Über die katholische politische Philosophie (Teil 2)

James Schall SJ über die Liturgie als Vollendung der Philosophie

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WASHINGTON DC, 10. Oktober 2005 (ZENIT.org).- Die Philosophie findet ihre Vollendung in der Freude über das gefundene Licht der Wahrheit – einer Wahrheit, die sich auf besondere Weise in der Heiligen Messe offenbart, wie Pater James Schall SJ im folgenden Interview erklärt.



In seinem neuen Buch über politische Philosophie im katholischen Sinn, "Roman Catholic Political Philosophy", zeigt der Priester, der an der Georgetown-Universität (USA) unterrichtet, dass die Philosophie, insbesondere die politische Philosophie, nur dann die Wahrheit finden kann, nach der sie sucht, wenn sie bereit ist, sich für die Wahrheiten der Offenbarung zu öffnen, die in der Theologie studiert werden.

Teil 1 dieses Interviews erschien am 26. September 2005.

ZENIT: Auf welche Weise ergänzen die offenbarten Wahrheiten, die die katholische Kirche vermittelt, jene Wahrheit, die der politische Philosoph sucht? Wie helfen sie ihm bei seiner Wahrheitssuche?

Pater Schall: Die zentrale These meines Buches lautet: Philosophie und politische Philosophie streben danach, die Wirklichkeit zu erkennen, die wir vorfinden. Der menschliche Geist ist dazu da, die Wahrheit der Dinge zu erkennen, und das heißt: Der Geist strebt danach, sich mit dem in Übereinstimmung zu bringen, was ihm die Wirklichkeit zeigt.

Beim Streben nach dieser Erkenntnis stößt die menschliche Vernunft immer wieder auf Grenzen und erkennt, dass sie sich nur eine mehr oder weniger fundierte Meinung über die Wahrheit der Dinge bilden kann. Sie bemüht sich, wie es ihr gutes Recht ist, Fragen zu stellen und mögliche Antworten auf diese Fragen zu formulieren. Sie ist sich der Unzulänglichkeiten einiger der eigenen Antworten bewusst, und dieses Bewusstsein weckt in ihr Neugier.

Die Offenbarung ihrerseits enthält, wenn sie sorgfältig interpretiert wird, offensichtlich ihr eigenes Verständnis von zumindest einigen Wahrheiten über die Wirklichkeit, wobei sie ihre eigenen Methoden anwendet. Wenn die Offenbarung nun auf die legitimen Fragen der Philosophie oder auf die Fragen, die sich in der Politik ergeben, eine angemessene Antwort zu bieten hat, kann man sie nicht einfach aus den Überlegungen des Intellekts und aus der Diskussion ausschließen, nur weil ihr Inhalt aus dem Glauben kommt.

Die Frage ist daher angebracht: Wie kommt es, dass der Glaube auf Fragen, wie sie von der Philosophie gestellt werden, antworten kann? Und hier kommt dann eine höhere Kategorie von Wirklichkeit in unser Blickfeld, auf die die Philosophie nicht von ihren eigenen Grundlagen her schließen kann.

Um diese Frage angemessen beantworten zu können, darf man zweierlei nicht vergessen: Erstens kann man nicht direkt von der Philosophie auf jene Wahrheiten der Offenbarung schließen, die nicht aus dieser Erkenntnisquelle erkannt werden können. Sonst wäre Philosophie selbst Offenbarung und nähme ein göttliches Recht für sich in Anspruch. Und zweitens erhebt die Offenbarung ihrerseits nicht den Anspruch, jede Frage zu jedem Thema zu beantworten. Sie kann nur auf Fragen Antwort geben, die mit dem inneren Leben Gottes zu tun haben und mit der Inkarnation seines Sohnes, der gesandt wurde, um jeden Menschen die Möglichkeit zu schenken, das für ihn bestimmte endgültige Ziel zu erreichen. In der Offenbarung wird dieses letzte Ziel zwar oft zu Recht "Stadt Gottes" genannt, aber es handelt sich nicht um ein politisches Ziel.

Die Offenbarungslehre streitet der Politik nicht ihre Berechtigung ab. Diese ist im Gegenteil von großer Relevanz, da sie dem Menschen zum Erreichen seines höchsten Ziels entweder behilflich oder hinderlich sein kann.

Die klare Einsicht schenkt uns Aristoteles, wenn er schreibt: "Wäre der Mensch das höchste Wesen, dann wäre die Politik die höchste Wissenschaft. Aber der Mensch ist nicht das höchste Wesen. Also ist die Politik auf dieses Leben der Sterblichen beschränkt, da sie Sterbliche sind."

ZENIT: Wenn die Theologie die Antworten auf jene Fragen geben kann, die der Philosoph stellt, dann stimmt wohl das, was man früher zu sagen pflegte: dass die Philosophie die Magd der Theologie ist?

Pater Schall: Das Wort "Magd" klingt heute altmodisch. Auch das Wort "Jungfer" ist heute in Misskredit geraten. Der Ausspruch "Die Philosophie ist die Magd der Theologie" war dazu bestimmt, die irrige Ansicht zurückweisen, zwischen Vernunft und Offenbarung gäbe es keinerlei Beziehung. Er diente auch dazu, die Legitimität beider zu schützen. In der vollkommenen Ordnung der Dinge wendet sich die Offenbarung an die Vernunft, während die Vernunft sich fragt, warum das, was sie weiß, keine vollständigen Antworten in sich selbst sein können.

