Über die Abtreibung noch immer ungenügend informiert

P. Ivan Fuček SJ, emeritierter Professor an der Gregoriana in Rom

Rom, (ZENIT.org) P. Ivan Fuček SJ | 592 klicks

Sie haben über die Frage der Übervölkerung geschrieben, nun denke ich, dass man dieses Problem besser mit der Frage der Abtreibung verbinden soll, denn es gibt noch immer solche,  die meinen, dass es auf der Welt zu viele Menschen geben wird. Deshalb sind Abtreibung, Kontrazeption und andere Mittel zur Verhinderung von Geburten und zur Familienplanung willkommen. Leider unterscheiden wir uns Katholiken in dieser Hinsicht nicht von den anderen.

Sie haben auch vom Beginn der Verleihung der Gesetzeskraft der Abtreibung auf der Welt gesprochen, und Sie haben, wieviel ich weiß, als Beispiel die Sowjetunion angeführt, die als erstes Land, mit der schrecklichen Vernichtung ungeborener Kinder, begonnen hat. Das sollte also das rote teuflische Erbe sein, das der Genosse Lenjin an die ganze Menschheit übergeben hat. Es ist fast unglaublich, wie schnell die ganze Welt in die kommunistische teuflische Falle geraten ist.

Sie haben mehrere Male gute Anweisungen über das Referendum gegen Abtreibung gegeben. Mir scheint es, dass manche das nicht verstanden haben.

Ich komme aus einer größeren Familie. Wir waren drei Brüder und zwei Schwestern. Von den Brüdern bin ich allein übrig geblieben. Zwei hat der Krieg weggenommen. Den Eltern tut es jetzt leid, nicht mehr Kinder geboren zu haben.

R. V., Student

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Danke für diese Fragen. Ich sehe, dass manche Dinge wiederholt und andere dazugegeben werden müssen. Du hast ausschließlich gesellschaftlich-politische Probleme berührt. Nun gut. Gehen wir der Reihe nach.

Gibt es tatsächlich zu viele Menschen auf der Welt?

Es handelt sich um die Frage der Demographie, genauer, um das Problem der Über- völkerung auf unserem Planeten. Laut Malthus, dem anglikanischen Pastor und Ökonomisten (1766-1834), beziehungsweise seiner veralteten nichtwissenschaftlichen Hypothese: „Wir sind und wir werden zu viele auf der Welt sein: wir werden verhungern“. Kennen wir genau dieses beängstigende Phänomen? Die veraltete apriore Rechnung von Malthus aus dem Jahr 1798, konstruiert zunächst auf unbegründeter Angst vor zu dichter Bevölkerung auf unserem Planeten, wird ständig unwissenschaftlich wiederholt. Für viele ist diese Behauptung eine willkommene Sache, die sie von der Last der Geburt der Kinder befreit, so dass sie heute noch immer im Schulprogramm zu finden ist, obwohl sie schon lange keinen Bestand mehr hat. 

Die Menschheit sollte, nach Malthus, nach geometrischer Progression von 1, 2, 4, 8, 16, 32, 64, 128, 256, 512 usw. wachsen, und die Mittel zum Überleben mit arithmetischen Progression von 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 usw. In zwei und ein Viertel Jahrhunderten wäre das Verhältnis zwischen Bevölkerungswachstum und Lebensmitteln 512 zu 10. Mit anderen Worten, Bevölkerungsdichte von einer Milliarde im Jahre 1798, zum Zeitpunkt der Erscheinung des Buches von Malthus über Population (genau: eine Milliarde wäre es im Jahre 1804), wird, nach Malthus, mit folgender Progression wachsen: zwei Milliarden im Jahre 1823,  vier Milliarden 1848, acht Milliarden 1873, und im Jahre 1998 256 Milliarden. In der Zwischenzeit würden die Lebensmittel nur von 2 bis 9 wachsen. Aber das Leben selbst hat diese apriore Rechnung umgekippt: in Wirklichkeit wuchs die Zahl der Weltbevölkerung folgendermaßen: zwei Milliarden im Jahre 1927, drei Milliarden 1960, vier Milliarden 1974, fünf Milliarden 1987 und sechs Milliarden 1999.

