Trost spenden, zuhören und an Gott erinnern: Augenzeugenbericht aus Peru

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YAUYOS/KÖNIGSTEIN, 21. August 2007 (ZENIT.org).- Bei dem schweren Erdbeben in Peru sind mehr als 500 Menschen ums Leben gekommen und 34.000 Häuser zerstört worden. Der aus Fulda stammende Pfarrer Thomas Huckemann, der als Missionspriester in Yauyos arbeitet, einer Stadt in den Anden nahe der peruanischen Hauptstadt Lima, hat dem weltweiten katholischen Hilfswerk Kirche in Not einen Augenzeugenbericht über die Ereignisse in den Tagen des Bebens übermittel.



Das pastorale Hilfswerk päpstlichen Rechts, das die Hilfsarbeiten zunächst mit einer Soforthilfe in Höhe von 50.000 US-Dollar unterstützt hat, bitte um weitere Spenden: Stichwort „Peru“, Konto 2152002 bei der Liga-Bank München, BLZ 750 903 00 (oder unter online).

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Mariä Himmelfahrt wird hier zwar am nächstliegenden Sonntag gefeiert, aber in meiner neuen Pfarrei des Heiligen Joseph beteten wir eine Novene vor allem mit den mittlerweile fast zwanzig Messdienern bis zum 15. August, welcher auch der Todestag des heiligen Tarcisius ist, ihres Patrons. Am Nachmittag sprach ich länger mit einem Seminaristen, der nach vielen Studienjahren das Seminar verlassen will. Zum ersten Mal begann er, wieder an seine Weihe zu denken. Wir sprachen auch über ein Zeichen Gottes, das ihm bei seiner Entscheidung helfen könnte. Dann begleitete er mich noch zum Krankenhaus, das ich auf dem Weg in und von meiner neuen Pfarrei mehrmals täglich besuche. Ein hundertjähriger Schwerkranker wartete auf mich, ohne dass ich es vorher gewusst hätte. Er konnte sogar mit großer Anstrengung die Wegzehrung erhalten. Hoffentlich war das auch schon ein Zeichen für ihn!

Abends wird es immer gegen 18 Uhr dunkel, ich wartete am Strand bei einer Außenstation, einer Kapelle, las etwas beim Schein einer Straßenlaterne. Fenster begannen gegen 18.30 Uhr zu vibrieren, ich las weiter, das Gebäude begann zu wackeln, die Lichtmasten ebenso, das Licht erlosch ... ich konnte nicht mehr weiterlesen und wollte mich auf den einstündigen Fußweg nach San Vicente machen, um eventuell einen Kleinbus auf dem Weg zu finden. Aber ich konnte kaum aufrecht stehen. Die Erde bewegte sich in Wellen, wie auf einem schwankenden Schiff, manchmal stärker, manchmal schwächer, nie weiß man genau, wann es vorbei ist. Ich stoppte die Zeit nicht, es sollen mehr als zwei Minuten gewesen sein, Stärke 7.5 oder 7.9, Epizentrum hundert Kilometer südlich von Cañete. Ein Kleinbus kam, nahm mich mit, in dreißig Minuten war ich in Cañete, wo, wie überall, etwa jedes fünfte Haus, aus getrockneten Ziegeln gebaut, halb oder ganz eingestürzt war.

Nur wenige kamen mit festem Glauben

Viele versuchten mit ihren Angehörigen per Mobiltelefon Kontakt zu bekommen, nicht allen gelang es. Fast alle lagerten vor ihren Häusern, ich lud sie zur Muttergottes-Festmesse in meine Kirche ein, nur ganz wenige kamen mit festem Glauben, fünf der Messdiener mit ihren Eltern. Ernesto und Michel, die Seminaristen, die mir in der Pfarrei helfen, waren als einzige in der Kirche beim Allerheiligsten geblieben, das sie oder ich täglich von 16 bis 21.30 Uhr aussetzen. Vor der Heiligen Messe baten fünfzehn Gläubige um die Beichte, die es normalerweise nicht regelmäßig tun. Nicht alle blieben zur dreißig Minuten später begonnenen Messe, aber bei der anschließenden Prozession mit der Muttergottes und dem heiligen Tarcisius gab es genug Träger und Häuser, vor denen wir kurz beteten. Zum Abschluss unterhielten wir uns im Pfarrsaal bei der von den Eltern der Messdiener gespendeten Festtorte.

