Über das wahre Ziel der Pilgerfahrt zum „Heiligen Antlitz“ von Manoppello

Von Erzbischof Bruno Forte

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ROM, 6. Juli 2007 (ZENIT.org).- Ich möchte drei kurze Überlegungen theologischer Art anstellen. In der ersten geht es um die Plausibilität eines Bildes Christi, das nicht von menschlicher Hand gemalt wurde. Warum hat sich die christliche Überlieferung so sehr für die so genannten „Acheiropoíeta“ – also nicht von der Hand eines Menschen gemalte Bilder – interessiert? Die zweite Überlegung betrifft die Interpretation eines nicht gemalten Bildes – in diesem besonderen Fall das des Heiligen Antlitzes in Manoppello. Die dritte Überlegung bezieht sich auf die Schlussfolgerungen pastoraler und spiritueller Art, die aus diesen Vorgaben gezogen werden können und die für mich als Hirten von unmittelbarem Interesse sind.



Warum es nicht von Menschenhand gemalte Bilder geben darf

In Bezug auf die theologische Plausibilität eines nicht von menschlicher Hand gemalten Bildes möchte ich zunächst die Frage stellen, auf welche Weise entsprechend der biblischen Offenbarung das Göttliche in der Zeit wahrgenommen wird: Wie nimmt der Mensch, nach den Aussagen des Alten und des Neuen Testaments, Gott in der Geschichte wahr? In beiden Testamenten werden vor allem zwei Arten der Wahrnehmung angeführt: das Hören und das Schauen. Wenn man sagt, dass die Welt der Bibel einzig eine Welt des Hörens sei – ausgehend von der objektiven Bedeutung der Einladung zum Hören, die etwa die Formel „Shema Israel Adonai Elohenu Adonai Echad“, „Höre Israel! Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig“ (Dt 6,4) enthält –, dann ist das in Wirklichkeit eine Verkürzung. In der Welt der Bibel hat das Hören fundamentale Bedeutung, weil das Wort im Mittelpunkt steht: Dennoch ist sowohl im Alten wie auch im Neuen Testament das Hören untrennbar mit dem Schauen verbunden.

In den prophetischen Texten des Alten Testaments ist die Verbindung das Wortes „sehen“ mit Begriffen, die sich auf das Hören beziehen, recht verbreitet – zum Beispiel bei den Propheten Ezechiel und Jesaja. Den Höhepunkt dieser Besonderheit finden wir in Vers 1,12 der Offenbarung: Es ist eine großartige Szene; der Seher befindet sich am Tag des Herrn in liturgischem Kontext auf der Insel Patmos und hört ein Rauschen wie von Wassermassen. Er wendet sich also um, um „die Stimme zu schauen“, wie es wörtlich im griechischen Text heißt: „blèpein tén phonén“. „Blèpein“ ist das Verb, das im Griechischen ein „tiefes und andauerndes Schauen“ bezeichnet, ein Beobachten, ein intensives Schauen. Im Ausdruck aus Vers 1,12 der Offenbarung ist der Gegenstand dieses intensiven, beharrlichen, durchdringenden Schauens die Stimme „tén phonén“. Die übliche Übersetzung in die modernen Sprachen – so etwa in der deutschen Bibelübersetzung – lautet: „Ich wandte mich um, weil ich sehen wollte, wer zu mir sprach“.

Diese Übersetzung ist nicht besonders glücklich, da sie die Tatsache ausklammert, dass die biblische Überlieferung uns dazu erzieht, das zu schauen, was wir hören. Das ist der Grund, warum der Psalmist, der die Worte des Herrn gehört hat, das Antlitz Gottes schaut. Es gibt etwas wie das ständige Bedürfnis eines Schauens, das mit dem Hören verbunden wird: Wenn man dann berücksichtigt, dass der Begriff „panim“, Antlitz, im Hebräischen im Plural steht, versteht man, dass so wie das Hören auch das Schauen des Antlitzes Gottes in einem gewissen Sinn niemals abgeschlossen sein wird. Wenn „das“ Antlitz „die“ Antlitze ist, dann stellt sich auch Gott als ein Übermaß von Antlitzen dar, die erforscht werden wollen. Der Plural des Begriffes „panim“ sagt uns, dass die Suche nach dem Antlitz stets andauern wird: Der Art der Wahrnehmung des Göttlichen in der Zeit wird also ein ständiges Hören auf das Wort sein, um beständig und immer tiefer das Antlitz zu schauen, bis zu dem Punkt, der von der theologischen Tradition als das „Schauen des göttlichen Antlitzes in Ewigkeit“ bezeichnet wird.

