Über die Schriftlesung: Benedikt XVI. begegnet der Jugend von Rom (1)

"Sie muss wirklich als Wort Gottes gelesen werden"

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ROM, 10. April 2006 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen in dieser Woche die Antworten Papst Benedikts XVI. auf jene Fragen, die ihm einige Studenten am Donnerstag auf dem Petersplatz stellten.



Während des Treffens des Heiligen Vaters mit den Jugendlichen der Diözese Rom ging es zunächst um das Thema der Heiligen Schrift. Eine Studentin hatte die Frage aufgeworfen, wie man angesichts der Tatsache, dass die Bibel vor Jahrtausenden verfasst wurde, tatsächlich erkennen könne, dass das, was dort zu lesen ist, das Wort Gottes sund für das heutige Leben relevant sei.

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In meiner Antwort möchte ich zunächst einen Punkt unterstreichen: Es muss vor allem gesagt werden, dass die Heilige Schrift nicht wie irgendein historisches Buch gelesen werden darf; nicht so, wie wir zum Beispiel Homer, Ovid oder Horaz lesen. Sie muss wirklich als Wort Gottes gelesen werden, indem man in ein Gespräch mit Gott eintritt. Am Anfang muss man beten und mit dem Herrn sprechen. "Öffne mir dein Tor." So sagt es oft der heilige Augustinus in seinen Predigten: "Ich habe an das Tor des Wortes geklopft, um endlich das zu finden, was der Herr mir sagen will."

Dies scheint mir ein sehr wichtiger Punkt zu sein. Die Heilige Schrift liest man nicht in einem akademischen Klima, sondern im Gebet; indem man dem Herrn sagt: "Hilf mir, dein Wort – das, was du mir auf dieser Seite jetzt sagen willst – zu verstehen."

Ein zweiter Punkt: Die Heilige Schrift führt in die Gemeinschaft der Familie Gottes ein. Man kann also die Heilige Schrift nicht alleine lesen. Sicher, es ist immer wichtig, die Bibel auf eine sehr persönliche Weise zu lesen, in einem persönlichen Gespräch mit Gott. Gleichzeitig aber ist es wichtig, sie in Begleitung von Menschen zu lesen, zusammen mit denjenigen, mit denen man auf dem Weg ist. Und es ist wichtig, sich von den großen Meistern der "Lectio Divinia" helfen zu lassen.

Wir haben zum Beispiel viele schöne Bücher von Kardinal Martini, eines wahren Meisters der "Lectio Divina". Er hilft dabei, in das Herzstück der Heiligen Schrift einzutreten. Er kennt die historischen Umstände, alle charakteristischen Elemente der Vergangenheit, sehr gut, versucht aber immer auch, ein Tor zu öffnen, damit man erkennen kann, dass die Worte, die anscheinend der Vergangenheit angehören, auch Worte der Gegenwart sind. Solche Meister verhelfen uns zu einem besseren Verständnis der Heiligen Schrift und zeigen uns, wie man sie richtig liest. Im Allgemeinen ist es darüber hinaus angemessen, sie auch in Gesellschaft mit Freunden zu lesen, die mit mir auf dem Weg sind und mit mir erkennen wollen, wie mit Christus gelebt werden kann, was für ein Leben für uns vom Wort Gottes her zugedacht ist.

Ein dritter Punkt: Wenn es wichtig ist, die Heilige Schrift mit Hilfe von Meistern und in Begleitung von Freunden, unserer Weggefährten, zu lesen, so ist es auch besonders wichtig, sie in der großen Gemeinschaft des pilgernden Volkes Gottes, das heißt der Kirche, zu lesen.

Die Heilige Schrift hat zwei Subjekte. Da ist zunächst das göttliche Subjekt: Es ist Gott, der spricht. Aber Gott wollte den Menschen auch in sein Wort einbeziehen. Während die Muslime davon überzeugt sind, dass der Koran wörtlich von Gott inspiriert ist, glauben wir, dass für die Heilige Schrift – wie die Theologen sagen – die "Synergie" charakteristisch ist, die Zusammenarbeit Gottes mit dem Menschen.

Gott bezieht sein Volk in sein Wort ein, und so ist das zweite Subjekt – das erste Subjekt ist, wie ich sagte, Gott – menschlich. Es gibt einzelne Schriftsteller, aber es gibt die Kontinuität eines gleich bleibenden Subjekts, des Volkes Gottes, das mit dem Wort Gottes und im Gespräch mit Gott auf dem Weg ist.

Im Hören auf Gott lernt man, das Wort Gottes zu verstehen und es dann auch zu interpretieren. Und so wird das Wort Gottes in der Gegenwart lebendig. Die einzelnen Personen sterben, aber das vitale Subjekt, das Volk Gottes, ist immer lebendig und im Lauf der Jahrtausende immer identisch, immer dasselbe lebendige Subjekt, in dem das Wort lebt.

So erklären sich auch viele Formen der Heiligen Schrift, vor allem die so genannte "Relecture" [erneute Lektüre", Anm. d. Übers.]: Ein antiker Text wird in einem anderen Buch, sagen wir hundert Jahre später, von neuem gelesen und dann in einer Tiefe verstanden, wie das vorher noch nicht der Fall war, auch wenn er bereits in einem vorhergehenden Werk enthalten war. Und wird er später erneut gelesen, werden wieder neue Aspekte und Dimensionen des Wortes Gottes besser verstanden. Und so ist in diesem Prozess der permanenten "Relecture" und der Neuabfassung im Laufe der Zeit in einer tiefen Kontinuität die Heilige Schrift gewachsen. Schließlich wurde das Wort Gottes mit der Ankunft Christi und der Erfahrung der Apostel definitiv festgelegt, so dass es keine neuen Abfassungen mehr geben kann, auch wenn unser Verständnis immer tiefer werden muss. Der Herr hat gesagt: Der Heilige Geist wird euch in die ganze Wahrheit einführen, die ihr aber jetzt noch nicht tragen könnt (vgl. Joh 16,12).

Die Gemeinschaft der Kirche ist also das lebendige Subjekt der Schrift. Aber auch jetzt bleibt das Hauptsubjekt der Herr, der in der Heiligen Schrift, die in unserer Hand liegt, weiter zu uns spricht. Ich denke, wir müssen diese drei Elemente lernen: im persönlichen Gespräch mit dem Herrn lesen; in Begleitung von Meistern lesen, die die Erfahrung des Glaubens gemacht haben und in die Heilige Schrift eingetreten sind, und in der großen Gemeinschaft der Kirche lesen. In ihrer Liturgie, in der der Herr jetzt zu uns spricht, werden diese Ereignisse immer neu gegenwärtig, so dass wir nach und nach immer mehr in die Heilige Schrift eintreten, in der Gott wirklich – heute! – mit uns spricht.

[ZENIT-Übersetzung; © Copyright 2006 des italienischen Originals – Libreria Editrice Vaticana]