Tuitio Fidei et Obsequium Pauperum (Teil 1/2)

Interview mit dem Großhospitalier S.E. Albrecht Freiherr von Boeselager

Rom, (ZENIT.org) Britta Dörre | 1607 klicks

Der Großhospitalier S.E. Albrecht Freiherr von Boeselager, Jahrgang 1949, studierte Rechtswissenschaften in Bonn, Genf und Freiburg. In den Malteserorden wurde von Boeselager 1976 aufgenommen. 1982 übernahm er das Amt des Kanzlers der Deutschen Assoziation des Ordens und wurde Leiter des Malteser-Hilfsdienstes in der Diözese Köln. 1985 legte er das Versprechen zum Obödienzritter ab. Seit 1989 bekleidet von Boeselager das Amt des Großhospitaliers, in dem er bereits viermal bestätigt wurde. Von 1994 bis 2005 war er Mitglied des Päpstlichen Rates „Cor Unum“; seit 1990 ist er außerdem Mitglied des Päpstlichen Pastoralrates für die Gesundheitsdienste. Der Großhospitalier S.E. Albrecht Freiherr von Boeselager ist verheiratet und hat fünf Kinder.

Die Geschichte des Malteserordens

Die Gründung des Malteserordens geht auf das Jahr 1048 zurück, als Kaufleute aus der Seerepublik Amalfi in Jerusalem eine Kirche, einen Konvent und ein Hospital zu errichten durften, um den Pilgern jedweder Glaubensrichtung und Nationalität Schutz und Unterkunft gewähren zu können. Die Anerkennung des Hospitals erfolgte durch Papst Paschalis II. mit der Bulle vom 15. Februar 1113. Dadurch erhielt das Hospital den Status eines religiösen Laienordens. Die Ritter legten das Gelübde der Armut, Enthaltsamkeit und des Gehorsams ab.

Die Aufgaben des Malteserordens erstreckten sich mit der Zeit nicht nur mehr allein auf den Hospitaldienst, sondern umfassten auch den militärischen Schutz und die Verteidigung des christlichen Glaubens.

Nach dem Fall von Akko im Jahr 1291 verlagerte der Orden seinen Sitz nach Zypern, wo er bereits seit 1210 Besitzungen hatte. Der Orden setzte auf der Insel seine Arbeit fort und baute außerdem eine Flotte zum Schutz der Pilger auf. Im Lauf der Zeit nahm die Zahl der Ordensmitglieder stetig zu.

Der Malteserorden musste jedoch wegen des islamischen Vormarschs Zypern verlassen und 1310 seinen Sitz nach Rhodos verlegen, wo der Orden bis 1523 blieb. In der Folgezeit bauten die Malteser eine bedeutende Flotte auf, mit der sie in zahlreichen Seeschlachten Siege davontrugen. Die internationale Souveränität des Ordens war durch päpstliche Dekrete garantiert. Ab dem 14. Jahrhundert gliederte sich der Malteserorden entsprechend der jeweiligen Landessprache seiner Mitglieder auf. 1492 waren acht Landessprachen mit jeweils einem Priorat oder Großpriorat, Balleien und Kommenden vertreten.

Nachdem die Malteser 1523 Rhodos verlassen hatten, verstrichen einige Jahre, bis 1530 der Großmeister Fra’ Philippe de Villiers de l’Isle Adam die Insel Malta von Karl V. mit Zustimmung von Papst Clemens VII. erhielt. Der Orden musste aber fortan bei Auseinandersetzungen christlicher Nationen neutral bleiben.

Nach dem Sieg über die Osmanen im Jahr 1565 begannen die Malteser, Hafen und Stadt, nach dem Großmeister „La Valetta“ benannt, auszubauen und wichtige infrastrukturelle Maßnahmen wie den Bau eines Hospitals vorzunehmen. Malta blühte auf und wurde zu einem wichtigen Kulturzentrum. Die Malteser waren über die Jahrhunderte hinweg an den bedeutendsten Schlachten beteiligt und trugen zu deren Sieg bei, wie zum Beispiel 1571 bei der Seeschlacht von Lepanto.