Es ist also legitim, wenn der Gläubige nicht nur das Wort des Herrn hören möchte, sondern sich gleichzeitig auch die Anschauung des göttlichen Antlitzes wünscht: Welche Antwort gibt der Gott der Bibel auf diesen legitimen Wunsch, das heißt, wie ist die Selbstmitteilung Gottes in der Geschichte strukturiert? Nach dem zweiten Konzil von Nizäa und dem vierten Konzil von Konstantinopel, die der Krise des Bildersturms ein Ende gesetzt haben – also dem Leugnen der Möglichkeit und der Legitimität religiöser Bilder –, stellt Gott diesen Wunsch, die Stimme zu hören, indem sie geschaut wird, auf zweierlei Weise zufrieden. Nach der Formulierung des vierten Konzils von Konstantinopel sind diese: „logos en syllabé – Rede in Silben“ und „graphé en kromasi – Schrift in Farbe“, im Licht. Es gibt also zwei Sprachen des Heiligen, eine verbale Sprache und eine sichtbare Sprache, und das ist für den Glauben der Kirche in der Tatsache begründet, dass „das Leben offenbart wurde“ (vgl. 1 Joh 1,2), dass „das Wort Fleisch geworden ist“ (vgl. Joh 1,14). Wenn das Wort Fleisch geworden ist, kann es uns gestattet sein, Sein Wort nicht nur zu hören, sondern auch in gewisser Weise Sein Antlitz sehen zu wollen.

Das bedeutet, und das ist der dritte Punkt dieser ersten Betrachtung, dass Gott sich selbst immer in begrenzter Form offenbart, ob es sich nun um ein Wort, einen begrenzten Laut, oder um die graphische Form eines Bildes, einer Ikone, handelt, die nicht zufällig als„geschrieben“ und nicht als gemalt bezeichnet wird (daher „Ikonografie“). Auf diese zweifache Weise ist es uns gestattet, in begrenzter Form Gottes Selbstmitteilung an uns in Worten und in Bildern zu suchen. Darum ist es plausibel, dass so, wie sich das Wort ein für allemal in den Worten der Menschen mitgeteilt und in seinem geschichtlichen Antlitz im Fleisch offenbart hat, es sich den Menschen auch in einer nicht nur verbalen, sondern sakramentalen Form zeigen kann und auch – auf ganz und gar unbegründete Weise – durch ein Eingreifen, das sich in der Form des Sichtbaren manifestiert. Ich beziehe mich hier nicht auf die Frage der subjektiven Visionen, die vom theologischen und spirituellen Standpunkt aus äußerst komplex ist und ein strenges Urteilsvermögen erfordert. Vielmehr rechtfertigt das, was ich bislang angeführt habe, die Tatsache, warum es in der christlichen Tradition immer ein großes Verlangen nach nicht von menschlicher Hand gemalten Bildern gegeben hat: Dieses Verlangen ist nichts Unrechtmäßiges in der christlichen Tradition, denn Gott hat es durch die Tatsache begründet, dass er sichtbar und Mensch geworden ist.

Die Schlussfolgerung dieses ersten Punktes ist einfach, aber äußerst wichtig, denn wenn wir theologisch sagen müssten, dass kein „Acheiropoíeton“ existieren kann, dann müssten wir eine Untersuchung in diesem Bereich von vornherein ausschließen: Die Schlussfolgerung, zu der wir gelangt sind, ist jedoch die, dass Gott dann, wenn er sich sowohl verbal als auch sichtbar, „in figuris“, offenbaren will, wir nicht ausschließen können, dass er uns Spuren Seiner sichtbaren Offenbarung hinterlassen hat, die von Seinem „Sich-gegenwärtig-machen“ in der Geschichte herrühren. Natürlich sind diese Spuren umso beredter, je näher sie an ihrem Ursprung sind: Daher wird kein Bild die Kraft der Begegnung mit dem Wort im Fleisch so deutlich wiedergeben wie die heiligen Stätten, auf die Jesus seinen Fuß gesetzt hat. Ich denke an das Haus Petri in Kafarnaum oder an den Weg, der an der westlichen Tempelseite entlang führt, wertvolle Orte, da sie die Spuren einer Gegenwart enthalten, die dort gewesen ist.

