„Tut Religion der Psyche gut?“

Bonelli-Vortrag in Heiligenkreuz

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WIEN, 6. Mai 2009 (ZENIT.org).- Eine „kollektive Zwangsneurose“ oder auch „Kindheitsneurose“ war Religion für Sigmund Freud. Sie wäre „Ausdruck des regressiven Wunsches nach dem Schutz eines übermächtigen Vaters“, ihre Lehren „Illusionen, Erfüllungen der ältesten, stärksten, dringendsten Wünsche der Menschheit; das Geheimnis ihrer Stärke ist die Stärke ihrer Wünsche“. Die religiöse Idee eines „Übervaters" ist laut dem Vater der Psychoanalyse „offenkundig infantil" und „wirklichkeitsfremd". Es „ist optimistisch genug anzunehmen, dass die Menschheit diese neurotische Phase überwinden wird, wie so viele Kinder ihre ähnliche Neurose auswachsen“.
 
Für den Wiener Facharzt  Raphael Bonelli ist Sigmund Freud dennoch ein Genie, wenn auch „ein kaltes Genie“, das auf unseriöse Weise seine eigene, aus Ludwig Feuerbach und anderen atheistischen Denkern des 19. Jahrhunderts schöpfende Weltanschauung in seine neu gegründete Wissenschaft einfließen ließ. Bis heute gebe es bei Psychotherapeuten einen Abwehrreflex gegen Religion. Vor rund 300 interessierte Zuhörern erläuterte der Facharzt für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin, der in Wien eine Privatpraxis hat, als erster Vortragender der Tagung Liturgie und Psyche im Stift Heiligenkreuz die Wechselwirkung von Psychoanalyse und Seelsorge.
 
Laut Bonelli beging Freud eine Grenzüberschreitung: „Es ist nicht Aufgabe der Psychotherapie in die Diskussion über die Existenz Gottes einzusteigen.“ Im 19. Jahrhundert habe eine Mechanisierung des Seelenapparats eingesetzt. Denker wie Feuerbach hätten Religion als Krankheit und verstaubtes Relikt aus der grauen Vorzeit angesehen, Theologie galt als „unwissenschaftlich“.
 
Religion wurde unter diesem Gesichtspunkt für Freud zur Neurose. Sie mache neurotisch, weil sie Schuldbewusstsein, Triebverzicht und Denkverbote einhämmere und so zur Unfreiheit führe. Doch die Sache sei nicht so einfach, da bis heute keine einheitliche Meinung über die Ursachen von Neurosen bestehe. Während sie für Freud vorrangig durch Unterdrückung der Sexualität hervorgerufen wurde, sah Alfred Adler in ihr einen Lebensirrtum durch Flucht vor den eigentlichen Aufgaben. Besonders interessant ist aus Bonellis Sicht Fritz Künkels Bestimmung der Neurose als Ichhaftigkeit, Phänomenologisch gesehen seien Neurosen durch Angst gekennzeichnet.
 
Spätere Autoren und Freud-Schüler überwanden bereits Freuds glaubensfeindliche Haltung: „Regungen der menschlichen Seele sind ohne Einbeziehung einer transzendent-religiösen Dimension nicht vollständig zu verstehen, weil jedes Individuum auf Beziehung angewiesen und in die soziale und kosmische Umwelt eingebunden ist“, erklärte etwa Alfred Adler. Und C. G. Jung meinte: „Religion ist unstreitig eine der frühesten und allgemeinsten Äußerungen der menschlichen Seele. Daher kommt jede Art von Psychologie (…) nicht darum herum, wenigstens die Tatsache zu beachten, dass Religion nicht nur ein soziologisches oder historisches Phänomen ist, sondern für eine große Anzahl von Menschen auch eine wichtige persönliche Angelegenheit bedeutet.“ Viktor Frankl sprach sogar vom „unbewussten Gott“ bei jedem Menschen.
 
Dennoch bestätigen Studien, dass bei vielen Therapeuten ein verstärktes Unbehagen im Umgang mit Religiosität bei ihren Klienten vorliegt. Leicht werde sie als irrationaler Aberglaube abgetan, was auf Seiten der Patienten die Zurückhaltung stärkt, aus Angst, nicht ernst genommen zu werden oder als absonderlich angesehen zu werden.
 
Bonelli bemühte sich besonders, eine saubere Abgrenzung von Psychiatrie und Seelsorge vorzunehmen. Bei ersterer gehe es eben um die Psyche und das Wohlbefinden bzw. Glücklichsein des Patienten. Beim Seelsorger steht hingegen die Seele im Vordergrund. Nicht um Befindlichkeit gehe es, sondern um das Seelenheil. Zwischen Seele und Psyche bestehe ein Zusammenhang, freilich kein zwingender: „Moralisches Leben macht nicht immer kurzfristig glücklich“, so Bonelli. Das Wohlbefinden der Psyche werde auch stark vom Körper beeinflusst. „Auslöser für Neurosen sind unter anderem Hirnstoffwechsel. Das hängt ausschließlich mit dem Leib zusammen.“ Eine weitere Ursache könnten Traumata wie KZ-Erfahrungen oder Vergewaltigungen sein.
 