Was die Produktion der Lebensmittel betrifft, erwähnen wir nur zwei Tatsachen. Seit dem Jahr 1970 zwingen die großen Industrienationen ihre Landwirte, die Produktion einzuschränken und zu drosseln, weil eine Überproduktion herrscht. Die Schlussfolgerung von Malthus, total unwissenschaftlich auf seiner subjektiven Mathematik konstruiert, hat sich als vollkommen falsch erwiesen: heute sollte es auf der Welt 256 Milliarden Menschen geben, und in Wirklichkeit gibt es kaum 6 Milliarden. Wir hätten schon alle verhungern müssen. Außerdem, nach der Forschung einer japanischen Kommission für Ernährung, gibt es zur Zeit,  auf unserem Planeten genügend Mittel zum Leben, und zwar für etwa 57, und nicht nur für 6 Milliarden Menschen, ohne dass die Wissenschaft  nach neun  Nahrungsquellen suchen müsste. Das Bevölkerungswachstum ist keine Mathematik.

Obwohl die Hypothese von Malthus wirklich falsch und veraltert ist, macht sie, sage ich,  heute noch allen, die nicht eingewiesen sind, Angst und Bange. Sie macht Angst auch denen, die ihre Kenntnisse auf den Tendenzen der Weltpropaganda fundieren, genauer gesagt, es handelt sich um die Interessen der Nordamerikanischen-Freimaurerei, mit dem neuen „anti life“ Programm (Kontrazeption, Sterilisation, Abtreibung), wofür planmäßig große Geldmengen von mehreren Milliarden Dollar (!) verwendet werden, und zwar für arme „übervölkerte Länder“, wie während der Konferenzen in Kairo (1994) und in Peking (1996) betont wurde. Leider, gibt es keine globalen weltweiten Maßnahmen - eine ernsthafte Familien- und Sozialpolitik, Programme kultureller Entwicklung und einer gerechten Produktion und Verteilung der Ressourcen -, während weiter eine geburtenfeindliche Politik betrieben wird: „Empfängnisverhütung, Sterilisation und Abtreibung müssen gewiss zu den Ursachen gezählt werden, die zum Zustand des starken Geburtenrückganges beitragen und ihn wesentlich bestimmen“. Dieses Programm hat Papst Johannes Paul II. genau in der Enzyklika Evangelium vitae (Nr. 16) definiert.

Wir befinden uns an der Schwelle eines neuen Rassismus und eines bis jetzt noch nicht bekannten planetaren Totalitarismus, viel schlimmer und gefährlicher als die überlebten totalitären Systeme unseres Jahrhunderts: National-Sozialismus, Faschismus, Kommunismus.

Sogar sprechen die Wissenschaftler von einem „sterminio“ - Bevölkerungsvernichtung, vom Genozid schlimmster Art, während zur gleichen Zeit aus dem Munde der gleichen Politiker - der Planer der Weltnatalität - ununterbrochen Deklamationen über „Menschenrechte“ zu hören sind, und dauernder Druck auf die ärmeren und schwächeren Völker ausgeübt wird, was auch wir in Kroatien sehr zu spüren bekommen haben. Deswegen setzt der Papst fort: „Der alte Pharao, der die Anwesenheit der Söhne Israels und ihre Vermehrung als Alptraum empfand, setzte sie jeder nur möglichen Unterdrückung aus und befahl, jedes männliche Neugeborene der jüdischen Frauen zu töten (vgl. Ex 1, 7-22). Genauso verhalten sich heutzutage viele Mächtige der Erde“.