Was uns das Heilige Antlitz von Manoppello sagt

Wie soll man ein Bild und vor allem ein nicht von menschlicher Hand gemaltes Bild interpretieren? Wenn Gott sich in Worten mitteilt und sich in einer „farbigen Schrift“ offenbart, muss man diese Schrift so lesen, wie man das Wort interpretiert. Das ist Teil der jüdisch-christlichen Tradition. Das Judentum und das Christentum sind Religionen der Interpretation, im Gegensatz zum Islam, der die Interpretation aus Prinzip ablehnt. Die Hermeneutik, das heißt die Wissenschaft der Interpretation, entsteht innerhalb der jüdisch-christlichen biblischen und theologischen Tradition, weil Gott sich mitgeteilt hat, sich in dieser Mitteilung aber nicht vollkommen entdeckt hat: Folglich müssen wir stets über das hinausgehen, was Er uns von Sich gesagt oder von Sich zu sehen gegeben hat, wir müssen in den Abgründen forschen, in die Tiefe gehen.

Also versuche ich, das Bild des Antlitzes von Manoppello theologisch zu lesen, indem ich einige Elemente als möglich ansehe – natürlich nicht auf absolute Weise bestätigt, da wir uns in einem Bereich befinden, in dem die mathematische Gewissheit nicht angewendet werden kann, sondern in dem die moralische Gewissheit ausreicht. Was sagt uns die Schrift dieses Antlitzes? Meiner Meinung nach sagt sie uns drei grundlegende Dinge.

Zunächst wird auf eindringliche Weise der historische Gegenstand unseres Glaubens hervorgehoben. Wir glauben nicht an einen Mythos, wir glauben an eine historische Offenbarung, die durch einen Menschen erfolgt ist, den wir als den Sohn Gottes erkennen, sichtbar, tastbar, der berührt, gesehen, gehört worden ist, der Worte gesprochen hat. Nun, das kommt in diesem Antlitz ganz deutlich zum Ausdruck, ein menschliches Antlitz, das hervorhebt, dass der Gegenstand der erfüllten Offenbarung der Sohn Gottes im Fleisch, Jesus, gewesen ist.

Zweitens offenbart sich dieser Jesus in diesem Antlitz mit den beiden fundamentalen Eigenschaften „passus et glorificatus“. Das Antlitz trägt die Spuren des Leidens, doch gleichzeitig geht ein Strahlen von ihm aus, der Sieg des Lichtes über die Finsternis: während es uns an die Geschichtlichkeit des Leidens erinnert, erinnert es uns auch an die Geschichtlichkeit des ursprünglichen Zeugnisses über die Bezwingung des Todes. Im Antlitz von Manoppello ist die Dimension des Verherrlichten stärker wahrnehmbar als im Turiner Grabtuch. Das Turiner Grabtuch vermittelt viel stärker den Eindruck des „Christus Passus“: In Manoppello kann man die paradoxe Einheit des „Passus et Glorificatus“ wahrnehmen, die übrigens in der gesamten christlichen Ikonografie ein Thema ist. Der auferstandene Christus wird ganz häufig mit den Wunden der Passion dargestellt. Wir sehen uns also der paradoxen Vereinigung von Tod und Auferstehung gegenüber.

Der dritte Hinweis, den das Bild uns gibt, besteht darin, dass nicht nur der „Passus et Glorificatus“ dargestellt wird, sondern auch der „Patiens et Glorificans“. Das heißt, der, den wir auf diesem Bild sehen, ist der, der in gewisser Weise leidet, der aber auch den Schmerz besiegt. Er teilt uns den Sieg über den Schmerz und über den Tod mit: Die Partizipien stehen nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch in der Gegenwart. Die Erfahrung der Interpretation dieses Bildes ist also nicht nur „in illo tempore“, sondern sie ist auch „hodie et sempre“ lebendig: Als ob sowohl das Ereignis der Passion als auch das Ereignis der Auferstehung in Ewigkeit festgehalten sei. Andererseits sagt das geopferte Lamm in der Offenbarung genau dasselbe: Die wertvollste biblische Quelle, um dieses Antlitz zu lesen, ist also nicht nur Joh 20,6-7 („Da kam auch Simon Petrus... Er sah die Leinenbinden liegen und das Schweißtuch...“), sondern auch die Offenbarung mit dem Bild des geschlachteten Lammes, des „Christus Passus et Glorificatus“, der gleichzeitig „Patiens et Glorificans“ ist.

Es ist wichtig, die Geschichtlichkeit dieses Zeugnisses zu erforschen. Es ist wichtig, dass sich zwei Arten der Methodologie treffen: die Methodologie der Geisteswissenschaften und die der Naturwissenschaften. Man muss historisch rekonstruieren, wie dieses Bild hierher gekommen ist, um folgende zwei Fragen zu beantworten: Handelt es sich hier um das Bild, das sich bis zu Beginn des sechzehnten Jahrhunderts in Rom befand und als die „römische Veronika“ bezeichnet wurde? Und wenn dies das Bild ist, das im Jahr 705 nach Rom gekommen ist, ist es dann das gleiche Bild, das auf dem „Schweißtuch“ abgebildet ist, von dem Johannes spricht (20,7), das dann in Kamulia in Kappadokien war? Was diese Fragen anbelangt, können sich die Erklärungen nur auf die Traditionsgeschichte beziehen.