In diesem Sinn ist die Philosophie eine "Magd" der Theologie, die Theologie aber genauso auch die "Magd" der Philosophie. Der springende Punkt dabei ist, dass man sich beide in der sehr leicht störbaren Beziehung denken muss, die jede der beiden zu der anderen und beide zur Wahrheit haben.

Tatsache ist jedenfalls, dass die Offenbarung eine indirekte Wirkung auf die Philosophie ausübt: Bemüht sich die Philosophie, über das nachzudenken, was die Offenbarung ihr vorlegt, wird sie immer mehr sie selbst, immer philosophischer.

ZENIT: Wieso findet die politische Philosophie ihre Erfüllung in der Liturgie und der Anbetung?

Pater Schall: Die Formulierung "Die liturgische Vollendung der Philosophie" ("the liturgical consummation of philosophy") stammt aus dem Buch "After Writing" der englischen Philosophin Catherine Pickstock. Derselbe Gedanke klingt im Werk Joseph Kardinal Ratzingers wiederholt an, besonders in "Vom Geist der Liturgie". Seine Ursprünge finden sich schon bei Plato. Und in der Tat kam auch J.R.R. Tolkien demselben Gedanken ziemlich nahe.

Im Wesentlichen bedeutet dies, dass sich die Philosophie freut, wenn sie die Wahrheit nach langer Suche findet. Die Menschheit hat immer danach gestrebt, die richtige Weise zu finden, Gott zu verehren, oder anders ausgedrückt, sich am Schöpfer zu erfreuen und an der Wirklichkeit und ihrem Ursprung Gefallen zu finden. Auf viele verschiedene Weisen hat sie versucht, eine adäquate Beziehung zu Gott zu finden, aber es ist ihr nie gelungen.

Das Wesen der Offenbarung besteht darin, dass sie zur einzig angemessenen Weise der Verehrung Gottes hinführt. Das ist der Sinn der Heiligen Messe: Sie ist in ihrem Kern überhaupt nicht etwas vom Menschen Gemachtes, sondern sie ist, wie beispielsweise auch Robert Sokolowski in seinem Buch "Eucharistic Presence: A Study in the Theology of Disclosure" ["Eucharistische Gegenwart – eine Studie zur Offenbarungstheologie"] anführt, das, wonach jede Philosophie strebt. Nicht nur Suche, sondern vor allem Finden und Jubeln.

Sobald wir diese zentrale Bedeutung der Heiligen Messe verstehen, werden wir das beständige Suchen der Philosophie und der Politik nach einer alternativen Beziehung zu den höchsten Dingen – besonders in der Politik selbst – als das erkennen, was es ist: das Streben danach, eine Alternative für Gott anzubieten.

Das Streben und die Wichtigkeit der Beziehung der Philosophie und der Politik zu den höchsten Dingen genau zu bestimmen, ist Thema des Kapitels "Gottesverehrung und politische Philosophie" – ein Thema, das von den politischen Philosophen und auch oft von den Theologen viel zu selten behandelt und verstanden wird, wenn sie zu erklären versuchen, was in der Philosophie oder der Politik fehlt.

ZENIT: Welche Philosophen vertreten die Prinzipien der katholischen politischen Philosophie, die Sie in Ihrem Buch skizzieren?

Pater Schall: Es gibt da natürlich viele Quellen, die Orientierung geben, nicht nur römisch-katholische. Ich habe viel von Eric Voegelin und Leo Strauss gelernt. Sie haben auf vielerlei Weise dazu beigetragen, die politische Philosophie für eine ernsthaftere Betrachtung der Wirklichkeit zu öffnen sowie für das, worauf es ankommt, wenn man sie verstehen will.

Was katholische Autoren angeht, so bin ich besonders meinen Lehrern, Professor Heinrich Rommen, Pater Charles N.R. McCoy, Pater Clifford Kossel SJ und Pater Ernest Fortin AA zu Dank verpflichtet. Ich habe ein Buch über Jacques Maritain geschrieben und halte Yves Simon für sehr bedeutend, ebenso wie Etienne Gilson. Christopher Dawson ist für mich nach wie vor einer der Wichtigsten. Viel habe ich auch von David Walsh, John und Russell Hittinger, Msgr. Robert Sokolowski sowie von meinen Kollegen George Carey und Joshua Mitchell gelernt.

Vieles wäre über Gilbert Keith Chesterton zu sagen, der mit seinem Scharfsinn und seiner ergötzlichen Art zu schreiben zu den bedeutenden Köpfen zählt. Ich liebe Hilaire Belloc, Henri de Lubac, Hans Urs von Balthasar, E.F. Schumacher und noch viele andere.

Einige meiner Bücher, besonders "Another Sort of Learning" ["Eine andere Art des Lernens"], können durchaus als Leitfaden für Vorlesungen zu dieser Thematik dienen. Seit langem verehre ich Papst Johannes Paul II. und Benedikt XVI. als erstklassige Denker. Und schließlich gebührt Philosophen beziehungsweise Theologen wie Plato und Aristoteles, Augustinus und Thomas von Aquin bleibender Dank. Auf sie komme ich immer wieder zurück. Nichts kommt bei meiner Universitätsarbeit mit den Studenten an die Lektüre dieser vier Letztgenannten heran.