„Tugenden sind der Maßstab für wahre menschliche Größe“

Interview mit Prof. Dr. Enrique Prat, Geschäftsführer des IMABE-Instituts

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WIEN, 24. April 2007 (ZENIT.org).- „Ein Mensch, der sich nicht um Tugenden bemüht, hält sich am Ende selbst nicht aus“, betonte der aus Barcelona stammende Mitbegründer und Geschäftsführer des 1988 entstandenen Wiener Instituts für Medizinische Anthropologie und Bioethik (IMABE), Prof. Dr. Enrique Prat der la Riba.



Der 63-jährige Autor zahlreicher Publikationen zu Fragen der Wirtschafts- und Politikwissenschaften, der Anthropologie und der medizinischen Ethik hielt vor kurzem einen ausführlichen Vortrag zum Thema der Tugenden.

Im Gespräch mit ZENIT hob Prat hervor, dass die wahre menschliche Freude die Folge eines tugendhaften Lebens sei und dass sie jedes Bemühen um die Erlangung von Tugenden begleite. „Eine Tugend, die traurig oder langweilig ist, ist keine Tugend mehr.“

ZENIT: Gott schenkt jedem seine Gnade, er rechnet aber damit, dass sie auf guten Boden fällt. Bevor man heilig werden kann, ist es also notwendig, ganz Mensch zu werden. Dazu verhelfen die Tugenden. Was sind Tugenden, welche gibt es?

-- Prat: Jesus sagte: „Seid vollkommen wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“ Der Mensch ist also zur Vollkommenheit gerufen. Was sind die Tugenden? Sie sind Qualitäten und Fertigkeiten, um vollkommen zu handeln, richtig, gut und froh – auch wenn es Momente gibt, in denen es uns schwerer fallen kann, das Gute zu tun, weil es anders bequemer wäre usw. Doch durch die Tugend entwickeln wir sozusagen eine „zweite Natur“, die den Menschen dazu geneigt und gewissermaßen auch dafür geeignet machen, das Gute gut und gerne zu tun. Tugenden sind der Maßstab für wahre menschliche Größe.

Es gibt viele Einteilungen von Tugenden. So kann man zum Beispiel zwischen den göttlichen Tugenden – Glaube, Hoffnung und Liebe – und den moralische Tugenden unterscheiden. Die wichtigsten moralischen Tugenden sind die vier Kardinaltugenden: Klugheit, Gerechtigkeit, Starkmut und Mäßigung.

ZENIT: „Tugendhaftes Leben“ lässt die meisten an Langeweile und Mühsal denken. Was ist das Schöne an einem tugendhaften Leben?

-- Prat: Tugenden sind nicht nur Neigung zum Guten und die Befähigung dazu, sondern auch immer Qualitätsliebe, im Sinne einer Prädisposition, das Gute mit Freude zu tun. Eine Tugend, die traurig oder langweilig ist, ist keine Tugend mehr.

Wer das Gute liebt, freut sich auf das Gute. Und etwas Besseres als das Gute gibt es nicht. Deshalb lässt sich die Konsequenz ableiten, dass ein tugendhaftes Leben einfach das Wunderbarste ist, was wir uns für uns selbst vorstellen können und was uns froh macht. Ein Mensch, der sich nicht um Tugenden bemüht, hält sich am Ende selbst nicht aus, weil er, statt sein Leben in die Hand zu nehmen und auf das Gute hinzuführen, geführt oder verführt wird von Launen, gesellschaftlichem Druck oder dem, was die anderen sagen. Auf einem solchen Boden kann keine Persönlichkeit wachsen.

ZENIT: Was bedeutet es, wenn man von den Heiligen sagt, dass sie die Tugenden in einem „heroischen Grad“ gelebt haben?

-- Prat: Da wir Menschen höchstens „unterwegs“ sind zur Vollkommenheit, ohne diese jemals zu erreichen, müssen wir uns auch um die Tugenden bemühen. Heroischer Grad der Tugend bedeutet, dass dieser Bemühung stetig sein muss, das heißt nicht nur sporadisch, und auch mit großem Einsatz. Es geht aber nicht um große Dinge, sondern um die alltäglichen. So konnte der heilige Josefmaria Escrivá sagen: „Beharrlichkeit in den kleinen Dingen aus Liebe ist Heroismus.“ Eine seiner Hauptbotschaften war, dass die Heiligkeit aus diesem Heroismus des Alltäglichen besteht.

ZENIT: Wie erwirbt man Tugenden? Welche sollte man zuallererst erwerben? Gibt es eine Rangordnung der Tugenden? Gibt es Tugenden, die sozusagen die Grundlage aller anderen darstellen?

Prat: Die göttlichen Tugenden – Glauben, Hoffnung und Liebe – bekommen wir mit der Gnade geschenkt, das heißt wir müssen uns nur im sakramentalen Leben und im Gebet bemühen und erhalten sie ohne unser Verdienst. Ohne sie gibt es keine christliche Vollkommenheit.

