„Übergriffe sind keine Einzelfälle“: Die Lage der Christen in Ägypten

Mitarbeiter von „Kirche in Not“ interviewte Bischof Anba Damian

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MÜNCHEN, 27. August 2009 (ZENIT.org/KIN).- Es häufen sich die Meldungen, dass in Ägypten immer wieder koptische Kirchen niedergebrannt werden, und die ägyptischen Behörden scheinen in solchen Fällen nicht einzugreifen. Woher der Hass gegen die Christen kommen könnte, und wie die einheimischen Kopten unter diesen Voraussetzungen in die Zukunft blicken, berichtete der Generalbischof der koptisch-orthodoxen Kirche in Deutschland, Anba Damian, gegenüber dem weltweiten katholischen Hilfswerk „Kirche in Not“.



Bischof Damian, ist es in den letzten Jahren gefährlicher geworden, ein Kopte in Ägypten zu sein?

Ja, die Situation hat sich in den letzten Monaten und Jahren verschärft. Die Kopten haben viel gelitten. Vor allem das Verhalten der Sicherheitsbeamten und der örtlichen Behörden können wir oft nicht verstehen. Manchmal dauert es drei Monate, bis die koptischen Bischöfe überhaupt einen Termin bekommen, um mit einem örtlichen Gouverneur über Angriffe gegen uns sprechen zu dürfen. Wir kommen schneller an unsere Rechte, wenn wir uns mit unseren Bitten direkt an Präsident Mubarak wenden. Aber wir möchten unsere Rechte nicht durch die Gnade des Präsidenten bekommen, sondern durch das Gesetz.

Hängt das Ansteigen der Gewalt gegen die Kopten mit dem Erfolg der Muslimbruderschaft bei der letzten Parlamentswahl zusammen?

Wir bemerken, dass sich die Gesellschaft schon rein äußerlich immer mehr dem konservativen Islam annähert. Wir Kopten haben nichts dagegen, dass die Frauen Schleier tragen, das ist ja auch nur ein äußerlicher Ausdruck des Glaubens. Schade ist aber, dass nur die Äußerlichkeiten zugenommen haben, nicht aber die Spiritualität. Wenn die Muslime in Ägypten wirklich so fromm wären, dann müssten wir alle mehr Frieden, Gerechtigkeit und Segen erfahren. So viel Gebet müsste Ägypten eigentlich in ein heiliges Land verwandeln. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Selbst ein hochrangiger ägyptischer Politiker hat mir gegenüber zugegeben, dass es in Ägypten viel Heuchelei gebe. Das ist ein Phänomen, das untersucht werden muss.

Warum sind denn die örtlichen Behörden und die Polizei so passiv?

Man kann das nicht mit Sicherheit sagen, bei vielen ist es aber einfach die Angst vor den radikalen Islamisten. Die Übergriffe auf die ägyptischen Christen sind keine Einzelfälle, oft beteiligt sich ein regelrechter Mob an den Ausschreitungen. Können Sie sich diesen Hass erklären?

Zunächst einmal möchte ich betonen, dass die Ägypter grundsätzlich ein friedfertiges Volk sind. Leider gibt es bei uns aber immer noch viele Analphabeten. Die wichtigste Quelle der politischen Bildung für einen muslimischen Ägypter ist darum auch heute noch die Predigt beim Freitagsgebet in der Moschee. Wenn der Imam gut und friedlich predigt, dann verlassen die Menschen die Moschee auch mit einem friedlichen Herzen. Wenn er sie aber aufhetzt gegen uns, dann verlassen sie – bildlich gesprochen – die Moschee mit dem Benzinkanister in der einen und dem Streichholz in der anderen Hand und gehen auf uns los. Das würde nicht passieren, wenn sich die Menschen umfassend informieren könnten. Darum ist Bildung eine der wichtigsten Herausforderungen in Ägypten.

Was müsste sich in Ägypten Ihrer Meinung nach sonst noch ändern?

