Über die Zusammenarbeit von Kirche und Staat

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ROM, 21. März 2005 (ZENIT.org).- Als die ganze Welt um den Gesundheitszustand von Papst Johannes Paul II. besorgt war, beschäftigte er sich noch in der Gemelli-Klinik mit einem Thema, das ihm seit langem große Sorge bereitet: die Beziehungen zwischen Kirche und Staat. Diesem Thema hat er am 11. Februar eine Botschaft gewidmet, die an Erzbischof Jean-Pierre Ricard von Bordeaux, den Vorsitzenden der französischen Bischofskonferenz, gerichtet ist.



Der Papst sagt in diesem Schreiben, dass in Frankreich die Änderungen des Konkordats von 1904, die zum heute gültigen Gesetz von 1905 über die Beziehungen zwischen Kirche und Staat geführt haben, "ein schmerzliches und traumatisierendes Ereignis für die Kirche in Frankreich" seien (2).

Besagtes Gesetz, so der Papst, habe "das religiöse Element in die Privatsphäre verbannt und die Rolle, die dem religiösen Leben und der Institution Kirche in der Gesellschaft zusteht, nicht anerkannt". Er fügt jedoch hinzu, dass nach 1920 die französische Regierung auch Schritte veranlasst habe, um die Situation zu verbessern.

Frankreich nehme für sich das Prinzip der Säkularität ("laïcité") in Anspruch. Auch die Kirche sei von der Notwendigkeit einer Trennung der Rollen von Kirche und Staat überzeugt und folge damit Christi ausdrücklicher Weisung: "Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört " (Lk 20,25). Der Papst verweist auch auf die Pastoralkonstitution über die Kirche "Gaudium et spes", Abschnitt 76. Dort wird erklärt, dass die Kirche weder mit irgendeiner politischen Gemeinschaft verwechselt werden darf, noch an irgendein politisches System gebunden ist. Gleichzeitig dienten sowohl die politische Gemeinschaft als auch die Kirche den Bedürfnissen der gleichen Menschen. Diese Dienste könnten umso wirksamer erfüllt werden, je besser die Zusammenarbeit der beiden Institutionen funktioniere.

Die angeführte Kooperation habe sich in Frankreich verbessert, so der Papst, "sodass in den letzten Jahren ein Gesprächsforum auf höchster Ebene geschaffen worden ist" (4). Dadurch konnten sich die Beziehungen in einem Klima gegenseitiger Achtung entwickeln. Die französischen Katholiken fordert Johannes Paul II. auf, sich ihrer Verantwortung gerade auch im öffentlichen Leben bewusst zu werden und aktiv teilzunehmen.

Verantwortung übernehmen

In der französischen Gesellschaft sei es außerordentlich notwendig, der Religion Raum zu geben, damit sich diese nicht "in ein Sektierertum zurückzieht, das zu einer Gefahr für den Staat selbst werden könnte" (6). Es bestehe dann nämlich die Gefahr, dass Intoleranz zunehmen könne. Als Folge wäre die Koexistenz jener Gruppierungen, aus denen sich der Staat zusammensetzt, beeinträchtigt.

Für den Heiligen Vater ist das ein Grund dafür, dass man den Christen erlauben müsse, öffentlich ihre Ansichten zu vertreten und ihre Überzeugungen im demokratischen Diskurs zu äußern. So könnten sie den Staat und die Mitbürger zu ihrer jeweiligen Verantwortung anspornen, besonders auf den Gebieten der grundlegenden Menschenrechte wie etwa bei der Achtung der Würde jedes Menschen, und so zum Fortschritt der Menschlichkeit, der Gerechtigkeit und der Fairness, aber auch zum Schutz unseres Planeten beitragen.

In seiner Botschaft geht Johannes Paul II. auch auf ein anderes Thema ein, das er in den letzten Jahren immer wieder zur Sprache gebracht hat: die Notwendigkeit, den christlichen Werten auf dem europäischen Kontinent einen Platz zu geben. "Es ist das Christentum, das den Charakter Europas weitgehend geprägt hat", schreibt er. "Es ist jetzt die Aufgabe der Menschen unserer Tage, die europäische Gesellschaft auf jenen Werten aufzubauen, die maßgebend gewesen sind, als Europa geboren wurde, und die ein Teil seines Reichtums sind" (5).

Religionsfreiheit

Anlässlich des "Ad-limina"-Besuchs der spanischen Bischöfe in Rom sagte Papst Johannes Paul II. am 24. Januar in Rom, dass die Ausbreitung einer säkularisierten Ideologie in der spanischen Gesellschaft "allmählich zu einer mehr oder weniger bewussten Einschränkung der Religionsfreiheit führt, bis hin zum Verächtlich-Machen und zur Missachtung des Religiösen", und zwar dadurch, dass der Glaube "in die Privatsphäre verbannt" und "das Bekenntnis des Glaubens in der Öffentlichkeit bekämpft" wird (4). Außerdem, fügte der Heilige Vater hinzu, sei die Religionsfreiheit nicht zu beschränken, "ohne dass damit den Menschen etwas Grundlegendes geraubt wird".