Sind Religionen Auslöser von Neurosen? Laut Bonelli gibt es zweifellos neurotische Erscheinungen von Religiosität. Dazu gehören etwa Fanatismus, Fundamentalismus, Politisierung des Religiösen bis hin zum Terrorismus, ebenso religiöse Manipulation und Sektenbildungen. Doch wie Helmut Hark betont, entstehen solche Vorkommnisse durch Fehlformen der Frömmigkeit. „Damit wird nicht gesagt, dass die Kirche und die Religion krank machen“.
 
Religiöser Fanatismus sei eine Perversion religiöser Begeisterung, die sich gegen Dritte richtet. „Der Fanatiker hasst den Sünder, nicht die Sünde.“ Eine solche Haltung führe zu Verachtung und Intoleranz. Triebfeder sei der eigene Stolz. Bonelli spricht von einem „narzisstischen Ich-Bezug“. Die Haltung sei „psychodynamisch verwandt mit politischem Fanatismus.“ Ein Beispiel für Fundamentalismus und Terrorismus ist die geistliche Anleitung im Gepäck des Anführers der Attentäter vom 11. September, Mohammed Atta: „Zeige keine Anzeichen von Verwirrung und nervlicher Anspannung, sondern sei froh, glücklich, heiter und zuversichtlich, weil du eine Tat ausführst, die Gott liebt und die er gutheißt. Danach wird der Tag kommen, den du mit Gottes Erlaubnis mit den schwarzäugigen Jungfrauen im Paradies verbringen wirst. Und lächle dem Tod ins Gesicht, junger Kämpfer, denn du gehst gleich in die ewigen Gärten’. (…) Du darfst nicht meinen, dass diejenigen, die um Gottes willen getötet worden sind, wirklich tot sind. Sie verdienen den Tod wirklich, sie sind ja Freunde Satans und Feinde Gottes“. Der Wiener Arzt spricht hier von ichhaftem Machtmissbrauch des Namens Gottes für eigene Zwecke.
 
Ebenso nannte er in seinem Vortrag abschreckende Fälle von Sektenbildungen, etwa jenen der Davidianer, die unter ihrem Führer David Koresh, der sich als  „Jesus Christus in sündiger Form“ bezeichnete, Anfang der neunziger Jahre in der Schweiz kollektivem Selbstmord begingen. Ähnlich erschreckend war das Wirkung der „Movement for the Restoration of the Ten Commandments of God”, die im März 2000 hunderte Anhänger während des „Gottesdienstes“ in einer Kirche in Kanungu tötete.
 
„Andererseits hat die Religion unbestritten in allen Weltregionen große Kulturleistungen vollbracht“, so Bonelli. Es gelte das therapeutische Potential der Religiosität wieder zu entdecken. Raphael Bonelli nannte dabei das „Eingebettetsein in einen höheren Sinn“, die Selbsttranszendenz, Gemeinschaftssinn, Verantwortung, Hoffnung und den Umgang mit Schuld.
 
Neben der transzendenten Ausrichtung der Religion betonte der Facharzt für Psychiatrie besonders die Wichtigkeit von „Ordnung“ in der Religion. Das bedeutet: „Sein Leben im Griff haben, sich für das Wichtige immer Zeit nehmen, das nicht ganz so Wichtige zu streichen. Oft gehen uns unsere Launen gegen den Strich. Es hilft uns, wenn wir erkennen, dass wir endliche Wesen sind, die nicht alles erreichen können, was sie wollen. Bescheidenheit. aber gleichzeitig auch Zielstrebigkeit helfen uns dabei, unsere Ziele zu erreichen.“ Gerade ein religiös bestimmter Tagensplan könne zur Überwindung von Launen, Selbstmitleid oder Egoismus führen. „Wir sind für Gott und die Anderen da, nicht für uns selbst!“ Freilich gelte es nicht in Perfektionismus zu verfallen. „Ordnung ist nicht das höchste Gut, nicht Selbstzweck.“
 
Mehrfach zitierte Bonelli den Priester und ehemaligen Psychotherapeuten Johannes Torello, demzufolge der Neurotiker das idealisierte Ich liebe. Das könne im Falle der Religion zu egozentrischem Altruismus führen: „Wie gut bin ich doch, wenn es mich so betrübt, nicht gut zu sein.“ Schuld an den eigenen Fehlern sind immer die anderen, oft eben auch die Kirche oder die Erziehung. „Egozentrik verhindert echtes inneres Wachstum, echte Verinnerlichung, echte Askese, echte Nächstenliebe“, so Bonelli. Voraussetzungen für gesunde Spiritualität sind daher Sachlichkeit, Hingabe und Ordnung.
 
Mittlerweile gebe es mehr als 100 Studien über die Korrelation von Religiosität und Gesundheit, die auch in anerkannten wissenschaftlichen Journalen veröffentlicht wurden. Das Ergebnis: In 72 Prozent aller Fälle wirkt sich Religion positiv auf die Psyche aus, nur bei 16 Prozent wirkt sie negativ, bei 12 Prozent ist kein Zusammenhang erkennbar. Besonders hilfreich sei Religiosität laut wissenschaftlichen Statistiken bei der Bewältigung von Traumata und Sucht.
 
Bonnelli schloss mit einem Zitat von Torello: „Nicht das religiöse Leben schafft Neurotiker, es ist der Neurotiker, der das religiöse Leben verformt“.

Von Stefan Beig