Tschechien: Papstbesuch rückt Christus wieder in das Bewusstsein der Menschen

Prior Petr Sleich vom Prager Karmelitenkloster über den Besuch Benedikts XVI. beim Prager Jesuskind

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KÖNIGSTEIN IM TAUNUS, 15. September 2009 (ZENIT.org/KIN.de).- Der Prior des Karmelitenklosters des Prager Jesuskindes, Pater Petr Sleich, hat gegenüber dem internationalen katholischen Hilfswerk „Kirche in Not" erklärt, der Besuch des Papstes in der Tschechischen Republik habe zum Ziel, Christus wieder vor die Augen und in das Bewusstsein der Menschen zu bringen. Die Tatsache, dass der erste Programmpunkt seiner Reise nach Tschechien den Heiligen Vater in die Wallfahrtskirche „Maria vom Sieg" auf der Prager Kleinseite führe, wo seit dem 17. Jahrhundert das Gnadenbild des Prager Jesuskindes verehrt wird, sei „der aussagekräftigste Ausdruck dieser Absicht".

Papst Benedikt XVI. werde das Gnadenbild, das von Gläubigen in aller Welt hoch verehrt wird und dem zahlreiche Gebetserhörungen und Wunder zugeschrieben werden, während seines Besuches krönen. Dabei handele es sich um die höchste Ehre, die die westliche Christenheit für Gnadenbilder Jesu Christi oder der Heiligen Jungfrau kenne, erläuterte der 41jährige Karmelitenpater.

Eine wirkliche Begegnung mit Christus und Symbole, die jeder versteht

Pater Sleich unterstrich, die Menschen sehnten sich danach, Christus vor Augen zu haben. Bildliche Darstellungen wie die des Prager Jesuskindes würden dabei helfen. Er verglich es mit Familienfotos, die dazu beitragen, sich den dargestellten geliebten Personen nahe zu fühlen. Der Unterschied zwischen solchen Fotos und religiösen Bildern und Figuren bestehe jedoch darin, dass die Darstellung Jesu Christi zu einer „wirklichen Begegnung" führe.

Das Prager Jesuskind sei zugleich König und Kind, erklärte er. Das menschliche Herz sei sensibel für die Darstellung des Christuskindes. Weihnachten sei auch in Tschechien, das als am stärksten atheistisch geprägtes Land Europas gilt, denjenigen Menschen lieb und teuer, die ansonsten nicht sehr gläubig seien. „Wenn die Menschen hier in unserer Wallfahrtskirche Gott als Kind vor sich sehen, haben sie vor Ihm keine Angst. Im Gegenteil: Er bedarf als Kind unserer Liebe, unserer Herzen, unserer Hände, unserer Hilfe", betonte der Prior. Zugleich sei das Jesuskind aber auch als König dargestellt. Der Reichsapfel in seiner linken Hand symbolisiere das gesamte Universum, das unter dem Zeichen des Kreuzes stehe und in der Hand des Jesuskindes ruhe. Pater Petr: „Manchmal sage ich halb im Scherz, die linke Hand des Jesuskindes genüge für das ganze Universum. Eigentlich ist es aber kein Scherz, sondern es ist die Wahrheit. Mit der rechten Hand segnet das Göttliche Kind hingegen die Menschen." Dieses Symbol sei den Menschen verständlich, ohne dass sie viel darüber nachdenken müssten, und „am wirkungsvollsten sind eben solche Symbole, die keiner langen Reflektion bedürfen."

Die Tatsache, dass das Jesuskind als König dargestellt werde, gehe direkt auf das Evangelium zurück. Das Evangelium nach Matthäus beginne mit der direkten Abstammung Jesu aus dem Stamme des Königs David. Schon kurz nach seiner Geburt kommen Menschen von weither, um dem neugeborenen König zu huldigen, so Sleich. Am Ende seines Lebens wird Jesus, als er auf einem „kleinen Esel" in die Stadt Jerusalem einzieht, von der Menschenmenge zum König erklärt und bejubelt, und gekreuzigt wird er ebenfalls als König, denn auf dem Schild, das Pilatus an seinem Kreuz befestigen lässt, steht die Abkürzung „INRI" geschrieben, die für „Jesus von Nazareth, König der Juden" steht. Dadurch, dass das Motiv des Königtums am Anfang und am Ende des Evangeliums stehe, bilde es gewissermaßen einen Rahmen, erläuterte der Karmelit.

Was nur wenige wissen: Das Prager Jesuskind war die Inspirationsquelle für das Buch „Der Kleine Prinz"

Oft kommen französische Schulklassen in die Kirche. Pater Petr macht die Erfahrung, dass sie die Botschaft vom Prager Jesuskind gut verstehen, obwohl Frankreich - genau wie Tschechien - ein in hohem Maße laizistisch geprägtes Land ist. Alle Schüler kennen das Buch „Der kleine Prinz" von Antoine de Saint-Exupéry. Der tschechische Kamelitenpater erklärt: „Es ist nur wenig bekannt, dass Antoine de Saint-Exupérie sehr vertraut mit der Verehrung des Prager Jesuskindes war. Das Buch wird in den Schulen gelesen, weil es nicht religiös ist, aber zugleich ist es höchst religiös. Es ist direkt vom Prager Jesuskind inspiriert worden. Ein Kind kommt vom Himmel, bietet seine Freundschaft an, stirbt und geht zurück nach oben - Jesus würde sagen: zum Vater, aber Saint-Exupéry war sich seines Glaubens nicht sicher genug. Die Kinder, die das Prager Jesuskind besuchen, begreifen, dass das Jesuskind nicht irgendeine seltsame katholische Eigentümlichkeit ist, sondern sie verstehen die Botschaft!".

