Überlebender von Dachau feiert 75. Priesterjubiläum

Vor einem Jahr Begegnung mit dem Papst

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ROM, 7. August 2012 (ZENIT.org). - Der 99-jährige Priester Hermann Scheipers, Überlebender des KZ Dachau, Pfarrer in der DDR, hat ein gutes Stück der Geschichte der Kirche im Deutschland des 20. Jahrhunderts am eigenen Leib miterlebt. Letztes Jahr traf er den Papst. Heute erschien über ihn ein Artikel im „Osservatore Romano“, den wir hier leicht gekürzt und in einer eigenen Übersetzung wiedergeben.

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Fast ein Jahr ist vergangen, seit Benedikt XVI. ihn auf seiner Deutschlandreise in Erfurt begrüßte: Das Foto des Papstes, der den alten Priester umarmt, ging um die ganze Welt, zeigte es doch die Begegnung zwischen dem deutschen Papst und dem letzten noch lebenden deutschen Priester, der das KZ Dachau überlebte. Mit diesem Bild im Herzen feierte Hermann Scheipers am vergangenen Sonntag, dem 5. August, in Ochtrup im Münsterland sein 75. Priesterjubiläum. Felix Genn, Bischof von Münster, feierte die Messe im Beisein von Joachim Reinelt, emeritierter Bischof von Dresden-Meißen, wo der Prälat einen großen Teil seines Priesteramtes zu DDR-Zeiten versehen hatte.

Scheipers, der am 24. Juli seinen neunundneunzigsten Geburtstag feierte, zählt zu den schönsten Tagen seines Lebens sicher auch jenen warmen Septembermorgen, als der Papst sich auf dem Domplatz in Erfurt eine Weile mit ihm aufhielt. Im Hintergrund läutete die „Gloriosa“, die Domglocke, die mit ihren zweieinhalb Metern Höhe und elf Tonnen Gewicht als eine der größten in ganz Europa gilt.

Indem er den alten Priester umarmte, ehrte der Papst auch alle anderen in Deutschland geborenen Priester, die ihre Treue zur Kirche teuer bezahlen mussten: sowohl jene, die in den dunklen Jahren der Nazizeit den Märtyrertod starben, als auch jene, die überlebten und unter dem atheistischen Regime der DDR neues Leid ertragen mussten. Scheipers ist einer von ihnen, der letzte lebende Zeuge einer Epoche, die vom Zweiten Weltkrieg und dem darauffolgenden „Kalten Krieg“ gezeichnet war.

Während seiner Jubiläumsmesse zitierte der betagte Prälat einen Spruch des heiligen Augustinus über die Vergebung und einen Passus aus Psalm 90 (91) - „Er befiehlt seinen Engeln, dich zu behüten auf all deinen Wegen“ - der, wie er meinte, seine Geschichte als Mensch und Priester sehr schön zusammenfasse. Bischof Genn sagte in seiner Predigt, das Leben von Prälat Scheipers sei selbst wie eine Predigt; sein tiefes Gottvertrauen und sein Einsatz für Jesus Christus und für die Mitmenschen seien ein großes Glaubenszeugnis. Dies fühlt auch, wer in den Seiten seines autobiographischen Buchs „Gratwanderungen. Priester unter zwei Diktaturen“ blättert, in dem Scheipers seine Erlebnisse schildert. In Ochtrup geboren, war Scheipers in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts nach Bautzen umgezogen, wo er Kaplan in der ländlichen Pfarrei Hubertusburg wurde. Wegen seines Einflusses auf die Jugend weckte er sehr bald die Aufmerksamkeit der Nazis. Als er sich auch noch der polnischen Zwangsarbeiter annahm, für sie die Messe feierte und ihnen die Beichte abnahm, wurde er im Oktober 1940 verhaftet. Fünf Monate später wurde er als „fanatischer Anhänger der katholischen Kirche, der unter der Bevölkerung Unruhe stiftet“ ins KZ Dachau deportiert.

Als Gefangener „Nummer 24255“ wurde Scheipers vom Lagerkommandanten mit den Worten empfangen: „Hier habt ihr keine Ehre, keine Verteidiger und keine Rechte. Entweder ihr arbeitet oder ihr krepiert.“ Wie alle anderen Gefangenen schuftete Scheipers auf den Feldern und bekam als Nahrung jeden Tag die gleiche wässrige Suppe. Er sah, wie manche seiner Mitgefangenen ausgepeitscht, an den Armen aufgehängt und mit kaltem Wasser übergossen wurde. Viele starben. „Man konnte nur fluchen oder beten“, erklärt Scheipers und verschweigt fast beschämt, dass er stets der zweiten Gruppe angehörte.

Das KZ Dachau galt als das „Priesterlager“: Zwischen 1933 und 1945 wurden 2.700 katholische Priester dorthin deportiert, von denen fast die Hälfte nicht überlebten. 1940 wurde ein eigener „Pfarrerblock“ eingerichtet. Scheipers schreibt über jene Jahre: „Dass wir mit anderen Priestern zusammenlebten, war eine gute Sache. Wir konnten uns gegenseitig Kraft und Mut einflößen. Wann auch immer unsere Kräfte dazu ausreichten, konnten wir uns unterhalten, die Schriften erläutern oder meditieren. Wir beteten den Rosenkranz. Die beste Quelle, aus der wir neue geistige Kräfte schöpfen konnten, war die Kapelle. Jeden Tag durften wir dort, bevor um halb vier Uhr morgens die Arbeit begann, die Messe feiern; am Sonntag durften wir uns sogar die Zeit für schöne lange Messfeiern nehmen“.

Nach einer Krankheit im Jahr 1942 wäre Scheipers beinahe getötet worden. Es rettete ihn der Kampfwille seiner Zwillingsschwester Anna, die eigens nach Berlin reiste, um das Reichssicherheitshauptamt davon zu überzeugen, dass der Mord an ihrem Bruder zu einem Aufstand aller Priester des Münsterlandes geführt hätte. Scheipers selbst verlor nie das Vertrauen zu Gott. „Ich habe seine Nähe sehr oft gespürt“, schreibt er. Darin hat sich sein Leben lang nichts geändert.

Im April 1945 gelang Scheipers auf einem Todesmarsch von Dachau nach Bad Tölz die Flucht. Die Nachkriegszeit im Bistum Dresden-Meißen brachte ihm neue Demütigungen. Weil er sich den Machthabern der DDR widersetzte, wurde er überwacht und schikaniert. Als ihm nach der Wende Zugang zu seiner Akte im Archiv der Stasi gewährt wurde, stellte er mit Entsetzen fest, dass nicht weniger als fünfzehn Informanten ihn überwacht hatten. Aus der Akte ging außerdem hervor, dass man beabsichtigt hatte, ihn wegen Verleumdung des Staates zu verhaften. „Mit derselben Anklage hatte man mich nach Dachau gebracht“, war sein Kommentar.

In den letzten Jahren ist Scheipers ins Münsterland zurückgekehrt. Trotz seines Alters reist er gerne durchs Land, um vor allem jungen Menschen von seinen Erlebnissen zu erzählen. Damit sie aus den Schrecken der Vergangenheit lernen mögen, eine bessere Zukunft zu errichten.

[Übersetzung des englischen Originals von Alexander Wagensommer]