Auf dem Rückweg fand ich zwei Tote ... im Krankenhaus und fünfzehn Verletzte, vor allem an den Beinen, während fast alle anderen bettlägerigen Kranken, die nicht einmal zur Toilette gehen konnten, durch das Beben „geheilt“ wurden und selbstständig ins Freie gekommen waren. Ein Jugendlicher kam aus dem fünfzig Kilometer entfernten schwerer betroffenen Chincha, weil die dortigen Krankenhäuser überlaufen seien. Am Donnerstagmorgen kamen durch Cañete etwa dreißig Krankenwagen mit Sirene aus dem Süden Richtung Lima. Die Ärzte und Krankenschwestern taten ihr Bestes; am Donnerstagnachmittag, als die meisten Verletzten entlassen waren, schliefen Ärzte und Schwestern todmüde oft zu zweit in den freien Betten.

Kirchen schwer beschädigt

In den Läden zerbrachen viele ungesicherte Flaschen, in den Apotheken Medizin, der Boden musste aufgewischt werden; ebenso in der Kathedrale zwei der neun ungesicherten Statuen, in meiner Pfarrei nur eine Blumenvase. Alle hörten überall Radio, später dann auch Suchmeldungen, denn Telefone funktionierten erst wieder am nächsten Morgen. In diesen Tagen kann man nach ganz Peru von öffentlichen Telefonen in unseren betroffenen Gegenden aus kostenlos drei Minuten anrufen.

Da es immer wieder kleinere Nachbeben gibt, verbrachten die meisten Menschen zwei Nächte im Freien, in unserem „Winter“ bei feuchten elf bis zwölf Grad auch nicht so bekömmlich.

Außer den Häusern hat es besonders die Kirchen mitgenommen. In der Kathedrale aus gebranntem Material und Zement fielen einige Glasfenster und Verkleidungen, es gibt einige Risse, aber wohl nichts Ernsthafteres. Die Hälfte des Daches ... der nach dem letzten schweren Erdbeben 1974 vor allem mit Hilfe der Erzdiözese Köln wiederaufgebaute Pfarrkirche in San Luis fiel ein, wo ich zwanzig Jahre Pfarrer war; die Türme verloren Stuck, während die sonst anfälligere Kuppel nur die Zementverkleidung außen verlor. Hineingehen konnte ich nicht. Ähnlich ging es den Kirchen in Imperial, Cerro Alegre und Chilca und anderen Kapellen, die von der „Zivilverteidigung“ geschlossen wurden. Die Heiligen Messen werden dort auf dem Platz oder in vorhandenen Pfarrsälen gefeiert.

Heute, Freitag, wird überall Schutt aufgeräumt, was nicht so schwierig ist, Straßen sind dafür gesperrt. Donnerstag war schulfrei auch in Lima, heute soll es dort wieder an etwa neunzig Prozent der unbeschädigten Schulen Unterricht geben; auch hier scheinen die meisten Schulen nicht einsturzgefährdet zu sein, aber niemand sagte bisher, wann es wieder Unterricht geben wird. Die Innendecke der größten Bank, der Crédito, hat sich etwas gelöst, Donnerstag Nachmittag war sie kurz geöffnet, heute noch nicht, die anderen Banken arbeiten normal. Viel mehr Not und Hilfe ist weiter südlich, wo in Pisco und in Ica Kirchen mit vielen Gläubigen einstürzten, während es hier meistens Muttergottes-Prozessionen im Freien traf, und die Schüler um 18 Uhr auch die Schule schon verlassen hatten.

Das befürchtete See-Tsunami blieb aus, und es wird wohl auch nicht mehr kommen, dennoch ist das Chaos in meiner Strand-Außenstelle noch größer geworden, denn alle Leute bringen ihr Vieh zwei Kilometer landeinwärts und so funktioniert das Bussystem kaum. Aber gestern kamen zur Kommunionfeier dort doch acht Personen.

Nachbarschaftshilfe und Streit

Menschen helfen sich rührend gegenseitig, bringen Nachbarn in ihren eignen (noch) unzerstörten Häusern irgendwie unter, viele kampieren auf den Straßen und Plätzen. Kleinere Nachbeben etwa alle sechs Stunden lösen große Panik überall aus. Meines Erachtens braucht es auch und sehr wichtig Priester und andere Personen, die Trost spenden, zuhören, aber auch an Gott erinnern; auch wieder Kirchen, wo Menschen beten und sich auch ausruhen können, auch etwas Schönes, und nicht nur Schutt zu sehen - was sicher sehr teuer werden wird.