Hoffnung für ein atheistisches Land

Obwohl sich Statistiken zufolge in Tschechien kaum ein Viertel der Bevölkerung als „gläubig" bezeichnet, zeigt sich der Prior des Prager Karmelitenklosters optimistisch: Jesus selbst habe mit einer Handvoll Jünger angefangen. Einer davon habe den Herrn verraten und habe sich aufgehängt, mit den anderen wenigen Personen sei ein großer Teil der Welt bekehrt worden. Sleich selbst habe sich im Alter von 20 Jahren taufen lassen, als er während seines Mathematikstudiums durch Freunde zum Glauben gefunden habe. Heute ist fast seine ganze Familie katholisch. Seine Entscheidung für das Priestertum sei „nicht leicht" gewesen, bekennt er, aber er sei „sehr glücklich" gewesen, als er diese Entscheidung getroffen habe. Zwar gebe es in Tschechien nach wie vor wenige Berufungen, aber „sehr schnell kann sich etwas ändern, das haben wir alle vor zwanzig Jahren mit unseren eigenen Augen gesehen, als der Eiserne Vorhang fiel". Pater Petr bedauert es, dass „wir das Evangelium nicht aufmerksam genug lesen". Allerdings sei er sich nicht sicher, ob es überhaupt stimme, dass so viele Menschen in Tschechien ungläubig seien, wie es behauptet werde. Sleich: „Manche sind unsicher, wenn es um Gott geht, aber ich würde nicht sagen, sie haben keinen Glauben. Übrigens lieben auch viele der Tschechen, die sich als ungläubig bezeichnen, das Prager Jesuskind. Ich bin mir sicher, dass viele noch zu Seinen Freunden werden!".

Die bewegte Geschichte des „Kleinen Königs"

Das Gnadenbild des Prager Jesuskindes in der Kirche der Siegreichen Jungfrau Maria auf der Prager Kleinseite wird jedes Jahr von rund einer Million Pilgern aus aller Welt besucht. Viele davon kommen aus Amerika oder von den Philippinen, wo die Verehrung der Kindheit Jesu besonders lebendig ist. Das Prager Jesulein durchlebte im Laufe der Jahrhunderte ein bewegtes Schicksal: Es gilt als Geschenk der heiligen Teresa von Avila an eine spanische Adelige und gelangte als Hochzeitsgeschenk für deren Tochter nach Prag. Seit 1628 wird es in der Kirche der Karmelitenpatres verehrt. Im Dreißigjährigen Krieg wurde es von sächsischen protestantischen Soldaten geschändet, die seine Hände abhackten und die Figur auf einen Schutthaufen hinter dem Altar warfen. Die Karmelitenpatres wurden aus ihrem Kloster vertrieben. Einige Jahre später wurde das Gnadenbild von Pater Cyrillus a Matre Dei, einem Karmelitenpater aus Luxemburg, der als besonderer Verehrer des Prager Jesuskind gilt, wiedergefunden. Die Legende erzählt, das Jesuskind habe ihn kläglich darum gebeten, seine Hände zu reparieren, und habe ihm versprochen: „Je mehr ihr mich ehren werdet, desto mehr werde ich euch segnen!" In der Folge blühte die Verehrung des Prager Jesuskindes wieder auf und breitete sich über den ganzen Erdball aus. So gibt es mittlerweile zum Beispiel mehrere Heiligtümer des Prager Jesuskindes in Indien, eines im italienischen Arenzano bei Genua und viele weitere auf nahezu allen Kontinenten. Im Laufe der Jahrhunderte haben Millionen Gläubige in aller Welt Trost und Hilfe durch den Kleinen König erfahren.

Die Karmelitenpatres von Prag mussten ihr Kloster jedoch noch einmal im Zuge der Säkularisierung durch Kaiser Joseph II. Anfang des 19. Jahrhunderts verlassen. Erst 1993, nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in Mittel- und Osteuropa, konnten sie wieder auf die Prager Kleinseite zurückkehren. Heute betreuen dort fünf Karmelitenpatres das Heiligtum. Zwei der Patres sind Tschechen, zwei weitere stammen aus Indien, und einer ist Italiener.

Große Verehrer des Jesuskindes von Prag waren beispielsweise die heilige Therese von Lisieux und die heilige Edith Stein. Der berühmte französische Dichter Paul Claudel widmete dem Gnadenreichen Jesulein ein bekanntes Gedicht. Der Prager Erzbischof, Miroslav Kardinal Vlk, erklärte die Wallfahrtskirche des Prager Jesuskindes erst kürzlich zum zweitwichtigsten Heiligtum Tschechiens nach dem Veitsdom.

Ein Gebet geht um die Welt

Berühmt geworden ist vor allem das folgende Gebet des Pater Cyrillus a Matre Dei:

„O Jesulein, zu Dir fliehe ich, durch Deine Mutter bitt' ich Dich, Aus dieser Not woll'st retten mich; denn wahrhaft glaube ich an Dich, dass Du, o Gott, kannst schützen mich. Vertrauend hoffe ich auf Dich, dass Deine Gnad' werd' finden ich. Aus ganzem Herzen lieb' ich Dich, drum meine Sünden reuen mich, von denen, flehend bitt' ich Dich, Jesus, woll'st befreien mich.

Mein Vorsatz ist, zu bessern mich, und nicht mehr zu betrüben Dich, darum Dir ganz ergeb' ich mich, zu leiden mit Geduld für Dich und Dir zu dienen ewiglich. Den Nächsten aber gleich wie mich will wegen Deiner lieben ich. Jesulein, ich bitte Dich, aus dieser Not woll'st retten mich; dass einstens kann genießen ich mit Joseph und Maria Dich und allen Engeln ewiglich. Amen."

Von Eva-Maria Kolmann