Über den Christushymnus aus dem Philipperbrief

Die Liebe Christi ist ein großer Trost, bedeutet aber zugleich eine große Verantwortung

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ROM, 28. Oktober 2005 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Betrachtung, die Papst Benedikt XVI. am Mittwoch bei der Generalaudienz vortrug. Vor rund 50.000 Gläubigen ging der Heilige Vater auf den Christushymnus aus dem Brief des heiligen Paulus an die Philipper 2, 6-11 ein und erklärte unter anderem, dass die Menschheit und die ganze Schöpfung Jesus Christus deshalb anbete, weil er einerseits ganz Mensch wurde und sich erniedrigte \"bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz\", andererseits aber auch vollkommener Gott ist.



Allen Gläubigen empfahl der Heilige Vater: \"Bemüht euch darum, so gesinnt zu sein, wie Jesus es war. Gleicht eure Art zu denken, zu entscheiden und zu handeln der Gesinnung Jesu an. Diesen Weg wollen wir beschreiten, wenn wir unsere Gesinnung tatsächlich der Gesinnung Jesu angleichen wollen. Diesen guten Weg wollen wir gehen.\"

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Er war Gott gleich,
hielt aber nicht daran fest, wie Gott zu sein,
sondern er entäußerte sich
und wurde wie ein Sklave
und den Menschen gleich.

Sein Leben war das eines Menschen;
er erniedrigte sich
und war gehorsam bis zum Tod,
bis zum Tod am Kreuz.

Darum hat ihn Gott über alle erhöht
und ihm den Namen verliehen,
der größer ist als alle Namen,
damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde
ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu
und jeder Mund bekennt:
\"Jesus Christus ist der Herr\" – zur Ehre Gottes, des Vaters.



1. Erneut haben wir heute den so wunderbaren und aussagekräftigen Christus-Hymnus aus dem Brief des heiligen Paulus an die Philipper (2,6-11) gehört, den uns die Vesperliturgie mit ihren verschiedenen Psalmen und Cantica vorlegt.

Schon in der Vergangenheit haben wir betont, dass in diesem Text von einer zweifachen Bewegung die Rede ist: einer absteigenden und einer aufsteigenden. Die erste handelt von Jesus Christus, der sich dazu entschließt, vom göttlichen Glanz, der ihm von Natur aus gegeben ist, abzusehen, um sich erniedrigen zu lassen \"bis zum Tod am Kreuz\". Dadurch gibt er sich uns als wahrer Mensch und unser Erlöser zu erkennen, der tatsächlich und auf vollkommene Weise an unserer irdischen Realität des Leidens und des Todes teilnimmt.

2. Die zweite, aufsteigende Bewegung offenbart uns Christus in der österlichen Herrlichkeit, die ihn nach seinem Tod wieder im Glanz seiner göttlichen Majestät zeigt.

Der Vater, der den Akt des Gehorsams des Sohnes in der Inkarnation und der Passion angenommen hat, \"erhöht\" diesen nun \"über alle\", wie es im griechischen Text heißt. Diese Erhöhung kommt nicht nur durch die Inthronisation Christi zur Rechten Gottes zum Ausdruck, sondern auch durch die Verleihung des Namens, \"der größer ist als alle Namen\" (Vers 9).

In der biblischen Sprache verweist der \"Name\" auf das wahre Wesen sowie die spezifische Funktion des Menschen und offenbart seine tiefe, hintergründige Wirklichkeit. Dem Sohn, der sich aus Liebe bis zum Tod erniedrigen wollte, überträgt der Vater eine unvergleichliche Würde: den erhabensten \"Namen\", den Namen des \"Herrn\", der eigentlich nur Gott selbst gebührt.

3. Das Glaubensbekenntnis, das alle \"im Himmel, auf der Erde und unter der Erde\" einstimmig anstimmen und dabei ihre Knie in Anbetung beugen, ist klar und deutlich: \"Jesus Christus ist der Herr\" (Vers 11). Auf Griechisch wird erklärt, dass Jesus \"Kyrios\" genannt wird. Dabei handelt es sich mit Sicherheit um einen Königstitel, der sich in der griechischen Übersetzung der Heiligen Schrift auf jenen Namen Gottes bezieht, der Moses offenbart wurde, auf einen heiligen und unaussprechlichen Namen.

Auf der einen Seite wird uns also gezeigt, wie die universelle Herrschaft Jesu Christi anerkannt wird: Die ganze Schöpfung liegt ihm zu Füßen und erweist ihm ihre Ehrerbietung. Auf der anderen Seite wird durch das Ausrufen des Glaubensbekenntnisses sichtbar, dass Christus die göttliche Form oder Wesenheit innewohnt. Das ist auch der Grund, weshalb er anbetungswürdig ist.

4. In diesem Hymnus wird zuerst ein Bezug zur Torheit des Kreuzes (vgl. Kor 1, 23) hergestellt und erst danach einer zur echten Menschlichkeit des Fleisch gewordenen Wortes (vgl. Joh 1,14). Der Höhepunkt ist das Ereignis der Auferstehung. Auf den Opfergehorsam des Sohnes folgt die verherrlichende Antwort des Vaters, der sich mit der anbetenden Menschheit und Schöpfung vereint. Die Einzigartigkeit Christi folgt aus seiner \"Funktion\": Er ist Herr der erlösten Welt, die ihm aufgrund seines vollkommenen Gehorsams \"bis zum Tod\" übereignet wurde. Der Heilsplan findet erst im Sohn seine volle Erfüllung, und die Gläubigen sind – vor allem in der Liturgie – dazu eingeladen, dies zu verkünden und aus der Erlösung heraus zu leben.