Freitagabend sah ich in einem ärmeren Viertel meiner Pfarrei, wie Leute heftig um geschenkte Lebensmittel stritten. Ohne Arbeit und Schule herrscht viel Müßiggang. Weiter südlich stürzten zwei Gefängnisse ein, fünfzig Gefangene kamen zurück, aus Hunger, auch, um ihre Habseligkeiten “abzuholen”, andere, die nur noch wenig einzusitzen hatten, um regulär mit Papieren freizukommen. Der Soyuz-Bus, der normalerweise alle sieben Minuten tagsüber und nachts alle zehn Minuten von Lima nach Ica durch Cañete fährt, kommt nur noch alle zwanzig bis vierzig Minuten, Verkehr auf der weiter südlich zum Teil eingestürzten Panamericana wird nur stundenweise durchgelassen, Busse wurden auch von Banden ausgeraubt. In Cañete wurden zwei Läden am Mittwochabend teilgeplündert, in Pisco fehlt es jetzt leider auch an Polizisten. Hier sind die Wasserleitungen nicht beschädigt und es gibt gutes Wasser fast überall und immer, nach weiter südlich fuhren gestern vierzig Tankwagen mit Wasser aus Lima.

Heute, Samstag, beerdigen wir in meiner Pfarrei einen 36-jährigen, der am Dienstag für drei Tage zum Ausruhen nach Pisco fuhr, im Hotel umkam, erst zwei Tage später offiziell identifiziert werden konnte. Seine Verlobte überlebte unverletzt in einem anderen Hotel.

Die Regierung will allen Geschädigten 250 Euro für Beerdigung und 1500 Euro zum Wiederaufbau ihrer Häuser geben. So denke ich, dass für das Materielle bei uns erst einmal gesorgt ist. Soweit bis heute Samstag.

Ein Pärchen in „wilder Ehe“ Zusammenwohnender heiratete und taufte ihre beiden sechs Monate alten Zwillinge, wie geplant, am Samstag Abend, waren aber am Donnerstag Abend nicht zu ihrer Vorbereitung gekommen, und der Bräutigam war auch nicht zu seiner Arbeit nach Lima gefahren, weil er gehört hatte, dass in Pisco Kleinkinder zu Hause beim Beben gestorben waren, während die Eltern weg waren.

Hab und Gut jetzt wichtiger

Auch wohl reparierbare Häuser wurden von ihren Eigentümern jetzt dem Erdboden gleichgemacht, um die Regierungshilfe zu bekommen. Die Leute zelten auf der Straße mit ihren Habseligkeiten. Sonntag Abend waren fast alle, bei neuen Nachbeben sowieso mit den Nerven fast am Ende, durch Gerüchte von bewaffneten Überfällen auf Häuser und Zelte verunsichert, aber ich ging doch, wie jeden Sonntag, in ein anderes armes Viertel meiner Pfarrei. Normalerweise kommen dort zum Gebet drei bis acht Jugendliche von etwa 700 Einwohnern, gestern schlossen sich vierzig „Camper“ an. Viele hatten sich mit Stöcken gewappnet, um eventuelle Räuber zu vertreiben, aber ich selbst konnte nichts dergleichen feststellen. Die Sonntagsmessen finden nicht in der Kathedrale statt - nicht so sehr wegen möglicher herabfallender Teile, sondern eher, damit bei einer Panik niemand zu Schaden kommt - sondern in der Muttergottes-Freikirche, aber es kamen viel weniger Leute als sonst. Viele sagten, ihr materielles Hab und Gut sei ihnen (jetzt) wichtiger.

Viele Menschen aus Lima wollen helfen, kommen auch mit eigenen Autos hierher und versuchen irgendwie Lebensmittel und Kleidung zu verteilen. Ich meine, in unserer Gegend brauchen die Menschen vor allem Zuwendung, Ruhe, Gebet. Sie helfen sich schon ganz gut untereinander. Eine private Schule begann heute, Montag wieder den Unterricht mit etwa einem Drittel der Schüler, einige Eltern brachten trotzdem ihre Kinder wieder nach Hause, weil sie Nachbeben fürchteten in der Schule, der kaum etwas beim starken Beben passiert war. Das ist meines Erachtens ein sehr wichtiges Zeichen dieser Schule, andere Rektoren sind ängstlicher.