Verschiedene Kalkulationen der Soziologen der letzten Jahrzehnte sind umgekippt worden, die behauptet hatten, dass es im Jahre 2000 etwa 10 Milliarden Menschen auf der Welt geben  werde. Die Vereinten Nationen (World Population Prospects), korrigierten diese Zahlen, und sie meinen, dass es im Jahre 2025  8,5 Milliarden; 2050 etwa 9,7 Milliarden; und 2100 etwa 12 Milliarden Menschen auf der Welt geben wird. Wo kommen diese drastischen Veränderungen der Zahlen im Vergleich mit der Rechnung von Malthus her? Auch diese Prognosen garantieren keine Gewissheit. Außer anderen Gründen, erwähnen wir, dass in der Ersten Welt, „in den reichen und entwickelten Ländern ein ständiger besorgniserregender Geburtenrückgang notiert wird“, worauf auch der Papst im gleichen Schreiben, Evangelium vitae, aufmerksam macht. Von diesem Lehrsatz muss man viel lernen und sich definitiv von lügnerischen unwissenschaftlichen Phantomen und falschen Göttern befreien. Politiker unterdrücken arme Völker, weil sie befürchten, dass die kinderreichen und ärmeren Völker eine „Bedrohung für ihren Wohlstand und die Sicherheit ihrer Länder darstellen. Statt diese schwerwiegenden Probleme aufzugreifen und sie unter Achtung der Würde der einzelnen und der Familien und des unantastbaren Rechtes jedes Menschen auf Leben zu lösen, fördern sie daher lieber eine massive Geburtenplanung und setzen sie mit jeglichem Mittel durch. Selbst die Wirtschaftshilfen, die zu leisten sie bereit wären, werden ungerechterweise von der Annahme einer geburtenfeindlichen Politik abhängig gemacht“, so der gleiche Johannes Paul II. in seinem Schreiben, wenn er über Drohungen und Angriffe auf Leben im Rahmen des demographischen Problems spricht.

Wer und wann hat begonnen, Abtreibung gesetzlich einzuführen?

Wir müssen nicht weit in die Vergangenheit zurückgehen. Noch bis gestern betrachteten alle zivilisierten Länder in der Welt Abtreibung als schweres Verbrechen gegen Naturgesetz (und die Katholiken auch gegen das göttliche Gesetz), genauer als Mord, der schwerst bestraft werden musste. Bei vielen war Todesstrafe dafür vorgesehen. Österreich hat als erstes Land 1787 die Todesstrafe aufgehoben. Französische Revolution 1791 sah für Abtreibung eine Strafe von 20 Jahren Gefängnis vor. In einigen Ländern galt für Abtreibung eine lebenslängliche Freiheitsstrafe, wie beispielsweise in England bis nach dem Zweiten Weltkrieg 1948.

Wendung kam nach der Roten Revolution in der Sowjetunion, noch während der schweren Kriege, die Lenjin führte. Abtreibung wurde legalisiert mit dem Dekret des Kommissars für Gesundheit und Gerechtigkeit vom 18. November 1920. Die Hauptmotivation dafür war es, so scheint es, die Befreiung der sowjetischen Frau und ihre Gleichberechtigung mit dem Manne. Dieses Gesetz bleibt unverändert bis zur famosen Staljins Verfassung 1936, nach der verschiedene Gesetze herausgegeben wurden, auch restriktive. Das Lenjins Gesetz diente als Modell den Vereinigten Staaten von Amerika, später sogar dem England und verschiedenen Bewegungen: den Sozialisten, den Feministen, den Freimaurern.

Das erste industrialisierte Land, das die „eugenische Abtreibung“ legalisierte, war Japan 1948, mit Modalitäten von 1952. In den fünfziger Jahren folgen einige europäische Staaten mit Kanada nach. Etwas später, d.h. in den sechziger und den siebziger Jahren, führen die Abtreibung andere westliche Staaten ein. Die Wendung kam plötzlich. Heute ereignen sich auf unserem Planeten etwa 40 Millionen Abtreibungen, wovon etwa 24 Millionen auf so genannte „legale“ abfallen, und was sagen wir dazu, wenn „ilegale“ und diejenigen, die durch Spirale und abortive Pillen, besonders mit der Pille RU 486 ausgeführt werden, dazugezählt werden? Nach dem Werk der Britischen Enzyklopädie (Book of the Year 1996), auf die Bevölkerung von drei Milliarden in einundsechzig Ländern, gab es 23 Millionen Abtreibungen mehr als Todesfälle im Jahre 1996, d.h. 6,86 auf tausend Einwohner. Russland führt mit 41,34 auf tausend, Frankreich mit 2,77, Philippinen mit 0,33.