Aber auch ohne die moralischen Tugenden gibt es keine christliche Vollkommenheit. Wir erwerben die moralischen Tugenden durch die Wiederholung von Handlungen, die ihnen entsprechen. Dazu ist die Hilfe des Beichtvaters, aber auch die Unterstützung von guten Freunden sehr wichtig.

ZENIT: Gibt es Tugenden, die sozusagen die Grundlage aller anderen darstellen?

-- Prat: Ja, es gibt nämlich auch eine andere Einteilung der Tugenden in übernatürliche und natürliche. Nach dem theologischen Grundsatz, dass die Gnade die Natur voraussetzt, bilden die menschlichen Tugenden die Grundlage für die göttlichen. Es gibt zum Beispiel eine übernatürliche Demut, die nur derjenige besitzen kann, der auch die natürliche hat. Die erste wird uns von Gott geschenkt, wenn wir uns auch um die zweite bemühen.

ZENIT; Gottes- und Nächstenliebe sind nicht zu trennen. Welche Tugenden fördern das menschliche Miteinander, die Offenheit, die liebenswürdige Annahme?

-- Prat: Eigentlich sind alle Tugenden für das Zusammenleben der Menschen wichtig. An erster Stelle stehen die Nächstenliebe und die Kardinaltugenden. Man sollte aber auch eine Vielzahl von Tugenden erwähnen; die sich den einzelnen Kardinaltugenden zuordnen lassen, wie zum Beispiel Freundlichkeit, Solidarität, Geselligkeit, Hilfsbereitschaft, Sanftmut, Großzügigkeit, Feinfühligkeit usw.

ZENIT: Welche Tugenden helfen dabei, den persönlichen Umgang mit Gott zu vertiefen?

-- Prat: Natürlich zunächst die drei göttlichen Tugenden. Dann aber die Demut, denn der Stolz versperrt unseren Zugang zu Gott. Und nicht zuletzt würde ich die Beharrlichkeit im sakramentalen Leben, im Gebet und im asketischen Bemühen nennen.

ZENIT: Auch die Freude ist eine Tugend. Kann man sie erlernen?

-- Prat: Die Freude ist eigentlich eine Folge aller Tugenden, denn durch die Tugenden erreichen wir das Gute und erfreuen uns daran. Man kann aber auch die Freude als eine tugendhafte Haltung einüben: indem man auf das Gute schaut und sich daran erfreut.

Wenn einer nur nörgelt, verbittert er sich das Leben und ist außerdem realitätsfern. Aber es ist manchmal schwieriger, das Gute zu benennen. Auf das Schlechte zu zeigen, ist keine Kunst. Wir leben nicht im Paradies, und um uns und in uns selbst gibt es auch Neigungen und Tendenzen zum Bösen (Erbsünde), die uns nicht erfreuen dürfen. Deshalb ist die Haltung, die darauf ausgerichtet ist, das Gute mit Leichtigkeit zu entdecken und sich darüber zu freuen, eine Haltung, die alle anderen Tugenden begleitet. Das ist die Tugend der Freude, die wiederum natürlich (Freude über eine Landschaft) und übernatürlich (Freude angesichts der Eucharistie) sein kann.

ZENIT: Benedikt XVI. sagte in Pavia, dass er aus der Freude heraus lebt, Jesus nachzufolgen. Was ist das für eine Freude?

-- Prat: Das ist die Freude der Heiligen. Das hat schon Aristoteles gesehen: Die größte Erfüllung erreicht der Mensch in der Begegnung mit Gott, in der Kontemplation. Auch die sehr schwache Kontemplation, die auf unserem irdischen Weg möglich ist, vermag den beschaulichen Mensch mit großer Freude zu erfüllen.

ZENIT: Wie lässt sich verhindern, dass die Bemühung um ein tugendhaftes Leben nicht in eine sterile Erfüllung von Vorsätzen ausartet und zu einer lästigen Pflicht wird?

-- Prat: Die Antwort darauf ist für den Christen leicht: durch die Liebe. Ohne Liebe wird alles zur Pflicht.

Für Kant war die Pflicht ein zentraler Begriff seiner Ethik, so haben auch die Tugenden bei ihm eine untergeordnete Rolle. Der heute vorherrschende Utilitarismus oder die Diskursethik bieten auch keinen Anreiz für eine tugendhafte Leben, im Gegenteil: Sie führen nur zum moralischen Minimalismus. Demgegenüber geht der christliche Ansatz von der Fülle aus.

Die erste Enzyklika von Benedikt XVI., Deus caritas est, hat es uns in Erinnerung gerufen: Der Mensch sehnt sich nach Gott, der die Liebe und das Ziel des Menschen ist.