Nachdrücklich betonte damals der Papst, wie wichtig es sei, dass Katholiken "nach dem Reich Gottes streben, indem sie für die irdischen Dinge sorgen und sie in Übereinstimmung mit dem göttlichen Willen ordnen". Und er rief sie dringend dazu auf, mutig in der Öffentlichkeit Zeugnis für ihren Glauben abzulegen.

Glaube und Praxis

Auch am 4. Dezember 2004 ist Johannes Paul II. in einer Ansprache vor Bischöfen aus den USA auf die Beziehungen zwischen Kirche und Staat eingegangen. Der Papst bat die Bischöfe von Louisville, Mobile und New Orleans, sie sollten es zu einer ihrer pastoralen Prioritäten machen, den gläubigen Laien dahingehend zu helfen, die Pflichten, die sie als Mitglieder der Kirche und als Mitglieder der menschlichen Gesellschaft haben, harmonisch miteinander zu verbinden.

Aus "Lumen gentium" (36) zitiertend, sagte der Heilige Vater, dass alle Laien, sowohl Männer und Frauen, nachdem sie eine gesunde Unterweisung und ständige Weiterbildung empfangen haben, den Auftrag hätten, "das Reich Gottes bei ihrer und durch ihre weltliche Aktivität auszubreiten, sodass 'die Welt mit dem Geist Christi erfüllt wird und noch wirksamer ihr Ziel in Gerechtigkeit, Liebe und in Frieden erreicht'" (3).

Daher sollten die Gläubigen klare Anweisungen über ihre Pflichten als Christen erhalten und auch wissen, dass sie in Übereinstimmung mit der authentischen Lehre der Kirche handeln müssen, fügte der Papst hinzu. Und gegenüber all jenen, die dagegen protestieren, dass solche Anweisungen allzu politisch klingen, erklärte der Papst: "Bei allem Respekt vor der völlig legitimen Trennung von Kirche und Staat im amerikanischen Leben muss eine solche Katechese auch klar machen, dass es für den gläubigen Christen keine Trennung geben kann zwischen dem Glauben, der geglaubt und in die Praxis umgesetzt werden soll, und der Verpflichtung zur vollen und verantwortlichen Teilnahme am beruflichen, politischen und kulturellen Leben" (3).

Des Weiteren forderte Johannes Paul II. die Bischöfe dringend dazu auf, ihre Arbeit dahingehend neu zu orientieren: "Angesichts der Bedeutung dieser Fragen für das Leben und den Auftrag der Kirche in Ihrem Land, möchte ich Sie ermutigen, die Einschärfung der dogmatischen und moralischen Prinzipien, die dem Laienapostolat zu Grunde liegen, als unentbehrlich für Ihr Amt als Lehrer und Hirten der Kirche in Amerika zu betrachten."

Das europäische Modell

Den spirituellen und moralischen Werten in der bürgerlichen Gesellschaft in Europa mehr Geltung zu verschaffen, war auch Thema eines von der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft (COMECE) veröffentlichten Dokuments. Am 25. Februar hatte das Präsidium des Exekutivkomitees der COMECE sein Diskussionspapier Thesen für eine erneuerte Lissabon-Strategie der Europäischen Union vorgestellt. Die Lissabon-Strategie verfolgt das Ziel, Reformen im sozialen Bereich und auf dem Gebiet der öffentlichen Wohlfahrt in Angriff zu nehmen.

Die europäischen Bischöfe weisen in ihrem Schreiben darauf hin, dass beim Aufbau der Europäischen Gemeinschaft den spirituellen Werten eine größere Aufmerksamkeit geschenkt werden müsse: "Es wird noch zu wenig Aufmerksamkeit darauf verwendet, ein Bewusstsein von der Tatsache zu wecken, dass wir in einer religiösen und kulturellen Tradition verwurzelt sind." Und es werde noch zu wenig getan, das Verständnis für die europäische Geschichte zu fördern.

Dort, wo die Lissabon-Strategie den Begriff "Geist" erwähne, tue sie dies nur im Zusammenhang mit der Stärkung des unternehmerischen Geistes. Doch das allein sei zu wenig: "Europa kann dynamische und hervorragende Persönlichkeiten hervorbringen, wenn sie durch eine kulturelle und religiöse Bildung geformt werden, die sich der Geschichte Europas bewusst ist", fügen die Bischöfe hinzu.

"Die Europäer scheinen auch den Sinn für das, was heilig, transzendent und feierlich ist, verloren zu haben", heißt es in besagtem Text. Tatsächlich sei es geradezu "bedrückend, zu sehen, dass an vielen Orten in Europa die Sonntage und sogar religiöse Feiertage und Staatsfeiertage zu normalen Arbeits- und- Einkaufstagen geworden sind". Religion – das betont das Dokument der Bischöfe – könne eine wichtige Rolle bei der Stärkung des europäischen sozialen Modells spielen. Die helfende Hand der Religion sei für die weltliche Gesellschaft notwendiger denn je.