Neben dieser Art von Erklärungen gibt es jedoch Untersuchungen, die darauf ausgerichtet sind, den gegebenen Gegenstand zu überprüfen: Aus welchem Material ist das Bild, dem wir uns gegenübersehen? Die Behauptung, dass es aus Muschelseide ist, ist eine interessante, jedoch wie mir scheint noch nicht hundertprozentig bewiesene Behauptung. Und dann: Wie ist das Bild auf dieses Material übertragen worden? Es ist nicht eingewebt, es ist nicht aufgemalt. Könnte es eine Art Fotodruck sein?

Das sind Fragen, für deren Beantwortung die wissenschaftlichen Methoden von Bedeutung sind.Man kann nichts als selbst- verständlich voraussetzen, wenn man ernsthafte Forschung betreibt. Nachdem alles dies gesagt ist, sind jedoch einige grundlegende Schlussfolgerungen pastoraler und spiritueller Art zu ziehen.

Zulassen, dass Sein Antlitz sich uns einprägt

Erstens: wenn man bei der Betrachtung dieses Bildes Schauen und Hören nicht voneinander trennen darf, muss die Lektüre dieses Bildes von der Lektüre der biblischen Texte, besonders der Offenbarung, begleitet werden. In dieser Richtung wird man arbeiten müssen: das Bild mit der Hilfe zu untersuchen, die das Wort Gottes uns zukommen lässt. Zweitens muss man lernen, so vor diesem Bild zu stehen, wie Papst Benedikt XVI. es in der Rede während seiner Pilgerfahrt am 1. September 2006 empfohlen hat: wie unter dem barmherzigen Blick des Herrn, das heißt in der Erfahrung des kontemplativen Schweigens vor dem Wort. Das Bild von Manoppello kann dazu erziehen, das Schweigen Gottes zu hören, das nicht das stumme Schweigen dessen ist, der nicht sprechen kann, sondern das Schweigen dessen, der in einer Sprache spricht, die nicht aus Worten besteht. Sich anschauen lassen können, dem barmherzigen Blick Jesu die Sünde der Welt und die Erwartungen der Menschheit zu unterbreiten und zuzulassen, dass Sein Antlitz sich uns einprägt, ist das, was am meisten zählt.

Wozu würde es nutzen, das Antlitz zu betrachten, es auf verschiedenste Weise zu untersuchen, wenn all das nicht zu einer tieferen Vereinigung mit Christus führen würde? Er ist nicht gekommen, um sich als äußeres Bild für uns abbilden zu lassen, sondern um in uns zu leben, wie Paulus im Brief an die Galater (2,20) sagt: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“. Die große geistige Frucht, die wir erbitten müssen, ist also nicht das äußere Abbild, sondern Sein Abbild in uns, das heißt, dass Christus durch den Glauben in unseren Herzen wohnt.

Das ist es, worum sich die Kapuzinerbrüder hier in diesem Heiligtum mit dem Dienst des Wortes, der Versöhnung, der Sakramente bemühen und das ist es, was mir als Bischof am meisten am Herzen liegt. Dass die Basilika des Heiligen Antlitzes ein Ort der Heiligkeit sein möge, ein Ort wo sich uns das Bild Christi einschreibt. Alles ist Vorbereitung, ist Hilfe, die mit größtem wissenschaftlichem Ernst angeboten wird. Doch worum wir uns bemühen müssen, ist, dass diese Begegnung stattfindet, dass also der verliebte Blick, mit dem der Gläubige sich von Christus betrachten lässt, das Geschenk Seiner Barmherzigkeit vermitteln möge. Betrachtung und Begutachtung bewegen sich also an der Grenze zwischen großer Demut und ernsthafter Berücksichtigung der Untersuchungen sowohl historischer als auch wissenschaftlicher Art, allerdings mit dem Ziel, die theologisch-spirituellen Schlussfolgerungen zu stützen, von denen ich gesprochen habe und die das wahre Ziel der Pilgerfahrt zum Heiligen Antlitz in Manoppello sind.

[Bruno Forte ist ein bedeutender Theologe und Erzbischof von Chieti-Vasto; © Vatican magazin, Heft 5 – 2007]