kartons, Kabel schlängeln sich von Bildschirmen zu unterschiedlichsten Abspielgeräten. Die Mittagshitze Kinshasas dringt durchs offene Fenster, vermischt sich mit einer warmen Brise aus dem Computerlüfter.

In Pater Müllers Brillengläsern spiegelt sich, was gerade über seinen Monitor flimmert: Ein Chor in bunten Gewändern folgt einem ausgelassen tanzenden Vorsänger. Schnelle Schnitte zeigen trommelnde Hände, schwingende Hüften, im Hintergrund das satte Grün des Regenwaldes. Ein Videoclip voller Sonne, Fröhlichkeit und Rhythmus: Kaum zu glauben, dass er für das Heilig-Abend-Programm des kongolesischen Fernsehens gedacht ist.

Doch der Text lässt keinen Zweifel zu. „Maria hat den Erlöser geboren“, übersetzt Pater Müller. „Auf dieser Welt, die in Sünden lag.“ Ein Weihnachtslied also, und zwar eines in der kongolesischen Sprache Kiyansi, die von den Bayansi im Umkreis der Stadt Bagata gesprochen wird. Produziert hat den Titel Pater Müller in seinen „Ngayime Studios“, die sich seit 1989 auf die Aufnahme von Liedern mit religiösem und sozialem Inhalt spezialisiert haben.

Die Musik: Von Beginn an stand sie im Mittelpunkt der Missionsarbeit von Pater Müller. „Als ich vor über 45 Jahren im Kongo ankam, sagte man uns: Wald- und Wiesenmissionare, die auf allen Hochzeiten tanzen, brauchen wir nicht mehr“, erinnert sich der Steyler Missionar aus dem Saarland. „Was wir brauchen, sind Spezialisten.“ Auf der Suche nach seinem „Spezialgebiet“ entdeckte Alfons Müller als Kaplan in Bagata den besonderen Stellenwert der Musik im Leben der Kongolesen. „Die Leute hier haben Gesänge für jeden Anlass“, sagt er. „Wenn ein Kind geboren wird, wird gesungen. Wenn die Leute zur Jagd gehen, wird gesungen. Bei Hochzeiten, bei Beerdigungen, selbst zur Eröffnung einer Gerichtsverhandlung: Immer wird gesungen.“

Die Gesänge: Sie erwiesen sich für Alfons Müller als Schlüssel zur Kultur, zum Dorfleben und zu den Gemeinschaften der Kongolesen. Von Hause aus musikalisch, nahm der Missionar die fremden Melodien mit seinem Kassettenrekorder auf und studierte sie. „Und weil die Leute ihre Probleme mit den Kirchenliedern hatten, die wir als europäische Missionare mit ihnen singen wollten, begann ich, ihre eigenen Melodien mit geistlichen Texten in der Sprache Kikongo zu versehen“, erzählt Müller. Traditionelle Weisen statt „O Haupt voll Blut und Wunden“: Die Integration der einheimischen Musik in die Liturgie steigerte die Begeisterung der Menschen für den christlichen Glauben. „Die Leute singen am liebsten, wenn sie sagen können: Das ist unser Lied“, sagt Müller. „Für mich ist das ein Weg der Inkulturation, der in die Zukunft zeigt.“

Seine „Mission mit dem Kassettenrekorder“ trug Müller nicht nur ein umfassendes Klangarchiv, sondern auch den kongolesischen Namen „Ngayime“ ein – auf Deutsch: „Der, der die Lieder hat.“ Heute, viele Jahre später, gibt es außerdem die „Bana Ngayime“, die „Kinder dessen, der die Lieder hat“: Einen christlichen Chor mit jungen Kongolesen, den Müller zu seiner Zeit als Medienbeauftragter der Kongolesischen Bischofskonferenz ins Leben gerufen hat. Mit ihm produziert Müller bis heute Aufnahmen fürs Fernsehen, wenn er nicht gerade Konzerte gibt.

„Übers Wochenende war ich neulich mit ‚Bana Ngayime‘ in Sonabata, zwei Autostunden von Kinshasa entfernt, um dort mit der Pfarrei das hundertjährige Bestehen zu feiern“, erzählt Müller. „Wir haben zuerst die schöne Lage und den herrlichen Sonnenuntergang genutzt, um ein Osterlied im Playback zu filmen. Dabei waren wir überrascht von der großen Zahl interessierter, neugieriger Zuschauer. Eine Gruppe Frauen mischte sich sogar unter den singendenden Chor und hatte eine Mordsfreude dabei, mitzusingen und mitzutanzen. Danach begann das Konzert, das erst kurz vor Sonnenaufgang zu Ende ging. Lieder aus der Tradition, Kirchenlieder und charismatische Gesänge wechselten sich ab. Die ganze Nacht wurde auf Rhythmen mit biblischen Texten getanzt.“

Dreimal schon hat Pater Müller mit seinem Chor auch seine deutsche Heimat besucht. Bei Auftritten etwa im Vorfeld des Weltjugendtags in Köln oder beim Evangelischen Kirchentag in Bremen sind die „Bana Ngayime“ mit ihrer afrikanischen Lebensfreude, ihrem Tanz und ihrer Aufgeschlossenheit auf begeisterte Resonanz gestoßen. „Ihr habt uns Hoffnung gebracht“, war ein Satz, den der Chor von den deutschen Konzertbesuchern häufig gesagt bekam.

In den „Ngayime Studios“ von Kinshasa-Limité werden die Musikaufnahmen längst nicht mehr mit der Schere, sondern digital geschnitten. Auch die Arrangements der christlichen Musikstücke, die sich möglichst nah an die aktuelle Popularmusik des Kongo anlehnen soll, überlässt Pater Müller inzwischen Profis. „Die haben diese Art der Musikproduktion von der Pike auf gelernt“, sagt er. „Dagegen bin ich ein Waisenknabe.“

Während aus dem benachbarten Tonstudio also der charakteristische Klang einer Baluba-Trommel schallt, zu dem Gemeindemitglieder einer Pfarrei aus Chikapa ihre Lieder einsingen, legt Müller letzte Hand an die Weihnachtsvideos fürs katholische Fernsehen. „Damit nicht nur amerikanische Lieder wie ‚Jingle Bells‘ über den Bildschirm flimmern, die mit Weihnachten eigentlich gar nichts zu tun haben, sondern echte kongolesische Weihnachtslieder“, sagt er.

Zugegeben, eine Ausnahme wird es geben: Das Lied „Butu pi“. Ein doppelter Mausklick, und dann leiten Glockengeläut und sanfte Keyboardklänge die kongolesische Version von „Stille Nacht, heilige Nacht“ ein. Die Sänger von „Bana Ngayime“ haben sich um eine Krippe versammelt, nach zwei Strophen in Kikongo präsentieren sie die dritte Strophe in ihrer Originalsprache. Eine kleine Verbeugung vor Pater Alfons Müller. Missionar und Musikproduzent.