Überzeugende Missionsreise

Zäsur in der Geschichte der Weltjugendtage

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Von Regina Einig 

WÜRZBURG, 22. August 2011 (ZENIT.org/die Tagespost). - Der Papstbesuch in Madrid markiert eine Zäsur in der Geschichte der Weltjugendtage. So sehr die Glaubenskrise der katholischen Kirche in Spanien auch zu schaffen macht – nie zuvor haben sich in Madrid mehr Katholiken mit dem Nachfolger Petri getroffen. Entschiedener als bei früheren Weltjugendtagen hat Benedikt XVI. den Politikern ins Gewissen geredet. Vor dem Hintergrund der Protestdemonstrationen wirkte der Papstbesuch wie ein gesellschaftspolitischer Klärungsprozess. Indem sich der oberste Hirte der Kirche erneut zum Sprachrohr der begründeten Existenzsorgen der Jugend machte, schuf er die gebotene Distanz zwischen dem friedlichen Flügel der Protestbewegung des 15. Mai, dem auch überzeugte Christen angehören und antikirchlichen Randalierern. Welcher radikale Laizist wird nach Benedikts Ansprachen der letzten Tage noch ernsthaft unterstellen dürfen, die Kirche sei blind für die Probleme Jugendlicher im Diesseits?

Der Wind in Spanien hat sich gedreht. Nicht mehr zur Diskussion steht erst einmal die Präsenz der Kirche im öffentlichen Raum. Wo König, Regierung und Opposition dem Papst zuhören, ist klar, dass Religion keine Privatsache ist. Politische klare Botschaften gehörten zu den Trümpfen dieses Weltjugendtags. Sie sind auch von Kirchenfernen verstanden worden. Benedikts Kritik etwa an jenen, die „entscheiden, wer wert ist zu leben und wer hingegen auf dem Altar anderer Perspektiven geopfert werden kann“ wurde von den spanischen Medien auf Abtreibung und die Euthanasie bezogen. Überzeugend setzte der Weltjugendtag Akzente zum Lebensschutz und zur katholischen Eheauffassung. Dass das Verständnis der Ehe als Verbindung zwischen Mann und Frau, die für Kinder offen ist, keine Spaßbremse, sondern ein Schlüssel zum Glück ist, bezeugten die vielen Pilger mit eigenen Kindern.

Der Madrider Weltjugendtag dürfte auch jenen der Wind aus den Segeln genommen haben, die dem Intellektuellen auf dem Stuhl Petri eine geringere persönliche Ausstrahlung nachsagen als seinem charismatischen Vorgänger. Wortlose Predigten prägten sich ein, als der 84-Jährige gelassen die Hitze ertrug und bei der Vigil im Sturm an der Seite der Jugendlichen aushielt.

Gekonnt spielten sich Papst und Jugend die Bälle zu. Eindrucksvoll war das bei der Ansprache eines schwerbehinderten Studenten, der bei seiner Geburt schon aufgegeben worden war. Welches „unermessliche Gut das Leben dieser Menschen für die gesamte Menschheit darstellt“ (Benedikt XVI.) bedurfte da keiner weiteren Erläuterung.

Über den Lebensschutz hinaus hat sich die Kirche in Madrid einmal mehr als Bollwerk gegen die Hoffnungslosigkeit präsentiert. Als Glaubensgemeinschaft, die keine Seele vorschnell aufgibt und mit der Gnade rechnet, hat sie das wachsende Interesse Ungetaufter und dem Glauben Fernstehender an Papstbesuchen glaubwürdig aufgefangen. Zugleich bot die Veranstaltung überzeugende Alternativen zu vorgedachten Antworten, die Jugendlichen heute oft auf existenzielle Fragen vorgesetzt werden. Die missionarische Lehrstunde gelang, weil Papst und Pilger gemeinsam differenzierte Antworten auf die entscheidende aller Fragen suchten, die Gottesfrage.

© Copyright Die Tagespost vom 22.8.2011