Unter Napoleon Bonaparte waren die Malteser 1798 allerdings gezwungen, die Insel zu verlassen, da sie gegenüber Christen zu Neutralität verpflichtet waren. Nach einigen Zwischenstationen fand der Orden 1834 seinen endgültigen Sitz schließlich in Rom. Der Hospitaldienst wurde nun wieder Hauptaufgabengebiet des Ordens. Während des Ersten und Zweiten Weltkrieges wurden die karitativen Aufgaben und der Hospitaldienst unter der Leitung des Großmeisters Fra’ Ludovico Chigi Albani della Rovere (1931-1951) ausgebaut und erfuhren unter Großmeistern Fra’ Angelo de Mojana di Cologna (1962-1988) und Fra’ Andrew Bertie (1988-2008) eine weltweite und bedeutende Ausweitung.

Heute hat der Orden, an dessen Spitze der auf Lebenszeit gewählte 79. Großmeister Fra' Matthew Festing steht, circa 13.500 Mitglieder, die sich der „Bezeugung des Glaubens und Hilfe für die Armen und Kranken“ jeglicher Konfession verpflichtet haben. Der Orden unterhält mit 104 Staaten weltweit diplomatische Beziehungen; er ist neutral, unparteiisch und unpolitisch, was ihn insbesondere zur Vermittlung in Krisenregionen qualifiziert. Seinen Sitz hat der Orden mit extraterritorialem Anspruch in Rom auf dem Aventin in der Villa Magistrale und in der Via dei' Condotti im Palazzo Magistrale. Für 99 Jahre konnte der Malteserorden vor einigen Jahren nach Malta zurückkehren, wo er im Fort Sant’Angelo residiert.

Ritterliche Tugenden gestern und heute

Zenit: Woran zeigt sich in moderner Zeit vor dem Hintergrund der langen Tradition die ritterliche Geisteshaltung eines Mitglieds im Malteserorden?

Großhospitalier S.E. Albrecht Freiherr von Boeselager: Den Mitgliedern ist gemeinsam, dass sie sich nach der Lehre des Evangeliums in enger Gemeinschaft mit der Kirche zu Solidarität, Gerechtigkeit und Frieden durch tätige Nächstenliebe und Einsatz für den Glauben berufen und verpflichtet fühlen. Wichtig ist vor allem, dass sie die Bereitschaft zeigen, sich für den Dienst an den Armen und Kranken einsetzen zu wollen. Unser Leitwort lautet entsprechend: „Tuitio Fidei et Obsequium Pauperum” (Bezeugung des Glaubens und Dienst an den Armen). Das lateinische „obsequi“ bedeutet nicht lediglich ein „folgen, sich kümmern“, sondern beinhaltet, dass man sich wahrhaft in den Dienst des anderen stellen will. Die Damen und Ritter des Malteserordens wollen diesen Grundsatz bei ihren freiwilligen Einsätzen im karitativen Bereich bezeugen und leben.

Karitative Arbeit und christliche Werte

Zenit: Die Malteser sind international karitativ tätig. In der Enzyklika „Caritas in Veritate“ schrieb Papst Benedikt XVI.: „Das Gemeinwohl wünschen und sich dafür verwenden ist ein Erfordernis von Gerechtigkeit und Liebe. … Man liebt den Nächsten um so wirkungsvoller, je mehr man sich für ein gemeinsames Gut einsetzt, das auch seinen realen Bedürfnissen entspricht. Jeder Christ ist zu dieser Nächstenliebe aufgerufen, in der Weise seiner Berufung und entsprechend seinen Einflussmöglichkeiten in der Polis.“Wodurch zeichnet sich insbesondere die Arbeit der Malteser aus?

Großhospitalier S.E. Albrecht Freiherr von Boeselager: In dem Zitat werden zwei Aspekte der „Caritas“ deutlich. Zum einen steht – wie auch bei den zahlreichen Hilfsprojekten des Malteserordens – die Wahrnehmung der wahren Nöte der Menschen im Blickpunkt. Hilfe zur Selbsthilfe ist ein Stichwort, denn die Würde des Menschen muß bei allen Hilfsmaßnahmen stets gewahrt bleiben. Der zweite von Papst Benedikt XVI. angesprochene Punkt ist das - auch für unseren Orden charakteristische – ehrenamtliche Engagement. Unsere Mitglieder und Freiwilligen engagieren sich dort, wo oft der Staat allein nicht ausreichende Hilfe leisten kann. Ein solches Engagement ist von grundlegender Bedeutung für eine freie und verantwortungsbereite Gesellschaft.

Der zweite Teil des Interviews folgt morgen, am Dienstag, den 5. März.