Die Religionsfreiheit muss ernster genommen werden. Es ist kein unverschämter Wunsch, die eigene Religion oder Konfession frei zu wählen, zu ändern oder auszuüben. Es ist das höchste Gut, das Gott uns gegeben hat. Die Regierung sollte diese Freiheit garantieren, sich ansonsten aber aus religiösen Angelegenheiten heraushalten. Ihre Aufgabe ist meiner Ansicht nach die Bekämpfung von Armut, Ignoranz und Krankheiten.

Inwiefern werden Christen in Ägypten benachteiligt?

Das geschieht in vielen Bereichen. Es fängt schon in der Ausbildung an und setzt sich auf dem Arbeitsmarkt fort. Der Bevölkerungsanteil der Kopten steht auch in keinem Verhältnis zu unserer Vertretung in der Politik. Je nach Statistik machen die koptischen Christen in Ägypten zwischen sechs und fünfzehn Prozent der Bevölkerung aus. Doch im Parlament sitzen derzeit nur vier Kopten unter den 440 Abgeordneten, und das, obwohl viele Kopten erstklassig ausgebildet sind.

Herrscht in Ägypten Misstrauen gegenüber den Kopten?

Im Gegenteil, selbst viele muslimische Geschäftsleute vertrauen in Geld- und Geschäftsangelegenheiten den Kopten mehr als ihren muslimischen Glaubensbrüdern. Die Kopten waren noch nie eine Gefährdung für die ägyptische Gesellschaft. Wir sind keine Feinde des Staates oder der Muslime. Wir sind die Ureinwohner unseres Landes.

Wie kann es gelingen, Vorurteile abzubauen?


Wir müssen unterscheiden lernen zwischen der Lehre und den Menschen. Als Christ kann ich vielleicht Vieles im Islam nicht verstehen oder akzeptieren, aber ich kann auf die Muslime zugehen, mit ihnen reden, sie lieben. Wenn wir mit einem Mindestmaß an Respekt miteinander umgehen, können wir viele Missverständnisse und Vorurteile beiseite schaffen und den Hass und Terror bekämpfen. Wir müssen vor allem den Dialog mit den vernünftigen Köpfen des Islam ausbauen, mit Leuten, die offen und ehrlich reden und auch so handeln. Hierzu zähle ich zum Beispiel Dr. Mohammed Tantawi, den Großscheich der Al-Azhar-Universität, der auch mit unserem Papst Schenuda III. befreundet ist. Ich kenne ihn persönlich und schätze ihn sehr. Wenn mehr Muslime sich nach seinem Vorbild verhalten würden, dann würden wir alle – Muslime und Christen – eine bessere Lebensqualität in unserem Heimatland haben.

Präsident Husni Mubarak, der als Garant für die Stabilität im Land und als Beschützer der Christen gilt, ist bereits über 80 Jahre alt. Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf die Zeit nach ihm? 

Präsident Mubarak hat für Ägypten Großartiges geleistet, deshalb genießt er meine Liebe und Hochachtung. Natürlich hat es in seiner Regierungszeit auch Schattenseiten gegeben. Aber ich rechne es ihm besonders hoch an, dass es ihm gelungen ist, unser Heimatland aus Kriegen herauszuhalten. Was die Nachfolge anbelangt, halte ich viel von Mubaraks Sohn Gamal, aber letztlich ist das die Entscheidung des ägyptischen Volkes. Jeder Kandidat, der vernünftig, fair und korrekt ist, ist mir willkommen. Ich befürchte allerdings das Schlimmste, falls islamische Extremisten an die Macht kommen sollten. Ich bete, dass das nicht passiert. Aber wir haben keine Angst, denn ich bin überzeugt, dass Gott selbst dann unsere Kirche beschützen würde. Wir tragen gerne unser Kreuz, denn unser Ziel ist das ewige Leben mit Gott und dieses Ziel kann uns keiner nehmen.

Das Gespräch führte „Kirche in Not“-Mitarbeiter Volker Niggewöhner