Wir sind Zeugen einer völligen Verdrehung der Werte. Was Jahrhunderte lang in allen Kulturen der Welt als Kriterium galt, d.h., dass das zivile Gesetz auf dem Naturgesetz begründet war, indem das römische Recht bis heute als Vorreiter galt und alle menschlichen, wie zivilen Rechte dem empfangenem, noch nicht geborenen Kind, zuerkannte, wurde in wenigen Jahrzehnten umgeworfen, sogar in dem Maße, dass ein ungeborenes Kind keinerlei Rechte mehr besitzt, und Tötung oder Abtreibung zum „Zivilrecht“ wurde, das im staatlichen Gesetz seinen Schutz findet. Ein solches unglaubliches Gesetz wird auf dem Kriterium des Konsenses oder „Übereinstimmung der Mehrheit der Bürger“ beschlossen. Das Kriterium verlagerte sich also vom Objektiven auf das Relative oder Subjektive, was kein Verhältnis zur objektiven humanen Ethik hat, um von der religiösen Moral gar nicht zu sprechen. Solches Kriterium steht im Grunde ganz im Widerspruch mit der Natur- oder philosophischen Ethik. 

„Mehrheitsmeinung“ hat keine solide Grundlage und kann manipuliert und ideologisiert werden, heute so, morgen so, gerade nach dem Willen der „Mehrheit“ die in der Regel in der Sache nicht qualifiziert ist: den meisten fehlt es an rechten wissenschaftlichen Kenntnissen über den Gegenstand. Viele Menschen wissen nicht, worum es geht, es fehlt ihnen das genaue Wissen darüber, in welchem Augenblick das menschliche Leben, die menschliche Person entsteht.

Es besteht kein Zweifel, dass auf diese verdrehte, jetzt schon allgemeingültige Mentalität, einige besonders wichtige Faktoren Einfluss hatten: - Verfall der religiösen Fruchtbarkeits- bedeutung; - Verfall der gesellschaftlichen Werte der mütterlichen Rolle der Frau; - neue Situation der Familie, besonders der Frau, zu Hause und darüber hinaus, mit verbreitetem Mangel der Liebe der Frau für Familienaufgaben: Kinder bedeuten nicht mehr Freude und Segen, sondern Last und Hindernis für Freiheit, Leichtigkeit und Genuss. So kam es zur Wendung der gesellschaftlichen Wertung der Abtreibung, die innerhalb von kurzer Zeit den Weg von der kriminellen Handlung bis zum „gesellschaftlichen Recht“  zurücklegte. Das „Recht“, das fast in der Regel, wie wir bereits sagten, auf unqualifizierten Mehrheitsverhältnissen basiert.

Es ist nicht notwendig zu sagen, dass dieser Werteumschwung eine völlig säkularisierte Welt und laizistische Gesellschaft geschaffen hat, dass er den Menschen völlig entleert und beraubt hat, dass er eine irdische materialistische Zivilisation geschaffen hat, dem einzelnen absolute Autonomie gegeben, individualistische Ethik ohne Norm gestärkt, den Menschen in das egoistische und hedonistische „Glück“ gestürzt hat, genauer, in die „Kultur des Todes“, wie schon oft Johannes Paul II. betont hatte, und mit ihm auch verschiedene Wissenschaftler, unter ihnen viele Akademiker. 

Was das Referendum gegen die Abtreibung betrifft?

Denen, die nicht verstehen worum es geht, möchte ich nur einen einzigen Satz sagen, den ich im Boten SIM, Nr. 11, 1998, S. 328 veröffentlicht habe: „Das Referendum gegen die Abtreibung hat zum Ziel, durch die Entscheidung des Volkes, das ungerechte staatliche Gesetz umzukippen, das im Widerspruch mit dem Naturgesetz und mit dem Gesetz Gottes steht, wodurch der Gesetzgeber gezwungen wird, rechtlich die Abtreibung zu verbieten und zu bestrafen.“

(Quelle: Ivan FUČEK, Moral-Geistliches Leben, Band Eins: Person - Gewissen, 2. Auflage, Split, 2006, Seiten 264-268)

Ivan Fuček ist Jesuitenpater, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Theologe an der Apostolischen Pönitentierie.