Das ist das Ziel, zu dem uns der Christus-Hymnus hinführt, der in der Kirche seit Jahrhunderten meditiert, gesungen und als Richtschnur für das eigene Leben herangezogen wird: \"Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht\" (Phil 2, 5).

5. Nun wollen wir uns der Betrachtung zuwenden, die der heilige Gregor von Nazianz in seiner großen Weisheit über unseren Hymnus verfasst hat. In einem Gedicht zu Ehren Christi erklärt dieser große Kirchenlehrer aus dem vierten Jahrhundert, dass Jesus Christus \"keinen einzigen grundlegenden Bestandteil seiner göttlichen Natur\" abgelegt habe \"und mich dennoch rettet wie ein Heiler, der sich über die übel riechenden Wunden beugt... Er war vom Stamme Davids, aber auch der Schöpfer Adams. Er war aus Fleisch, aber der Leib war ihm fremd. Er wurde von einer Mutter geboren, aber diese Mutter war eine Jungfrau. Er wurde beschnitten und war zugleich unermesslich. Und er wurde in eine Krippe gelegt, aber ein Stern führte die Heiligen Drei Könige zu ihm, und sie brachten ihm Geschenke und beugten vor ihm die Knie. Als sterblicher Mensch führte er einen Kampf mit dem Teufel, aber als der Unbesiegbare, der er war, bezwang er den Versucher mit einem dreifachen Gefecht… Er war Opfer, aber zugleich auch der oberste Hohepriester; die Opfergabe und dennoch Gott. Er brachte Gott sein Blut dar und reinigte so die ganze Welt. Ein Kreuz erhöhte ihn von der Erde, aber Nägel durchbohrten die Sünde... Er stieg zu den Toten hinab, um aufzuerstehen und viele Menschen zur Auferstehung zu führen, die tot waren. Das erste Ereignis ist eines von menschlichem Elend, das zweite aber zeigt den Reichtum des immateriellen Seins... Der unsterbliche Sohn nahm diese irdische Gestalt an, weil er dich liebt\" (Carmina Arcana, 2: \"Collana de Testi Patristici\" [Textsammlung der Kirchenväter] LVIII, Rom 1986, 236-238).

[Anschließend sagte der Heilige Vater in freier Rede:]

Am Ende dieser Betrachtung möchte ich zwei Sätze aufgreifen, die uns helfen können. Zuallererst diesen Rat des heiligen Paulus: \"Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht\" (Phil 2, 5). Bemüht euch darum, so gesinnt zu sein, wie Jesus es war. Gleicht eure Art zu denken, zu entscheiden und zu handeln der Gesinnung Jesu an. Auf diesem Weg wollen wir wandeln, wenn wir unsere Gesinnung tatsächlich der Gesinnung Jesu angleichen wollen. Diesen guten Weg wollen wir gehen.

Der andere Satz stammt vom heiligen Gregor von Nazianz: \"Er, Jesus, liebt dich.\" Dieses zärtliche Wort ist an jedem neuen Tag ein großer Trost für uns, zugleich aber auch eine große Verantwortung.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals. Zu den deutschsprachigen Pilgern sagte Benedikt XVI.]

Liebe Brüder und Schwestern!

In zwei gegenläufigen Bewegungen offenbart sich uns Christus als der Erlöser: In der Erniedrigung seines Kreuzestods nimmt er die menschliche Wirklichkeit bis zur äußersten Konsequenz des Leidens an. In seinem Aufstieg als Sieger über den Tod erscheint die Strahlkraft seiner göttlichen Natur. Der Christushymnus des Philipperbriefes, der uns zu Beginn vorgetragen wurde, verbindet diese beiden Akkorde zu einem großartigen Lied. Der himmlische Vater lohnt den Gehorsam seines Sohnes, der sich aus Liebe für die Menschen hingab, mit seiner Erhöhung über die ganze Schöpfung. Er verleiht ihm einen \"Namen, der größer ist als alle Namen\" (Phil 2, 9). Dieser Name sagt aus, wer Jesus ist: \"Jesus Christus ist der Herr\" (Vers 11). Dieser Name ist für uns Christen allezeit Grund zur Anbetung und zum frohen Bekenntnis in der Gemeinschaft der Erlösten, der Kirche, die einstimmt in den ewigen Lobpreis der Schöpfung.

Von Herzen heiße ich die Pilger und Besucher aus den Ländern deutscher Sprache willkommen. Ein ganz besonderer Gruß gilt heute den Wallfahrern des Malteser Hospitaldienstes aus Österreich sowie einer Delegation des Bayerischen Pilgerbüros, das heuer sein 80-jähriges Bestehen feiert. Christus kennt die Sorgen und Leiden der Menschheit. Er ist und bleibt der Sieger über Sünde und Tod. Ihm wollen wir danken; Ihn wollen wir freudig vor aller Welt bekennen. Gottes Geist gebe euch dazu Mut und stets glaubensfrohe Hoffnung!